Prozess um getötetes Baby Gutachter über Osnabrücker Angeklagten: Er weiß nicht, wohin mit der Wut

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Der Angeklagte vor dem Landgericht am ersten Prozesstag. Foto: Jörn MartensDer Angeklagte vor dem Landgericht am ersten Prozesstag. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Am sechsten Verhandlungstag gegen den 25-Jährigen Osnabrücker, der im Mai 2018 sein Baby zu Tode geschlagen und geschüttelt haben soll, ist es am Mittwoch um zwei Fragen gegangen: Ist der Angeklagte schuldfähig? Und wo sollte er im Falle seiner Verurteilung untergebracht werden?

Dazu äußerste sich der psychiatrische Gutachter vor dem Schwurgericht, der sich im Juli 2018 dreimal mit dem Angeklagten im Gefängnis getroffen hatte. Er beschrieb den 25-Jährigen als mehrfach drogen- und alkoholabhängig sowie depressiv. Schon seit geraumer Zeit würden den Angeklagten Suizidgedanken plagen. Er habe Probleme mit Wut und Traurigkeit. „Er hat eine scheiß Wut im Bauch“, konkretisierte der Sachverständige.

Hintergrund: Sein leiblicher Vater, ein britischer Soldat, hatte die Familie früh verlassen. Sein Stiefvater, ebenfalls britischer Soldat, fiel im Irakkrieg, da war der Angeklagte neun Jahre alt. Dessen Tod hätte den heute 25-Jährigen „sehr zerrüttet“. Drogen- und Alkoholsucht sei die Folgen gewesen, sagte der Gutachter.

Drogen und Alkohol schon in frühen Jahren

Das Leben des Angeklagten ist seiner Angabe zufolge geprägt von Drogen und Alkohol.
Sein leiblicher Vater, ein britischer Soldat, verlässt die Familie, als er fünf ist. Sein Stiefvater, ebenfalls britischer Soldat, fällt im Irakkrieg, als er neun ist.
Schon im Kindergarten fällt es dem Angeklagten schwer, sich einzuordnen, bis die Mutter ihn aus der Einrichtung nimmt. Sie sei lieb, aber überfordert mit ihm gewesen. Schon früh verfällt der Osnabrücker dem Alkohol. Seinen ersten Rausch hat er im Alter von zehn oder elf Jahren. Mit 14 kommt er mit 4,8 Promille ins Krankenhaus.
In den weiteren Jahren folgen weitere Drogen, die er in großen Mengen konsumiert: Koks, Marihuana, Speed, Extasy, LSD, Pilze. Entzüge und Therapien scheitern.
In der achten Klasse bricht er die Hauptschule ab. Eine Ausbildung beginnt er nicht, mehrere Jahre ist er wohnungslos.
Er habe nun die Privatinsolvenz beantragt – wegen Mietschulden und „Jugendsünden“. yjs

Auch sei der Angeklagte aggressiv, allerdings richte sich die Aggressivität weitgehend gegen sich selbst. „Er weiß nicht, wohin mit der Wut – und richtet die Kraft eher gegen sich“, etwa in Form des Drogenkonsums, sagte der Gutachter. Das schließe aber eine gelegentliche Ohrfeige gegen Dritte nicht aus. Der Angeklagte soll die Kindsmutter mindestens zwei Mal in deren Beziehung geschlagen haben. Als Liam ins Krankenhaus kam, hatte sie ein blaues Auge.

Gutachter: Angeklagter war steuerungsfähig

Ferner attestierte der Gutachter dem Angeklagten ein gestörtes Sozialverhalten – trotz guter sozialer Bindungen –, aber keine Persönlichkeitsstörung. Und: Er ist der Ansicht, dass der 25-Jährige zur Tatzeit trotz seiner Süchte steuerungsfähig war. Schließlich habe er sogar noch die Hundeattacke erfinden können.

Allerdings sei er im Falle einer Verurteilung im Gefängnis falsch aufgehoben, stattdessen besser im Maßregelvollzug – Einrichtungen, in denen psychisch kranke oder suchtkranke Menschen fachgerecht behandelt und untergebracht werden. Dem schloss sich die Nebenklage an. Im Gefängnis wäre „das Problem nur für ein paar Jahre geparkt“, so der Gutachter. Der Angeklagte benötige eine intensive Suchttherapie – stationär und über einen langen Zeitraum: Bliebe eine intensive Therapie aus, „dann sehen wir uns wieder“, sagte er dem Gericht.

Auch Psychologin sagt: Keine Persönlichkeitsstörung

Auch eine Psychologin sagte am Mittwoch aus, die den Angeklagten zweimal im August 2018 getroffen hatte. Auch sie attestierte dem 25-Jährigen Drogensucht und Depression. Mit einem IQ von 83 liege er gerade noch im Bereich einer Lernbehinderung – der Angeklagte hat eine Lese- und Rechtschreibschwäche –, es gebe aber keinen Hinweis auf eine Intelligenzminderung. Auch die Gutachterin sagte, der Angeklagte habe keine Persönlichkeitsstörung. Und er sei nur durchschnittlich aggressiv – wobei dieses Testergebnis auf eine Selbsteinschätzung des Angeklagten zurückzuführen sei und konträr zum tatsächlichen Verhalten sein kann, wie die Psychologin auf Nachfrage der Staatsanwältin sagte.

Liam starb vier Tage nach seiner Geburt

Im Mai vergangenen Jahres soll der Angeklagte seinen vier Tagen alten Sohn Liam zu Tode geschlagen und geschüttelt haben – vier Stunden nach der Entlassung von Kind und Kindsmutter von der Entbindungsstation. Eine Woche später starb Liam an Kopfverletzungen. Der Fall hatte für Aufsehen gesorgt, denn anfangs hatten die Eltern angegeben, ein fremder Hund habe ihr Baby attackiert – eine Lüge, die sehr schnell aufflog. Danach gab der Kindsvater an, das Baby sei ihm beim Waschen aus den Händen gerutscht und auf Beckenrand und Fußboden gefallen. Ein Rechtsmediziner widersprach vor Gericht dieser Angabe: Die Verletzungen – eine Schädelfraktur, ein Schädelhirntrauma, Hämatome an Kopf, Brust, Arm und Penis, ein langer Riss im Rachen – seien nicht durch einen Sturz verursacht worden.

Am Freitag werden die Plädoyers gehalten. Ein Urteil soll es an dem Tag nicht geben.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN