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Leiterin Nicole Anell im Interview Wie Osnabrücks Jobcenter die Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen will

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Nicole Anell ist seit Juli 2018 Geschäftsführerin des Osnabrücker Jobcenters. Foto: Michael GründelNicole Anell ist seit Juli 2018 Geschäftsführerin des Osnabrücker Jobcenters. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Elf Prozent der Osnabrücker beziehen Hartz-IV, rund 2500 Menschen sind langzeitarbeitslos. Sie wieder in Lohn und Brot zu bringen, ist Aufgabe des Jobcenters – und das hat seit einem halben Jahr eine neue Leiterin. Wir haben Nicole Anell im Interview gefragt, wie sie die stagnierend hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen senken will.

Als Sie am 1. Juli 2018 als Geschäftsführerin des Jobcenters gestartet sind, haben Sie es zu Ihrem ersten Ziel erklärt, die Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen. Wie wollen Sie das machen?

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum die Menschen bei uns sind und Leistungen beziehen. Natürlich gelingt es einigen sehr schnell, wieder in Arbeit zu gehen. Aber wir haben auch viele Menschen, die zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen eingeschränkt sind. In unseren Beratungen müssen wir die individuellen Gründe berücksichtigen und die Menschen befähigen für den Arbeitsmarkt: erst qualifizieren und dann integrieren. 

Ja, aber wie? Etwa 2.500 Menschen sind in Osnabrück langzeitarbeitslos und nochmal so viele weitere beziehen Hartz IV. Seit vielen Jahren befindet sich die Langzeitarbeitslosigkeit auf diesem Level.  

Seit zwei Jahren haben wir jetzt ganzheitlichere Angebote entwickelt, bei denen der Fokus nicht darauf liegt, nur ein Problem zu betrachten. Ich kann natürlich bei einem Menschen, der existenzielle Not hat, nicht sofort über den Arbeitsmarkt reden. Ich muss ihn erst einmal ganzheitlich betrachten und herausfinden, was ihn eigentlich an der Arbeitsaufnahme hindert, ihn zum Beispiel erst einmal zur Schuldnerberatung schicken. Zum Teil ist ein Coaching sinnvoll, in anderen Fällen Beratung oder Aktivierungsangebote, je nachdem, wo der Mensch sich befindet. 

Haben Sie dafür genug Personal?

Wir halten den gesetzlich vorgegebenen Betreuungsschlüssel ein, der liegt bei 1:150 bei den über 25-Jährigen, bei den unter 25-Jährigen ist das 1:75 – da liegen wir bei 1:74. Es ist aber so: Wenn Sie jemanden  ganzheitlicher betrachten wollen, können Sie die Menschen nicht einfach so ins Bewerbungstraining schicken und von Maßnahme zu Maßnahme stecken. Wir haben teilweise Fälle, wo die Aufnahme der Arbeit gelingt, wir aber sehen, dass das aus unterschiedlichsten Gründen nicht geschafft wird: Die Kinderbetreuung fällt weg, gesundheitlich geht es nicht gut, die Integration ins Team gelingt nicht. Da möchten wir uns intensiv drum kümmern, indem wir die Arbeitsaufnahme über ein Coaching im Betrieb begleiten, auf freiwilliger Basis.

Dafür müssen sich Ihre Kollegen ja hineinarbeiten und fast schon die Aufgaben eines Sozialarbeiters erfüllen. Haben Sie dafür denn nun genügend Kapazitäten?

Sie müssen priorisieren, das ist ganz klar. Natürlich wünschen wir uns alle immer mehr Personal. Wir beteiligen uns ja immer an Bundes- und Landesprogrammen, wo wir bestimmte Mittel für eine bestimmte Zeit bekommen. Und diese stets kurzen Förderdauern widersprechen eigentlich dem Ziel, lang- und mittelfristig planen zu können. Das Ziel sollte sein, gute Ansätze zu verstetigen und weiterzuentwickeln.

Was halten Sie von Sanktionen?

Für mich stellt sich diese Frage nicht. Wir handeln hier auf Basis eines Gesetzes. Da haben wir keinen Ermessensspielraum. Es ist nicht so, dass wir eine Sanktionsbehörde sind. Aber wenn Kunden nicht mitarbeiten, wenn etwa jemand zu Terminen nicht erscheint und auch keinen wichtigen Grund wie Krankheit nachweisen kann, dann ist zu sanktionieren.

Und Ihre persönliche Meinung dazu?

Ich habe ja auch mal als persönliche Ansprechpartnerin gearbeitet, das heißt, ich war auch im direkten Kundenkontakt. In manchen Fällen kriegen Sie die Kunden damit dazu, wieder ins Gespräch mit Ihnen zu kommen. Und im Bereich Vermittlung sind wir auf Gespräche angewiesen und auf regelmäßige Kontakte. Insofern ist meine Erfahrung, dass das durchaus manchmal hilfreich sein kann, weil es dem Kunden klarmacht, dass er mitwirken soll. Wir fördern und fordern!

Wie hoch ist der Anteil von Migranten bei Ihnen im Jobcenter?

Ungefähr 23 Prozent der Hilfebedürftigen bei uns kommen aus dem Bereich Flucht und Asyl und Südosteuropa.

Wie gehen Sie damit um?

Wir haben natürlich in den letzten beiden Jahren viele geflüchtete Menschen in den Bezug bekommen. Das ist eine Herausforderung gewesen, die wir unter anderem mit unserem Angebot „Migrationskompetenzcentrum“ teilweise lösen konnten: dort wir zeitgleich der Integrationskurs besucht und beruflich orientiert. Dennoch dauern die Prozesse bei Geflüchteten unglaublich lange. Wenn Sie beispielsweise jemanden haben, der noch nicht richtig lesen und schreiben kann, dann ist er oder sie erst einmal nur damit beschäftigt, die deutsche Sprache zu lernen und die schulischen Voraussetzungen zu erbringen – und nach zwölf Monaten ist er bereits langzeitarbeitslos. Eigentlich müsste man das positiv deuten: Es gelingt uns, dass die Langzeitarbeitslosigkeit nicht ansteigt trotz der hohen Zugänge.


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