Ausgemerkelt und fleischeslustig „Kanzlersouffleuse“ Simone Solga macht ihrem Ärger in der Lagerhalle Luft

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Wenn „Mutti“ anruft: Fast drei Stunden lang redete Kabarettistin Simone Solga in der Lagerhalle über Politik und Persönliches.  Foto: Jörn MartensWenn „Mutti“ anruft: Fast drei Stunden lang redete Kabarettistin Simone Solga in der Lagerhalle über Politik und Persönliches. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Mit langem Atem und buchstäblich viel Stehvermögen präsentierte die scheidende „Kanzlersouffleuse“ Simone Solga in der ausverkauften Lagerhalle ihr Programm „Das gibt Ärger“.

Mit ihrer Rolle als „Kanzlersouffleuse“ ist Simone Solga durch. So ganz davon ablassen konnte sie aber nicht im restlos ausverkauften Saal der Lagerhalle, wo die sächsische Kabarettistin mit ihrem aktualisierten Programm „Das gibt Ärger“ auftrat. Es wäre aber auch unhöflich gewesen, Anrufe der Kanzlerin auf offener Bühne abzuweisen. So machte sie gute Miene zu bösem Spiel, zeigte sich aber ansonsten überdrüssig davon, immer nur nett, gut und unehrlich zu sein. Das bekam ein Herr in roten Socken in den vorderen Reihen ebenso zu spüren wie sämtliche potenzielle Nachfolgekandidaten Merkels, die alle ihr Fett wegbekamen – auch wenn Solga sich dabei trotz hoher Absätze zu so manch flachem Wortwitz verstieg.  

Keine politische Moralpredigt

Was die Kanzlerin lediglich auszusitzen pflegt, steht Solga buchstäblich durch. Fast drei Stunden lang redete sie ununterbrochen durch. Nur einmal musste sie sich hinsetzen, um sich auf der Bühne mit einem Wurstimbiss zu stärken. Aber selbst mit vollem Mund berichtete sie über ihr Unbehagen nicht nur darüber, immer noch Merkels Schatten zu sein, sondern auch mit diversen Zumutungen des Gender-Mainstreamings und der politischen Korrektheit („Irgendwen beleidigt man immer“). Vollmundig geißelte sie etwa die sozialen Medien, die „uns zu Asozialen gemacht“ hätten („Im Netz wird nicht debattiert, sondern polarisiert“), sich allein erziehende Kinder als „die Arschlöcher von morgen“, Entwicklungshilfe als „Homöopathie“ der Politik („Kostet viel, aber bringt nichts“), die „eingebaute moralische Vorfahrt“ der Grünen, die Verharmlosung des radikalen Islamismus oder die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin („Wir können nicht alle aufnehmen“). Damit hebt sich Solga durchaus ab von jenem politischen Gesinnungskabarett, dass sie selbst mit einem Gottesdienst verglich: „Man hört sich die Moralpredigt an und geht geläutert nach Hause“. 

Gegen Jugend- und Gesundheitswahn

Das Publikum gewährte der „ausgemerkelten“ Kabarettistin gern Asyl nach ihrer Flucht aus dem Kanzleramt, als sie etwa monierte, dass man nicht die Rüstungsausgaben erhöhen und gleichzeitig die Fluchtursachen bekämpfen wollen könne. Oder als sie sich vehement dagegen verwahrte, Männern, die ihr die Tür aufhalten, sagen zu müssen, dass sie „in ihrer Geschlechterrolle verfangen sind“. Gegen den kulinarischen Gesundheitswahn stellte Solga offen ihre Fleischeslust zur Schau, erhöhte dabei aber ihre Lust auf „Oralverkehr mit einem Leberwurstbrot“ zu einem Symbol für Selbstbestimmung. Weder möchte sie als potentielle Mörderin abgestempelt werden, wenn sie einen Diesel fährt, noch als „pervers“, wenn sie Rohkost persönlich überspitzt als „anderes Wort für Bio-Müll“ bezeichnet. Es sind freie Gedankenäußerungen wie diese, für die Solga in Kauf nimmt, dass ihre Arbeit mitunter sogar als „Nazi-Kabarett“ diffamiert wird. Über all das erhaben, gibt sie ihrem Publikum am Ende noch Tipps gegen den Jugendwahn und für ein selbstbewusstes Altern in Schönheit mit auf den Weg – plus ein ebenso desillusionierendes wie herzerwärmendes Lied für „fortgeschrittene“ Paare, mit dem sie noch ein letztes Mal beweist, dass sie auch singen kann.


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