Serie zum Osnabrücker Wissensforum Falsche Erinnerungen. Wie leicht lässt sich das Gehirn hacken?

Von Thomas Gruber (Gastautor)

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Thomas Gruber ist Professor für Psychologie. Foto: André HavergoThomas Gruber ist Professor für Psychologie. Foto: André Havergo

Osnabrück. Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Falsche Erinnerungen. Wie leicht lässt sich das Gehirn hacken?

Stellen Sie sich vor, Sie sollen eine Liste von fünfzehn Wörtern auswendig lernen, zum Beispiel Piano, Rhythmus, Note, Orchester und so weiter. Erstaunlicherweise antworten die meisten Menschen bei einem anschließenden Gedächtnistest auf die Frage, ob das Wort „Musik“ Teil der Aufzählung war mit einem „Ja“ – obwohl dieser Begriff in der ursprünglich dargebotenen Liste nicht vorgekommen ist. Durch eine manipulierte Frage wurde eine sogenannte falsche Erinnerung an ein Wort angelegt, das nie präsentiert wurde.  (Weiterlesen: Insektenkekse für das Publikum beim Osnabrücker Wissensforum)

Unterschiedliche Einschätzungen

Das Einpflanzen von Gedächtnisinhalten funktioniert nicht nur für simple Wörter, sondern auch für komplexere Gegebenheiten. Wenn man Versuchspersonen die Fotografie eines Auffahrunfalles zeigt und sie entweder schätzen lässt, wie schnell die Unfallfahrzeuge waren als sie ineinander stießen, oder sie beurteilen müssen, wie schnell die Autos waren, als sie ineinander krachten, werden die Geschwindigkeiten bei der Formulierung „krachen“ schneller eingeschätzt. Weiterhin erinnern sich die Teilnehmer in diesem Falle häufiger daran, zersplitterte Scheiben gesehen zu haben, obwohl diese auf den Unfallfotos nie zu sehen waren.

Manipulation zu 80 Prozent erfolgreich

Ein weiteres Beispiel, bei dem sogar das biografische Gedächtnis verändert werden konnte: Durch eine geschickte experimentelle Manipulation konnten Testpersonen dazu gebracht werden, sich daran zu erinnern, als Kind in einem Einkaufszentrum verloren gegangen zu sein, obgleich auch dieses Ereignis nie stattgefunden hat.

Ein detaillierterer Vergleich der Ergebnisse aus den drei beschriebenen Studien ergibt Folgendes: Bei dem relativ einfachen Experiment, bei dem das Wort „Musik“ fälschlicherweise erinnert wurde, nachdem bedeutungsverwandte Begriffe präsentiert wurden, war die Manipulation bei circa 80 Prozent der Versuchspersonen erfolgreich. Von einer nicht vorhandenen zersplitterten Scheibe berichtete ungefähr die Hälfte der Teilnehmer. Auf die gefälschte Geschichte im Einkaufszentrum verloren gegangen zu sein, fielen nur noch 25 Prozent der Testpersonen herein. Das heißt: Umso komplexer die falsche Erinnerung ist, die eingepflanzt werden soll, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sich das Gehirn „hacken“ lässt.

Grundlegende Schlussfolgerung

Trotzdem ist festzuhalten, dass es prinzipiell möglich ist, Erinnerungen zu beeinflussen; und es lässt sich eine grundlegendere Schlussfolgerung bezüglich der Funktionsweise des Gedächtnisses ziehen. Unser Erinnerungsvermögen funktioniert nicht wie eine Eins-zu-eins-Mitschrift der Realität. Eher lässt sich unser Gedächtnis mit einem Eintrag bei Wikipedia vergleichen, den man selbst immer wieder anpasst, der aber auch von anderen geändert werden kann. Die oft negativen Implikationen dieser Tatsache zum Beispiel im Bereich von Zeugenaussagen oder dem Einfluss von Fake News auf unser vermeintliches Weltwissen sind offensichtlich.

Schließen möchte ich allerdings mit einem positiveren Aspekt. Eine weitere Studie ergab, dass das Einpflanzen von positiven Erinnerung an den Genuss von gesundem Essen später eine positivere Bewertung von Gemüse zur Folge hat. Wenn Sie Ihren Kindern nur häufig genug erzählen, dass sie Gemüse schon immer geliebt haben, könnte dies durchaus gesundheitsförderliche Konsequenzen haben. Nun könnte man der psychologischen Forschung vorwerfen, es sei unethisch die eigenen Kinder anzulügen, um ein gewünschtes Verhalten hervorzurufen. Ich kann dieses Dilemma nicht lösen, möchte allerdings darauf hinweisen, dass die Mär vom Nikolaus und seinem Knecht Ruprecht nicht von Psychologen erdacht wurde.


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