Serie zum Osnabrücker Wissensforum Heißhunger und hemmungsloses Schlemmen. Was steuert unsere Esssucht?

Von Silja Vocks (Gastautorin)

Wir leben in einer Welt des Überangebots und der ständigen Präsentation von schmackhaften und häufig hochkalorischen Speisen. Symbolfoto: Colourbox.deWir leben in einer Welt des Überangebots und der ständigen Präsentation von schmackhaften und häufig hochkalorischen Speisen. Symbolfoto: Colourbox.de

Osnabrück. Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Heißhunger und hemmungsloses Schlemmen. Was steuert unsere Esssucht?

Wir leben in einer Welt des Überangebots und der ständigen Präsentation von schmackhaften und häufig hochkalorischen Speisen. Dieses Überangebot trägt zur Zunahme von Übergewicht bei. Gemäß einer aktuellen Studie sind circa. 63 Prozent der Männer und circa 54 Prozent der Frauen hiervon betroffen. Parallel existiert ein ausgeprägtes Schlankheitsideal, das für viele Menschen kaum erreichbar ist. So klaffen das tatsächliche und das ideale Gewicht immer weiter auseinander. Um jedoch dem Ideal zu genügen, halten viele Menschen dauerhaft oder phasenweise Diät. Ob das gezügelte Essverhalten Essanfälle begünstigt, ist ungeklärt: Während einige Studien darauf hindeuten, dass Diät halten die Wahrscheinlichkeit für Essanfälle steigert, legen andere Studien den gegenteiligen Effekt nahe, das heißt eine Abnahme des Dranges nach Nahrung infolge einer längeren Fastenperiode. (Weiterlesen: Insektenkekse für das Publikum beim Osnabrücker Wissensforum)

Negative Emotionen als Auslöser

Essanfälle treten auch im Rahmen verschiedener Essstörungen auf. Während dieser Anfälle verschlingen die Betroffenen meist hochkalorische Nahrungsmittel, die sie sich sonst streng verbieten, wie Pasta, Süßigkeiten oder Chips. Im Rahmen eines solchen Essanfalles werden bei der Bulimia Nervosa, der sogenannten. Ess-Brech-Sucht, zumeist 1.500 bis 4.500 Kalorien konsumiert, zum Teil aber auch deutlich mehr. Während dieser Essanfälle haben die Betroffenen das Gefühl, nicht steuern zu können, was und wie viel sie essen. Typische Auslöser sind Studien zufolge – neben der gezügelten Nahrungsaufnahme – negative Emotionen. 

Silja Vocks ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Foto: Havergo

So dienen die Essanfälle unter anderem der Regulation von Gefühlen. Um durch die Essanfälle nicht zuzunehmen, zeigen die Betroffenen selbstschädigende Strategien wie selbst herbeigeführtes Erbrechen oder den Missbrauch von Abführmitteln. Ähnliche Essanfälle treten auch bei der Binge-Eating-Störung, der sogenannten Essanfallsstörung auf. Allerdings zeigen die Betroffenen hier keine regelmäßigen Gegenmaßnahmen, weshalb circa die Hälfte von ihnen übergewichtig ist.

Veränderungen im Belohnungssystem

Die Entstehung und Aufrechterhaltung von Essanfällen scheint mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einherzugehen. Dieses setzt sich aus verschiedenen Hirnarealen und Nervenverbindungen zusammen, wobei dem Nucleus accumbens und dem Botenstoff Dopamin eine besondere Rolle zukommt. Das Belohnungssystem wird durch Nahrung aktiviert, aber auch durch Sexualität, Glücksspiele und Substanzen wie Koffein, Nikotin, Alkohol oder Kokain sowie – laut neuerer Studien – Likes auf Facebook. Zur Aktivierbarkeit des Belohnungssystems bei Essstörungen gibt es widersprüchliche Befunde. Erste Studien deuten darauf hin, dass, ähnlich wie bei Drogen- und Alkoholsucht, anfangs eine verstärkte Aktivierung durch die Nahrungsmittel stattfindet, was die Entstehung des Suchtverhaltens begünstigt. Im Verlauf der Erkrankung reguliert sich die Aktivität des Belohnungssystems jedoch herunter und es reagiert zunehmend schwächer auf die Nahrungsreize, sodass mehr und mehr Stimulation benötigt wird, um den belohnenden Effekt zu erzielen.

Diese Grafik zum Vortrag stammt von Kunststudentin Christina Porat. Grafik: Porat

Der Blick auf die möglichen Auslöser offenbart, wie Essanfällen entgegengewirkt werden könnte: Zunächst empfiehlt sich ein regelmäßiges Essverhalten, um den nahrungsbezogenen Deprivationszustand zu vermeiden. Auch die Entwicklung von alternativen, nicht-selbstschädigenden Strategien zum Umgang mit negativen Emotionen kann zielführend sein. Möglicherweise könnte aber auch eine Stimulation des Belohnungssystems durch positive Reize, die keine negativen Folgen wie Übergewicht haben, hilfreich sein.


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