1500 bei Typisierungsaktion Überwältigende Hilfsbereitschaft für Jaliyah aus Osnabrück

Geschenke für Jaliyah: Ihre Eltern Gilberto (links) und Molina Weiß (rotes Shirt) hoffen, dass der passende Stammzellenspender gefunden wird. Foto: Thomas OsterfeldGeschenke für Jaliyah: Ihre Eltern Gilberto (links) und Molina Weiß (rotes Shirt) hoffen, dass der passende Stammzellenspender gefunden wird. Foto: Thomas Osterfeld 

Osnabrück. Die sieben Jahre alte Jaliyah hat eine schwere Blutkrankheit und braucht dringend einen passenden Stammzellenspender. Das Schicksal des Mädchens hat Menschen weit über die Grenzen Osnabrücks hinaus bewegt: 1500 Männer und Frauen aus ganz Nordwestdeutschland kamen am Samstag in die Stadt, um sich in der Gesamtschule Schinkel typisieren zu lassen.

Jaliyah befindet sich zurzeit Zuhause. „Ihr gesamtes blutbildendes System ist bereits heruntergefahren, daher müssen wir extrem vorsichtig sein", erklärt ihre Mutter Molina Weiß. "Jeder Infekt, jede Verletzung, jeder Sturz ist für sie sehr gefährlich. Alle paar Tage fahren wir in das Uniklinikum nach Münster damit sie Bluttransfusionen bekommt. Demnächst folgt die Chemo.“ 

Video: Mutter von Jaliyah "nervös, aufgeregt und überwältigt"

Jaliyahs Mutter berichtet von den Anfangssymptomen, die den Gang zum Arzt auslösten: “Es waren zunächst die zahlreichen blauen Flecken auf Jaliyahs Beinen, Armen und dem Rücken. Nach Untersuchungen dann der Befund Myelodysplatisches Syndrom, MDS. Für uns alle war das so unrealistisch. Ab da haben wir irgendwie nur noch funktioniert.“  

Kaum einer in Osnabrück, der Jaliyah und ihr bewegendes Schicksal noch nicht kennt: Die Siebenjährige benötigt dringend eine Stammzellenspende. Foto: Thomas Osterfeld

MDS ist eine seltene und gefährliche Krankheit, die auftritt, wenn im Knochenmark die Produktion der Blutzellen geschädigt ist. Eine kontinuierliche Produktion aller Blutzellen ist jedoch lebensnotwendig, denn diese haben nur eine begrenzte Lebensdauer. Das einzige, das dem Mädchen helfen kann, ist eine passende Stammzellenspende. 

Ihr kleiner Bruder als Spender schied aus, Hoffnung basiert nun auf der Typisierungsaktion und den Datenbanken der DKMS. (Weiterlesen: Mit Video: So rührend bittet die todkranke Jaliyah aus Osnabrück um Hilfe)

Drei Wattestäbchen zur Typisierung, intensiv in drei unterschiedlichen Mundregionen gerieben, und die Sanduhr zur Kontrolle der einminütigen Einwirkzeit. Foto: Thomas Osterfeld


Enormer Andrang

Ein Team aus über 50 Helfern stand am Samstag in der Gesamtschule Schinkel von 11 bis 16 Uhr bereit, um Speichelproben von 17 bis 55-Jährigen zu nehmen und die potentiellen Spender zu versorgen. Der Andrang war enorm, fast 400 Spender aus Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen waren bereits bis mittags dem Aufruf verschiedenster Medien und den vielen aufgehängten Plakaten und verteilten Flyern gefolgt, um sich mit drei Wattestäbchen einen Wangeninnenwandabstrich nehmen zu lassen. Bis zum späten Nachmittag waren es bereits 1500, die sich typisieren ließen.

Foto: Thomas Osterfeld


Die Diagnose MDS vom 13. November veränderte von heute auf morgen das Leben von Jaliyah und ihrer Familie. Unweigerlich stellt sich die Frage nach dem „warum?“. Es ist wohl eine der wenigen Fragen auf die es keine Antwort gibt. Was bleibt ist Kampfgeist, die Krankheit zu besiegen, und Hoffnung.

