Gezackte Leidenschaft Warum Briefmarkensammeln auch heute noch viele Menschen begeistert

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Geschichte zum Anfassen: Viele Exemplare aus den Sammlungen der Briefmarkenfreunde stammen aus der Kaiserzeit. Foto: Swaantje HehmannGeschichte zum Anfassen: Viele Exemplare aus den Sammlungen der Briefmarkenfreunde stammen aus der Kaiserzeit. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Der Osnabrücker Verein für Philatelie und Numismatik hat seinen 90. Geburtstag gefeiert. Ein stolzes Alter – doch wie viele Jahre kommen noch dazu? Und wer sammelt heute noch Briefmarken? Über ein Hobby von gestern, das Menschen weiterhin begeistert.

Es ist kühl, und die Wolken hängen tief, wahrscheinlich beginnt es gleich zu regnen. Schnell zum Auto, denkt man; doch dann fixiert einen dieses Pärchen, und die Frau, die gleichermaßen interessiert wie irritiert guckt, ruft: „Was machen Sie denn eigentlich auf so einer Briefmarkenausstellung?“

Dass man in einem Alter von 36 Jahren unter Briefmarkensammlern ein Exot ist, dessen Anwesenheit Fragen aufwirft, ist vielsagend. Die Antwort, man sei beruflich hier, scheint das Paar, das sich als Joachim Weiß und Sigrid Patz-Weiß vorstellt, dann auch fast zu beruhigen.

Die Tauschtage ziehen immer weniger Briefmarkenfreunde an. Foto: Swaantje Hehmann


Joachim Weiß ist leidenschaftlicher Briefmarkensammler, seit seinem sechsten Lebensjahr. Gemeinsam mit seiner Frau ist er heute aus Melle ins Osnabrücker Kreishaus gefahren, um die Ausstellung zum 90. Geburtstag des Vereins für Philatelie und Numismatik „Niedersachsen“ Osnabrück zu besuchen. In Melle, erzählt Joachim Weiß, sei der Niedergang seines Hobbys schon zu besichtigen. „In den 90er-Jahren waren wir in unserem Verein mal 80 Mitglieder. Jetzt sind es noch 38.“ Doch es ist nicht nur der fehlende Nachwuchs, der das einst so weit verbreitete Briefmarkensammeln ganz langsam aussterben lässt. Es ist auch die Post. „Wenn Sie heute einen Brief bekommen, wie oft ist denn da noch eine Briefmarke drauf?“

„Wie oft ist denn da noch eine Briefmarke drauf?“Joachim Weiß, Sammler aus Melle


Ein paar Tage später, in der Evangelischen Familienbildungsstätte in Osnabrück – es ist der monatliche Tauschabend der Osnabrücker Philatelisten –, legt Manfred Neumann die Stirn in Falten. Ja, sagt er, es seien tatsächlich immer weniger Briefmarken im Umlauf. Auf die Frage, ob die Post die Briefmarken in absehbarer Zukunft womöglich ganz abschaffe, antwortet Neumann nicht sofort. „Darauf läuft es wohl hinaus“, sagt er nach einigen Momenten. Es klingt, als hätte er diese Frage lieber nicht beantwortet.

Die Tatsachen sprechen eine deutliche Sprache

Als Vorsitzender des Osnabrücker Vereins für Philatelie und Numismatik ist Manfred Neumann zu einem gewissen Optimismus verpflichtet. Er sieht sich als Exponent einer großen Leidenschaft, nicht als Abwickler eines Hobbys für Ewiggestrige. Doch vor den Tatsachen kann Neumann die Augen natürlich nicht verschließen. Der Osnabrücker Philatelisten-Verein, der momentan 200 Mitglieder zählt, gehört zum nordrhein-westfälischen Verband; und über dessen Mitgliederentwicklung weiß der emeritierte Physikprofessor bestens Bescheid. „Vor 20 Jahren waren es 14.500, jetzt sind es noch knapp über 4000.“

Als Naturwissenschaftler habe er doch bestimmt ausgerechnet, wann die Mitgliederzahl bei null angelangt sein wird, sagt der Reporter. Wieder schweigt Manfred Neumann. Sein gequältes Grinsen verrät ihn, und irgendwann nennt er die Jahreszahl, die man aber doch nun wirklich nicht verbreiten müsse. Dass bei einer linearen Entwicklung der Nullpunkt in knapp zehn Jahren erreicht sein wird, kann allerdings auch jeder mit mathematischen Grundkenntnissen selbst ermitteln.

Liebevoll sortieren Sammler ihre Briefmarken, die zum Teil auch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Foto: Swaantje Hehmann


Es ist für den Besucher des Vereinsabends allerdings schwer zu glauben, dass die organisierte Philatelie so kurz vor dem Aussterben stehen soll. Der Eifer, mit dem das knappe Dutzend Männer in der Fabi dem Briefmarkentausch nachgeht, ist groß. Wobei: Getauscht wird hier eigentlich nicht. Sondern gekauft. Die Interessengebiete der Briefmarkensammler sind zu speziell, denn kein seriöser Philatelist sammelt einfach drauflos. Jeder hat bestimmte Themengebiete, und im Grunde ist die Philatelie damit nichts anderes als eine postalische Dokumentation historischer Prozesse. Besonders eindrucksvoll zeigen das Briefe aus der Hyperinflation von 1923, als die Portopreise mehrmals am Tag wechselten und die Briefe oft bis in die letzte Ecke mit Marken vollgeklebt waren.

„Ich würde gerne tauschen, nicht nur kaufen.“Bernd Reinhardt, Briefmarkensammler


Weil nun also nur selten zwei Philatelisten aufeinandertreffen, die mehr als ein konkretes Sammelgebiet teilen, wechseln die Marken in der Regel im Tausch gegen Scheine und Münzen den Besitzer. Für die erfahrenen Philatelisten ist das normal, Bernd Reinhardt hingegen findet es schade. „Ich würde gerne tauschen, nicht nur kaufen.“ Bernd Reinhardt ist erst seit zwei Jahren zurück in der Philatelie, in der Kindheit habe er gesammelt, dann viele Jahrzehnte nicht. Dass der pensionierte Ingenieur mit 76 Jahren sein Hobby wieder aufgenommen hat, ist familiär begründet. „Vor zwei Jahren habe ich acht Alben meines Vaters vererbt bekommen. Die möchte ich nun komplettieren, um sie meinem Sohn zu schenken.“

Die Tradition des Großvaters weiterführen

Der Sohn wisse übrigens nicht nur von dem Geschenk, er freue sich auch bereits darauf. „Er hat mir gesagt, dass er die Tradition seines Großvaters gerne weiterführen will.“ Und so sitzt Reinhardt nun mit Pinzette vor einem Album, das einen Satz von zehn Flugpostmarken enthält, die in der Sammlung des Vaters noch fehlen. „60 Euro möchte er dafür haben …“, sagt Reinhardt. Währenddessen blättert er im Michel-Katalog, der sämtliche Briefmarken und ihren Wert auflistet und so etwas wie die Bibel der deutschen Philatelisten darstellt.

Mit kritischem Blick prüft Bruno Stauvermann seine Briefmarkensammlung, die er loswerden will. Foto: Swaantje Hehmann


Auf der anderen Seite des Tisches sitzt Bruno Stauvermann, der keine Briefmarken kaufen, sondern nur noch loswerden möchte. „Ich löse auf, und damit fertig.“ Der hochbetagte Mann ist seit 62 Jahren im Verein, als er die ersten Tauschabende besuchte, hieß der Kanzler Adenauer und die Berliner Mauer war noch nicht einmal gebaut. „Von der Lufthansa habe ich alles gesammelt, seitdem die nach dem Krieg wieder auf die Beine gestellt wurde“, erzählt Stauvermann. Insgesamt 145 Alben habe er besessen, „die Kinderzimmer waren komplett voll“. Doch die vorherigen Bewohner der Zimmer hatten an der Philatelie kein Interesse. „Sohn, Tochter, Enkelkind – keiner will.“ Deshalb muss jetzt alles raus, und den Großteil seiner Alben hat Bruno Stauvermann bereits verkauft.

„Sohn, Tochter, Enkelkind – keiner will.“Bruno Stauvermann, Vereinsmitglied


Natürlich wüsste man gerne, wie viel Geld dabei zusammengekommen ist. Doch da beißt der Reporter auf Granit. „Philatelisten reden in der Öffentlichkeit eigentlich nie über den Wert ihrer Sammlungen“, sagt Manfred Neumann. „Schon deshalb nicht, weil man ja keine ungebetenen Besucher anlocken will.“

Nach längerem Bohren erfährt man dann immerhin, dass Neumann bei Ebay neulich für einen Plusbrief 340 Euro geboten hat und dann noch mit 341 Euro überboten wurde. Briefmarkensammeln kann ein teures und manchmal auch ertragreiches Hobby sein. Und nicht zuletzt, weil der Tausch Marke gegen Marke so selten zustande kommt, ist das Internet zum Handelsplatz Nummer eins geworden. „Ich habe bei Ebay bestimmt 20.000 Auktionen mitgemacht“, sagt Manfred Neumann.

Bezeichnungen wie bei Loriot

Für den Laien bleibt die Welt der Briefmarkensammler auch nach mehrmaligen Besuchen ein Kuriosum; nicht zuletzt, weil die von Postbeamten geprägte Sprache der Philatelie wie von Loriot erfunden klingt. „Nassklebende Rollen der Blumendauerserie“, da meint man ja schon den Heinzelmann im Hintergrund saugen zu hören. Die Briefmarkensammler kümmert diese Ignoranz wenig. Sie sind laut Manfred Neumann daran gewöhnt, von den Laien eigentlich immer auf ein Thema angesprochen zu werden: „Die Blaue Mauritius, die kennt auch wirklich jeder.“ 


Treffen der Briefmarkenfreunde

Nächster Tauschtag am Sonntag, 20. Januar 2019, von 10 bis 12 Uhr in der evangelischen Familien-Bildungsstätte an der Anna-Gastvogel-Straße in Osnabrück.

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