Serie zum Osnabrücker Wissensforum Schalom, Salam. Wie antisemitisch ist der Islam?

Von Michael Kiefer (Gastautor)

Michael Kiefer ist Professor für Islamische Theologie. Foto: HavergoMichael Kiefer ist Professor für Islamische Theologie. Foto: Havergo

Osnabrück. Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Schalom, Salam. Wie antisemitisch ist der Islam?

Antisemitismus gibt es in unterschiedlichem Ausmaß in allen gesellschaftlichen Gruppen – auch unter Muslimen. Alleine in Deutschland hat es in den vergangenen Jahren Vorfälle gegeben, für die Menschen aus muslimischen Sozialisationskontexten verantwortlich zeichnen. Erwähnt seien hier der Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge und die Verwüstungen an der Essener Synagoge im Oktober 2000, die Steinwürfe gegen eine jüdische Tanzgruppe im Juni 2010, der Angriff auf einen Rabbi in Offenbach im Juni 2013 und die Übergriffe gegen jüdische Schülerinnen und Schüler zuletzt in Berlin. Es besteht offenkundig eine Problemlage, die auch in der wissenschaftlichen Diskussion als unstrittig gilt.

Kontroverse Diskussionen

Die Ursachen antisemitischer Haltungen unter Muslimen werden hingegen seit Jahren kontrovers diskutiert. Auf der einen Seite stehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Robert Wistrich, die die These vertreten, es gäbe einen originären muslimischen Antisemitismus, der sich aus der islamischen Tradition speise. Wistrich verweist zum Beispiel auf das Pogrom im marokkanischen Fes im Jahr 1033, dem zahlreiche jüdische Bewohnerinnen und Bewohner zum Opfer fielen.

Auf der anderen Seite stehen Autorinnen und Autoren wie Bernard Lewis oder Norman Cohen, die ein differenzierteres Bild des Zusammenlebens von Juden und Muslimen zeichnen. So zeigen materialreiche Studien, dass es in der 1400-jährigen islamischen Geschichte Phasen von Diskriminierungen und Verfolgungen, aber auch lange Phasen des gedeihlichen Zusammenlebens gab. Unvergessen ist zum Beispiel die Aufnahme der Sephardim durch das Osmanische Reich, die nach dem Alhambra-Edikt 1492 Spanien verlassen mussten.

Antisemtische Narrative

Folgt man Cohen und Lewis, kann kaum von einem durchgehenden Antisemitismus gesprochen werden, der in islamischen Gesellschaften zu allen Zeiten und in allen Regionen vorfindbar gewesen wäre. Pauschale Urteile sind daher wenig geeignet, eine komplexe Sachlage zu beschreiben. Dies zeigen auch antisemitische Narrative, die unter Muslimen kursieren. Zwei Beispiele: In Syrien, das seit Jahrzehnten vom Bath-Regime drangsaliert wird, gehört der Antisemitismus quasi zur Staatsraison. 

Dafür steht insbesondere der vor Kurzem verstorbene langjährige Verteidigungsminister Mustafa Tlas. Von ihm stammt die antisemitische Schmähschrift „Fatir Sihyun“ (Matzen Zions), die sich mit der Damaskus-Affäre des Jahres 1840 beschäftigt. Tlas berichtet darin über angebliche Ritualmordverbrechen Damaszener Juden. Bemerkenswert ist, dass der Sunnit Tlas christliche Ritualmordlegenden gemischt mit Verschwörungsvorwürfen für Propagandazwecke nutzt. Ähnliche Geschichten präsentiert die iranische Serienproduktion „Sarahs blaue Augen“. Hauptakteur ist ein finsterer israelischer General, der Kindern nachstellt, um ihnen Organe zu rauben. In der türkischen Kinoproduktion „Tal der Wölfe“ wird ein jüdischer Arzt präsentiert, der in den Organhandel verwickelt sein soll. Auch hier fällt auf, dass diese Narrationen gänzlich außerhalb islamischer Bezüge stehen.

Mehrere Quellen

Thomas Haury hat vor Jahren darauf hingewiesen, dass der Antisemitismus sich längst zu einem „flexiblen Code“ entwickelt hat, der es ermöglicht, Narrative aus verschiedenen religiösen und kulturellen Kontexten zu mischen. Die Ergebnisse können offenbar ohne Probleme in verschiedene religiöse oder politische Kontexte implementiert werden. Heutige antisemitische Narrationen speisen sich daher zumeist aus mehreren Quellen und sind auch im Nahen Osten nicht einfach nur islamisch.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 11. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 12. Wissensforum findet am Freitag, 15. November 2019, statt.

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