Der Liebling der Gäste Statt Behindertenwerkstatt: 19-Jährige arbeitet im Café Erste Sahne in Osnabrück

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Trotz ihrer Behinderung kommt Saskia im Café Erste Sahne in Haste gut zurecht – und wurde schnell zum Liebling der Café-Besucher. Foto: David EbenerTrotz ihrer Behinderung kommt Saskia im Café Erste Sahne in Haste gut zurecht – und wurde schnell zum Liebling der Café-Besucher. Foto: David Ebener 

Osnabrück . Für Menschen mit Behinderung sind die Aussichten auf dem regulären Arbeitsmarkt äußerst beschränkt. Die meisten kommen in sogenannten Werkstätten unter, nur wenige schaffen es, einen "richtigen" Job zu finden. Saskia* ist eine von ihnen. Seit Dezember arbeitet die 19-Jährige im Café Erste Sahne in Haste.

"Was darf ich Ihnen bringen?" In gebügelter Bluse, den Kellnerblock fest in der Hand, steht Saskia am Tisch, um die Bestellung aufzunehmen. Ihr Handicap sieht man ihr nicht sofort an. Sie wirkt vielleicht etwas aufgeregter als andere Bedienungen – und fröhlicher. 

Sich Bestellungen zu merken und sie den richtigen Tischen zuzuordnen, das habe ihr am Anfang noch Probleme bereitet. "Und das Bedienen mit den vollen Tabletts – da ist mir immer mal wieder Geschirr runtergefallen", gibt sie zu und errötet. Doch ihre Chefin schüttelt den Kopf; so viel Bescheidenheit will sie nicht unkommentiert im Raum stehen lassen: "Saskia ist ein Mensch, den mag man einfach. Sie hat so viel Talent und lernt schnell." Mittlerweile dürfe sie sogar schon Bestellungen in die Kasse eingeben. 

Foto: Ebener

Und die Gäste? "Die sind begeistert. Wir haben hier viele Stammgäste, und die reagieren toll auf 'die Kleine', wie Saskia viele liebevoll nennen."

Heike Raba-Strozyk hat gemeinsam mit ihrem Mann Walter Strozyk vor knapp zwei Jahren das Café an der Bramstraße in Haste übernommen. Im Juli 2017 klingelte das Telefon. Die Grone-Schulen riefen an. Es gehe um ein Praktikum für eine damals 17 Jahre junge Frau, die an einer eingeschränkten Alltagskompetenz in Folge einer Lernbeeinträchtigung leide. 

Der Grone-Unternehmensverbund ist bundesweit tätig und gehört nach eigenen Angaben zu den ältesten und größten privaten Bildungs- und Personaldienstleistungsunternehmen in Deutschland. Doch nur am Osnabrücker Standort gibt es das Projekt "Arbeitsassistenz", das Menschen mit Behinderung helfen soll, sie in den sogenannten ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Seit 2011 wurde durch das Projekt 22 Menschen mit Beeinträchtigungen eine sozialversicherungspflichtige Arbeit oder eine Ausbildung vermittelt.

Foto: Ebener

Sicher sei nicht jeder dafür geeignet, und natürlich gebe es keine Garantie, dass die Integration in die Arbeit gelinge, sagt Ulrike Bratschko von den Grone-Schulen. Doch Saskia, die ihre Schulzeit an einer Förderschule mit einem hart erkämpften Hauptschulabschluss beendete, wollte partout nicht in eine Werkstatt. Sie war neugierig, wollte raus in die Welt und unter Menschen arbeiten, viel Kundenkontakt haben. "Also haben wir ihr mehrere Praktika vermittelt", sagt Ulrike Bratschko. Das vierte Praktikum absolvierte Saskia im Café Erste Sahne. Und weiter kam sie auch nicht. 

Keine Lust auf eine Stelle in einer Behindertenwerkstatt

Denn als Saskia nach drei Wochen im Café Erste Sahne gefragt wurde, welche Praktikumsstation sie sich als nächstes vorstellen könne, lautete die Antwort: "Also – eigentlich würde ich am liebsten hier bleiben."  

"Wir haben dann gleich über einen Vertrag gesprochen", sagt Heike Raba-Strozyk. Dass sie Menschen mit Behinderung so offen begegne, habe sicherlich auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun: "Mein Bruder hat unter psychischen Problemen gelitten und selbst in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet", sagt die Café-Betreiberin in unserem Video. 

Dass Saskia im Café Erste Sahne gelandet ist, war aber Zufall – eine Stelle war nicht ausgeschrieben. Die Mitarbeiter der Grone-Schulen wenden sich initiativ an verschiedene Betriebe und setzen dabei oft auf kleinere Unternehmen. Hier bestünde häufig ein persönliches Interesse an dem Projekt, sagt Bratschko. 

Persönliches Budget 

Ein weiterer Gast hat sich an diesem frühen Nachmittag in der Bramstraße eingefunden: Markus Janßen von der Agentur für Arbeit Osnabrück. Er trägt den Titel "Teamleiter berufliche Rehabilitation und Teilhabe".  Generell fördert die Arbeitsagentur einen Werkstattplatz in den ersten 27 Monaten, also in der Einarbeitungsphase, ehe ein Wechsel in den Arbeitsbereich erfolgt. Es gibt aber noch einen anderen Weg: über das sogenannte "persönliche Budget". Vereinfacht gesagt bedeutet das "persönliche Budget", dass Menschen mit Behinderung selbst bestimmen, wie sie einen bestimmten monatlichen Betrag für ihre berufliche Eingliederung verwenden wollen. 

Garantie auf Rückkehr in die Werkstatt

Mit Hilfe ihrer Pflegemutter nutzte Saskia diese Möglichkeit und fand über einen freien Träger – nämlich die Grone-Schulen – zu ihrem unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. Noch etwa ein halbes Jahr lang wird ein Jobcoach von Grone Saskia begleiten. Anschließend wird ihre Stelle noch maximal fünf Jahre lang vom Integrationsamt in Oldenburg im Rahmen des Programms "Arbeiten ohne Hindernisse" bezuschusst. "Außerdem gibt es seit 2018 durch das Bundesteilhabegesetz ein Rückkehrrecht in die Werkstätten", sagt Janßen von der Agentur für Arbeit. Das solle die Hemmschwelle für Menschen mit Behinderungen senken, die eigenen Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt zu testen. 

Für Saskia ist so eine Rückkehr in eine Behindertenwerkstatt derzeit unvorstellbar. In einem hinteren Zimmer des Cafés deckt sie gerade eine Kaffeetafel für eine größere Gesellschaft ein und strahlt dabei, dass die Zahnspange blitzt. Das macht sie alles ganz selbstständig. 

Im laufenden Café-Betrieb kommt sie gut zurecht, wie man sehen kann.

"Saskia macht das toll", sagt Heike Raba-Strozyk. "Sie guckt uns einfach zu und setzt das dann genauso um." Manchmal unterlaufen der 19-Jährigen zwar kleinere Patzer, manchmal könne sie sich schlecht konzentrieren oder sei zum Beispiel furchtbar aufgeregt und abgelenkt, weil sie etwas Emotionales erlebt habe, das sie noch beschäftige. "Aber das ist wirklich selten", sagt ihre Chefin. Und einen schlechten Tag, den habe doch jeder mal. 

*Auf Wunsch von Saskia und ihrer Pflegefamilie verwenden wir in dem Artikel nur ihren Vornamen






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