„Menschliche Abgründe“ In Osnabrück getötetes Baby: Staatsanwaltschaft und Nebenklage fordern lange Haft

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Der Angeklagte und sein Verteidiger am ersten Prozesstag. Anklage und Nebenklage fordern zwölf Jahre Gefängnis.  Foto: Jörn MartensDer Angeklagte und sein Verteidiger am ersten Prozesstag. Anklage und Nebenklage fordern zwölf Jahre Gefängnis. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Staatsanwaltschaft und Nebenklage sind sich einig: Der kleine Liam starb im Mai vergangenen Jahres in Osnabrück an Schlägen durch seinen Vater. Sie beantragten am Freitag eine lange Haftstrafe. Der Verteidiger verschob sein Plädoyer auf kommende Woche.

Zwölf Jahre Gefängnis wegen Totschlags: Das fordern die Staatsanwältin und die Anwältin der Kindsmutter, die als Nebenklägerin auftritt. Liam war im Mai 2018 an Kopfverletzungen gestorben – nur vier Tage nach seiner Geburt und dem ersten alleinigen Kontakt mit seinem Vater.

Die Staatsanwältin sagte in ihrem rund 40 Minuten langen Plädoyer, sie sei überzeugt, dass der Angeklagte Liam getötet habe. Nachdem er ihn und seine damalige Freundin von der Entbindungsstation eines Krankenhauses abgeholt habe, sei es kurz danach in der gemeinsamen Wohnung zum Streit gekommen. Der Angeklagte habe seiner damaligen Partnerin in die Rippen geboxt und zweimal ins Gesicht geschlagen. Die heute 25-Jährige trug eine blutende Nase und ein blaues Auge davon. Sie sei dann ins Schlafzimmer gegangen, der Angeklagte habe Liam im Badezimmer baden wollen.

Großes Hämatom am Penis

Was dort passierte, ist weiterhin nicht eindeutig geklärt. Der Staatsanwältin zufolge gibt es zwei mögliche Szenarien. Nachdem der damals 24-jährige Liam ausgezogen hatte, habe der Säugling uriniert. Der Angeklagte habe daraufhin seine Penisspitze zugedrückt, was das große Hämatom am Penis erklären würde, und den Jungen anschließend mehrfach geschlagen. Variante zwei: Liam habe im Bad gezappelt, der 25-Jährige sei in Rage geraten und habe mehrfach zugeschlagen und den Penis malträtiert – eine Version, die der Angeklagte während einer Vernehmung gestanden und später widerrufen hatte.

Die Staatsanwältin ist sich sicher: Liam war dem Angeklagten nicht aus den Händen gerutscht und auf Waschbecken und Boden geknallt, wie der Angeklagte vor Gericht behauptet hatte. Ein Rechtsmediziner hatte diese Version vor Gericht ausgeschlossen.

Widersprüchliche Aussagen

Gegenüber seiner Freundin habe der Angeklagte noch versucht, die Tat zu vertuschen, so die Staatsanwältin weiter. Bevor sie zum Einkaufen ging, hatte sie Streifen am Kopf des Jungen bemerkt. Einer seiner Hunde habe den Jungen mit einer Pfote erwischt, habe der Angeklagte das zu erklären versucht. Als sie vom Einkaufen zurückkam und den reglosen Jungen sah, hatte der Angeklagte erst Mutter und Großmutter angerufen, dann erst einen Notruf abgesetzt. In dem Anruf sagte er, ein fremder Hund habe seinen Sohn attackiert – eine weitere Vertuschung, warf die Staatsanwältin dem Angeklagten vor. Ständig habe der 25-Jährige seine Aussagen geändert und dem jeweiligen Ermittlungsstand angepasst.

Die Staatsanwältin beantragte zwölf Jahre Haft. Sie ist überzeugt: „Der Angeklagte handelte mit Tötungsabsicht“. Er sei zudem zur Tatzeit voll steuerungsfähig gewesen. Er sei nicht auf Drogen gewesen, habe keine Entzugserscheinungen gehabt, das Vertuschen und Lügen gegenüber seiner Freundin und Erfinden der Hundeattacke seien „geplante und gezielte Tätigkeiten“ gewesen. Für den Angeklagten spreche, dass er nicht vorbestraft sei und Reue zeige.

Zwölf Jahre – nach der Forderung flossen bei dem Angeklagten Tränen.

Nebenklage schließt sich Staatsanwaltschaft an

Die Anwältin der Kindsmutter stellte Reuegefühle in Frage. „Abgründe menschlichen Handelns“ hätten sich während des Prozesses aufgezeigt. Auch die Nebenklage beantragte zwölf Jahre Gefängnis, denn die „Kindstötung ist die schlimmste Tat, die ein Mensch begehen kann“ – insbesondere gegen einen absolut wehrlosen Säugling, sagte die Anwältin. „Aber die Tat ist nicht passiert, Sie haben gehandelt“, sagte sie in Richtung des 25-Jährigen. Der Tod des Kindes sei „fast schon vorhersehbar gewesen. Es waren zahlreiche Warnsignale da, die waren „auch dem Angeklagten vorher bewusst gewesen“, nämlich Drogen, Alkohol, die schwere langjährige Depression, die allgemeine Überforderung, das Verweigern sämtlicher Hilfe.

Auch die Nebenklage stellte die Glaubwürdigkeit des Angeklagten in Frage. „Das sind absolut widersprüchliche Aussagen – mindestens sechs Versionen“, sagte die Anwältin. Der Angeklagte wisse genau, dass Liam so gestorben ist, wie es der Rechtsmediziner geschildert habe. „Warum sagt er nicht, wie es war? Warum legen Sie nicht die Karten auf den Tisch?“, fragte sie. Stattdessen habe er versucht, die Tat zu vertuschen und dann sogar noch seine ehemalige Partnerin belastet – sie habe die Hundeattacke angeblich erfunden.

Auch die Nebenklage erachtet den Angeklagten als zur Tatzeit „voll steuerungsfähig“. Und sie fragte:

„Für einen Hund braucht man einen Führerschein, für Kinder nicht. Darüber sollte man mal nachdenken.“Anwältin der Kindsmutter

Verteidigung verschiebt Plädoyer

Die Verteidigung verschob ihr Plädoyer, sie benötigte mehr Vorbereitungszeit. Der Schlussvortrag des Anwalts folgt am 17. Januar. Daher beraumte das Gericht einen Zusatztermin für die Urteilsverkündigung an: am 25. Januar um 11 Uhr. Auf Totschlag stehen fünf bis 15 Jahre Haft.


Der Prozess

Seit dem 7. November muss sich der 25-jährige Kindsvater vor dem Landgericht wegen Totschlags verantworten. Bis in den Januar hinein setzte das Gericht acht Verhandlungstage an. Nun gibt es einen weiteren. Das Urteil soll nun am 25. Januar verkündet werden.

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