Serie zum Osnabrücker Wissensforum Arm bleibt arm, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Von Joachim Wilde (Gastautor)

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Osnabrück. Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Arm bleibt arm, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Armut in Deutschland ist immer wieder ein heiß diskutiertes Thema. Doch wovon sprechen wir eigentlich? Wer ist „arm“? Schaut man auf die internationale Ebene, so definiert die Weltbank jemanden als absolut arm, wenn ihm umgerechnet weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag, also weniger als 60 Dollar im Monat zur Verfügung stehen. Bei diesem Betrag geht es um das nackte Überleben. Weltweit betrachtet steht vielen Menschen nicht einmal dieser Betrag zur Verfügung. Hierzulande dagegen muss in diesem absoluten Sinne niemand arm sein oder bleiben. Leistungen der sozialen Grundsicherung wie Hartz IV oder Sozialhilfe sichern dagegen ab.

Medianeinkommen als Bezugspunkt

Worüber reden wir dann? Eine zweite Definition von Armut deutet diese relativ zu dem Lebensstandard in einem Land oder einer Region. Bezugspunkt ist dabei das sogenannte Medianeinkommen. Hierzu werden die Nettoeinkommen aller Bewohner der Größe nach sortiert. Dasjenige Einkommen, das genau in der Mitte liegt, ist das Medianeinkommen. Als armutsgefährdet oder eben relativ arm gelten dann Personen, die über weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens verfügen. Je nach Schätzung beläuft sich diese Armutsgefährdungsschwelle für eine alleinstehende Person in Deutschland im Jahr 2017 auf einen Betrag knapp unter oder etwas über 1.000 Euro im Monat. Diese Definition hat ihre Tücken. Beispielsweise kann ein Hamburger über der Schwelle für Deutschland liegen, aber unterhalb der Schwelle, die man bei Zugrundelegung des Medianeinkommens für Hamburg erhalten würde. Ist er nun arm oder nicht?

Joachim Wilde ist Professor für Ökonometrie und Statistik. Foto: Havergo


Wie dem auch sei: Wenn man Armut in diesem relativen Sinne betrachtet, macht die Diskussion der gestellten Frage Sinn. Stimmt es also, dass Personen, die im relativen Sinne einmal arm sind, dies auch bleiben? Und dann womöglich ihre Armut sogar noch an ihre Kinder weitervererben? Kölner Wissenschaftler haben dies auf der Basis einer repräsentativen Haushaltsbefragung untersucht. Dabei haben sie den Zeitraum von 2004 bis 2014 betrachtet und geprüft, welches Einkommen Personen, die 2004 unter der Schwelle lagen, 2014 hatten. Diese Zahlen wurden dann für Deutschland hochgerechnet. Dabei zeigte sich, dass 42 Prozent der Personen, die 2004 unter der Armutsgefährdungsschwelle lagen, auch 2014 relativ arm waren. Das ist einerseits viel, andererseits aber weniger als die Hälfte. Von den übrigen Personen lag etwa die Hälfte in einem Bereich von 60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens, während die andere Hälfte oberhalb von 80 Prozent einzuordnen war. Einmal arm, immer arm – das stimmt also auch bei einer relativen Betrachtung so pauschal nicht.

Gute Bildung als Lösung

Abschließend bleibt die Frage: Was hilft, um aus der relativen Armut herauszukommen oder ein Abrutschen in dieselbe zu verhindern? Ein Klassiker ist ein gutes Bildungsniveau. In der erwähnten Studie zum Beispiel gelingt Frauen mit einem höheren Bildungsabschluss der Einkommensaufstieg überproportional häufig. Gute Bildung – das steht vielerorts auf der politischen Agenda. Aber auch die Haushaltszusammensetzung spielt eine große Rolle. So ist die Situation zum Beispiel für Alleinerziehende schwieriger als für Paarhaushalte mit Kindern. Demzufolge wäre es auch unter Einkommensgesichtspunkten sinnvoll, mehr in die Stabilität von Beziehungen zu investieren. Doch haben Sie dazu schon mal eine politische Diskussion gehört?


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 11. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 12. Wissensforum findet am Freitag, 15. November 2019, statt.

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