Im Gespräch mit IHK-Präsident Goebel "Das Glück liegt nicht nur in der Ferne"

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Seit rund einem Monat ist Uwe Goebel Präsident der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Den Erfolg des Wirtschaftsstandort will er messbar machen und weiter verbessern. Foto: Jörn MartensSeit rund einem Monat ist Uwe Goebel Präsident der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim. Den Erfolg des Wirtschaftsstandort will er messbar machen und weiter verbessern. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Seit rund einem Monat ist Uwe Goebel Präsident der IHK Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim. Ein Gespräch über Ziele, Standortfaktoren und neue Märkte.

Herr Goebel, für alle, die Sie noch nicht kennen: Wie würden Sie sich in drei Worten beschreiben?

Ruhig, zielstrebig und manchmal auch ein bisschen emotional.

Das hört sich doch nach einer guten Mischung an.

Ja, eigentlich schon. Emotional immer dann, wenn mich spontan mal etwas besonders reizt. Aber das beruhigt sich auch schnell wieder.

Sie sind der erste IHK-Präsident aus dem Dienstleistungssektor. Ist das eine besondere Herausforderung?

Ich komme aus der Dienstleistungsbranche, das ist richtig. Ich habe jedoch immer mit der Industrie und dem Handel zu tun. Das Wichtigste, was ich als Dienstleister mitgenommen habe, ist, dass es ohne Industrie nicht geht. Es spielt als IHK-Präsident keine Rolle, aus welcher Branche man kommt.

Auch der DIHK hat seine Wirtschaftsprognosen nach unten korrigiert. Sind die fetten Jahre vorbei?

Das wäre Klagen auf hohem Niveau. Wir haben in unserer Region nahezu Vollbeschäftigung, die Lage aktuell ist super. Der wirtschaftliche Erfolg darf uns aber nicht zufriedenstellen. Wir müssen diesen Zustand erhalten und ausbauen. Da braucht es auch das Ohr der Politik, dass es nicht immer so bleiben muss.

Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Die Indikatoren deuten auf einen Knick hin. Die Weltwirtschaft trübt sich ein, das hat Auswirkungen auf die Exporte unserer Unternehmen. Immerhin wird in unserer Region ein Drittel des Industrieumsatzes im Ausland gemacht. Unsere Absatzmärkte werden schwieriger, da spielt der Brexit genauso mit hinein wie die Sanktionen gegen Russland, die zum Beispiel unsere Landmaschinenindustrie fühlbar beeinträchtigen, und der Protektionismus der USA.

Apropos Brexit: In der kommenden Woche wird abgestimmt. Sind Sie noch optimistisch, dass es eine Einigung geben wird?

Ein gewisser Optimismus für einen weichen Brexit bleibt.

Gibt es auch Märkte, die wieder interessant werden?

Erzeugnisse unserer Unternehmen haben weltweit einen guten Ruf. Aufgrund der globalen Schwierigkeiten wenden sie sich verstärkt wieder dem europäischen Markt zu. Dazu werden auch unsere bevorstehenden Delegationsreisen nach Großbritannien und nach Polen beitragen. Das Glück liegt eben nicht immer nur in der Ferne.

Sondern auch am Wirtschaftsstandort in der Region. Allerdings kritisieren Unternehmer alte Bekannte: Fachkräftemangel, Infrastruktur, Breitbandversorgung …

Das ist bedauerlich, und wir sind nicht die Einzigen, die diese Probleme auf der Liste haben. In anderen IHK-Bezirken ist es ähnlich. Die Verkehrssituation in den Oberzentren wie Osnabrück kommt noch hinzu. Da ist es ein gutes Signal, dass der Oberbürgermeister das Thema Baustellenmanagement bei einer so wichtigen Rede wie der zum Handgiftentag aufgreift und es sich damit nun auch zu eigen macht. Bei der langfristigen Baustellenplanung gibt es sicher noch Luft nach oben.

Zum Fachkräftemangel gehört die zunehmende Zahl offener Lehrstellen. Jammert die Wirtschaft hier auf hohem Niveau?

Nein, das ist tatsächlich ein täglicher Kampf. Unbesetzte Ausbildungsstellen und der Mangel an Mitarbeitern in den Unternehmen sind spürbar. Und das wird sich mit dem wegfallenden Abitur-Jahrgang 2020 durch die Umstellung von G8 auf G9 noch verschärfen. Deshalb raten wir den Unternehmen, ihre Bemühungen in diesem Jahr zu verstärken und die Lehrstellen – so gut es geht – doppelt zu besetzen. Aber es ist ein enger Markt – trotz der im vergangenen Jahr gestiegenen Zahl von neuen Ausbildungsverträgen.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die Standortfaktoren weiter zu verbessern?

Wir müssen vor allem die Realisationszeiträume von Infrastrukturmaßnahmen deutlich reduzieren. Wir freuen uns über die fertiggestellte Nordumgehung in Bad Oeynhausen, aber das war ein Prozess von 50 Jahren und hatte nichts mit der Couleur einer Landesregierung zu tun. Unser Bau- und Bauplanungsrecht ist in weiten Teilen zu umständlich, diese Zeiträume können wir uns nicht leisten. Da hängt uns das Ausland ab. Auch der Breitbandausbau muss endlich vorangehen, ebenso wie die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur im ländlichen Raum, etwa durch den Ausbau der E 233 im Emsland.

Welche Ziele haben Sie sich schon gesetzt?

Wir müssen den Erfolg unseres Wirtschaftsstandorts messbar machen und verbessern, auch in der Berufsbildung. Nach innen, in unseren Gremien, möchte ich dazu beitragen, den Frauenanteil zu erhöhen. Das ist ein dickes Brett, das wir bohren. Mein Vorgänger, Herr Schlichter, hat den Prozess mit großer Kraft angestoßen, und ich werde ihn fortführen.

Welche Maßnahmen stellen Sie sich da vor? Eines der Grundprobleme, die Zeit für das Ehrenamt, ändert sich ja nicht.

Unsere Unternehmen wissen auch heute schon, dass sie sehr flexible Arbeitszeitmodelle anbieten müssen und die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Freizeit ein wichtiges Gut für jeden Arbeitnehmer ist. Da brauchen wir auch keine Vorgaben aus Berlin, wir sind schon deutlich weiter. Das richtet sich auch nicht nur an Frauen, sondern es gibt auch Lebensentwürfe von Männern, die von der 40-, 50- oder 60-Stunden-Woche abweichen. Mein Wunsch wäre, dass noch mehr Unternehmerinnen oder weibliche Führungskräfte Zeit fürs Ehrenamt frei machen und unsere Arbeit in der IHK unterstützen.


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