Als Obdachloser gestrandet Familie des Toten gibt dem Osnabrücker "Reh" ein Gesicht

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Grabstelle eines vor ca. 20 Jahren verstorbenen Obdachlosen, dessen Name unbekannt war und Reh genannt wurde, auf dem Heger Friedhof. Ein Ermittler der Polizei Osnabrück hat nun die Identität des Mannes heraus gefunden.  Foto: Michael GründelGrabstelle eines vor ca. 20 Jahren verstorbenen Obdachlosen, dessen Name unbekannt war und Reh genannt wurde, auf dem Heger Friedhof. Ein Ermittler der Polizei Osnabrück hat nun die Identität des Mannes heraus gefunden. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Mehr als 30 Jahre lang lebte Volker S. im Ungewissen darüber, was mit seinem verschollenen Bruder Jörg geschah. Bekannt als "das Reh", lebte er jahrelang als Obdachloser in Osnabrück. Erst jetzt wurde seine Identität geklärt. Eine Spurensuche.

Volker S.* wirkt gefasst am Telefon. So gefasst, wie man eben sein kann, wenn sich von jetzt auf gleich das Schicksal des Bruders Bahn in das eigene Leben bricht. "Meine Verarbeitung sind die Gespräche mit Menschen, die ihn kannten und die Recherche über seine Lebensumstände", sagt S..

Ein bekannter Unbekannter

Gespräche hat der Leipziger zuletzt häufig mit Uwe Hollmann geführt. Der Ermittler der Osnabrücker Polizei deckte vor einigen Wochen die Identität eines Obdachlosen auf, der im Jahr 2001 in Osnabrück starb und seither als "Cold Case", also ungelöster Todesfall galt. Der Mann lebte vor seinem Tod jahrelang im Umfeld der juristischen Fakultät zwischen Martinistraße und Katharinenstraße – und war vielen Studenten und Universitätsmitarbeitern als "das Reh" bekannt. 

Klicken Sie sich durch unsere interaktive Karte und erfahren Sie mehr über die Orte, an denen der Mann seine Spuren hinterlassen hat.

In den vergangenen Tagen haben sich einige ehemalige Studenten bei unserer Redaktion gemeldet, die sich an den Mann erinnern können. Die Zeitzeugen bestätigen den Eindruck von Sonja Krügener, die mittlerweile in Düsseldorf lebt und mit einigen Mitstreitern nach dem Tod des Rehs eine Spendenaktion für ein Begräbnis ins Leben rief. 

Alle Beobachter beschreiben das Reh als friedlichen, scheuen Menschen. "Er gehörte gewissermaßen zum Inventar", schrieb eine Leserin über den Mann, der häufig in der Cafeteria des Juridicums saß. "Er hat eigentlich nur wirres Zeug geredet und häufig irgendwelche Texte rezitiert", sagte ein Anrufer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mehr als 30 Jahre keinen Kontakt zur Familie

All das war bis vor Kurzem weit weg von Volker S., der sich in seiner Geburtsstadt Leipzig ein Leben aufbaute und bis heute dort lebt. Anfang der 1980er Jahre sah er seinen Bruder das letzte Mal von Angesicht zu Angesicht. Über mehrere Jahre hinweg kam Jörg während der Leipziger Messe, als das DDR-Regime die Einreiseregelungen lockerte, nach Hause zu seiner Familie. Anders als Volker und seine Angehörigen lebte Jörg zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre in Westdeutschland.

Leipziger Messe

Die Ursprünge der Leipziger Messe reichen zurück ins 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Trennung in West- und Ostdeutschland wurde das Messewesen erst langsam wieder aufgebaut. Früh waren auch westdeutsche Aussteller wieder vertreten. Die Leipziger Messe entwickelte sich später zum Motor des Ost-West-Handels. 

Später gab es sogar Erleichterungen im Grenzverkehr, so gab es während der Messezeiten unter anderem keine Gebühren für die Benutzung der Transitstrecken.

Bis 1972 verliefen die Bahnen der Brüder parallel zueinander. Während Volker sich heute als sehr sensibles und zurückhaltendes Kind bezeichnet, sei Jörg schon immer ein "Abenteurer" gewesen:

"Er war irgendwie unverwüstlich und immer viel mutiger als ich."

Möglicherweise lag darin auch der Fluchtgedanke begründet, den Jörg mit einem engen Freund hegte. Im Alter von 18 Jahren wagte er den Fluchtversuch über die damalige Tschechoslowakei. Er misslang und Jörg S. wanderte ins Gefängnis.

Ungebrochen blieb damals sein Wunsch nach Freiheit, die er im Westen zu finden hoffte. Nach 18 Monaten im Knast kaufte ihn die BRD 1973 wie so viele andere Gefangene frei. "Gefängnis in der DDR war kein Vergnügen", sagt sein Bruder. "Die Erniedrigungen und die ständige Überwachung sind sicher nicht spurlos an ihm vorbeigegangen."