Hoffnung, dass es ihn irgendwo geben mag: den Stammzellenfremdspender, den sogenannten genetischen Zwilling, dessen humane Leukozytenantigene (HLA-Strukturen) in möglichst vielen Einheiten mit denen Jaliyahs übereinstimmen, am besten komplett identisch sind. Denn je besser die Immunmerkmale von Spender und Empfänger zusammenpassen, desto weniger Abstoßungsreaktionen finden statt und desto größer sind die Erfolgsaussichten. 

Ständige Akquise von Spendern notwendig

Christian Werheid von der DKMS hat die Typisierungsaktion an der Gesamtschule Schinkel mit vorbereitet und mit großer Resonanz gerechnet. „8,6 Millionen Menschen sind alleine bei uns registriert und die Leute sind nach wie vor gewillt, sich in die Spenderdatei aufnehmen zu lassen. Aktuell werden täglich 20 Stammzellenspender gefunden und seit der Gründung im Jahr 1991 lieferte die Datei bereits 74583 Treffer“, sagt er. Eine ständige Neu-Akquise sei jedoch notwendig, da eine gewisse Anzahl an registrierten Spendern stetig aus der Datei herausfalle: sei es durch fortschreitendes Alter, Erkrankung oder aber Nichterreichbarkeit. Auch Menschen mit Migrationshintergrund seien für die Datenbanken wichtig, da diese über andere HLA-Strukturen verfügen.

Foto: Thomas Osterfeld


Jetzt ruhen alle Hoffnungen darauf, dass wenigstens bei einem der Spender die Zellstrukturen denen Jaliyahs entsprechen, damit sie wieder gesund werden kann. Die Auswertung der aktuellen Speichelproben erfolgt im Labor und wird drei bis vier Wochen dauern. 

Hintergrund: Was passiert, wenn ein Spender gefunden wird?

Grundsätzlich gibt es zwei Methoden der Stammzellgewinnung: die klassische Knochenmarkentnahme, bei der dem Spender unter Vollnarkose ein Knochenmark- Blut- Gemisch aus dem Beckenkamm entnommen wird, und die inzwischen üblichere Periphere Blutstammzellspende, die nur wenige Stunden dauert und bei der keine Operation notwendig ist. Sie ähnelt dem Verfahren einer Blutspende. 
Mit beiden Methoden erreicht man qualitativ gleichwertige Ergebnisse. Es steht dem Spender daher grundsätzlich frei, für welche der beiden Möglichkeiten er sich bereit erklärt. 
Die Peripheren Blutstammzellspende hat inzwischen zu 80 Prozent die klassische Knochenmarkspende abgelöst. Dabei wird dem Spender circa eine Woche lang ein Hormon gespritzt. Dieses bewirkt, dass Stammzellen aus dem Knochenmark ins Blut übergehen. Am Tag der sogenannten Apherese wird der Patient mithilfe zweier Venenkatheter an seinen Armen an eine Apheresemaschine angeschlossen. Das Blut wird dabei aus einem Arm entnommen und zentrifugiert. Die Blutbestandteile werden dadurch räumlich nach ihrer Dichte getrennt, sodass die benötigten Blutstammzellen zielgerichtet „abgesaugt“ werden können. Nach der Filterung werden die einzelnen Blutbestandteile wieder miteinander gemischt und das Blut wird in den anderen Arm zurückgeführt. 
Vor jeder Spende findet eine umfassende Gesundheitsprüfung statt, um mögliche Risiken für Spender und Empfänger so gering wie möglich zu halten.

Die Familie und alle Angehörigen haben stets zusammengehalten, alles in ihrer Macht Stehende getan um Stammzellenspender zu finden. „Jaliyah selbst ist eine kleine Kämpfernatur. Sie ist in sich gewachsen seit sie weiß, dass sie krank ist. Und doch ist sie es, die uns tagtäglich neue Kraft gibt, das irgendwie gemeinsam zu packen“, sagt Vater Gilberto.







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