Dennoch war Jörg S. scheinbar am Ziel. Nach seiner Gefängnisstrafe kam er zunächst in Schwäbisch Gmünd unter, wo auch sein Vater lebte. "Zwischen den beiden ging es aber nicht lange gut", sagt Volker S.. Dennoch lebte sein Bruder mehrere Jahre ein geregeltes Leben in Süddeutschland, hatte eine feste Freundin und eine geregelte Arbeit.

Doch eine Sache fehlte: die Familie. "Als Republikflüchtiger durfte er uns nicht besuchen", sagt Volker S.. Lediglich zur Leipziger Messe waren Besuche möglich. Volker S. erinnert sich, dass sein Bruder irgendwann zurück wollte in den Osten, zu seiner Familie. Das Gesuch ging auch durch die Hände der Stasi, es wurde abgelehnt.

Bruch in den 1980er Jahren

Bis Anfang der 1980er Jahre blieb die Situation stabil, doch dann passierte etwas in Jörg S.. Was genau, das kann sein Bruder heute nur noch vermuten. "Die Zeit im Gefängnis wird ihn sicher geprägt haben, außerdem das schwierige Verhältnis zum Vater und die unerfüllte Sehnsucht nach der Heimat." Die Briefe seines Bruders wurden zunehmend wirrer – und irgendwann riss der Kontakt ab. Es blieb Volker S. ein Bild aus besseren Tagen seines Bruders.

Foto: privat

Sein ehemaliger Fluchtkollege, der weiterhin in der DDR lebte, hegte schon damals den Verdacht, dass Jörg S. an einer Psychose erkrankt sein könnte. Eine Diagnose wird 17 Jahre nach seinem Tod freilich niemand mehr wagen. Das von der Welt abgekehrte und auch wirre Verhalten des Rehs, so wie es Studenten wie Sonja Krügener beobachtet haben, stimmt jedoch mit typischen Symptomen einer psychischen Erkrankung wie Halluzinationen, Wahn und Realitätsverlust überein.

Spurlos verschwunden

Wann genau Jörg S. auf der Straße landete, lässt sich nach Recherchen seines Bruders und unserer Redaktion nicht mehr feststellen – und auch warum sein Weg in Osnabrück endete, bleibt ungeklärt. Nach der Wende ließ die Familie nach dem Verschollenen suchen, ohne Erfolg. "Unsere Gedanken gingen damals in verschiedene Richtungen", erinnert sich sein Bruder. Er habe es für möglich gehalten, dass Jörg in die USA ausgewandert sei. Doch als jegliche Spuren fehlten, zog er auch in Betracht, seinem Bruder hätte etwas Schlimmes passiert sein können. 

Nach Jahren der Ungewissheit stand vor einigen Wochen plötzlich die Polizei vor der Tür. 

Symbolfoto: Michael Gründel

Dem Osnabrücker Ermittler Uwe Hollmann war es gelungen, das Schicksal des verschwundenen Bruders aufzudecken. Auf Fotos aus den Polizeiakten erkannte Volker S. seinen Bruder wieder. "Es war aber erschreckend für mich, ihn als Obdachlosen zu sehen." Hat er eine Erklärung, warum der Kontakt irgendwann abriss? 

"Ich weiß es nicht, aber vielleicht war es für ihn eine Schmach, auf der Straße gelandet zu sein."

Eine Sache ist Volker S. sehr wichtig: "Ich bin allen Menschen, die meinem Bruder auch nach seinem Tod geholfen haben und ihm verbunden waren sehr, sehr dankbar." Durch den Kontakt mit Sonja Krügener und Uwe Hollmann erfuhr er, unter welchen Umständen sein Bruder in Osnabrück lebte. "Die Menschen haben mir gesagt, dass er eine gewisse Ausstrahlung hatte und sehr friedlich wirkte. Das hat mir sehr geholfen." Er sei tief beeindruckt vom Engagement der Studenten, die seinem Bruder einen würdigen Abschied von dieser Welt bereitet hatten – und sich bis heute um die Grabpflege kümmern.

Dieses Engagement griff auch unsere Redaktion auf – und zwar im Till vom 19. Oktober 2001.

Foto: Sebastian Philipp

Im Frühjahr will Volker S. die letzte Ruhestätte seines Bruders auf dem Heger Friedhof besuchen. Wenn das Wetter besser ist und seine 84-jährige Mutter die Reisestrapazen nach einem unruhigen letzten halben Jahr verkraften kann. Uwe Hollmann und Sonja Krügener wollen dann dabei sein. "Ihnen ist es zu verdanken, dass mein Bruder jetzt nicht nur als ein gefallener Mann wahrgenommen wird. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür."



*Der vollständige Name ist unserer Redaktion bekannt.


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