Serie zum Osnabrücker Wissensforum Faktencheck: Stirbt die Biene wirklich?

Von Thomas Fartmann (Gastautor)

Thomas Fartmann ist Professor für Biodiversität und Landschaftsökologie. Foto: HavergoThomas Fartmann ist Professor für Biodiversität und Landschaftsökologie. Foto: Havergo

Osnabrück. Beim 11. Osnabrücker Wissensforum im November 2018 haben 33 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Faktencheck. Stirbt die Biene wirklich?

Im Gegensatz zu den Wildbienen sind Honigbienen keineswegs von einem Rückgang betroffen. Honigbienen sind Nutztiere des Menschen und die Anzahl der Völker hat in Deutschland in den letzten zehn Jahren wieder zugenommen. Bei vielen Wildbienenarten konnten dagegen starke Rückgänge beobachtet werden. Von den 560 heimischen Arten gelten fast 50 Prozent als ausgestorben oder bestandsgefährdet.

Folge des Landnutzungswandels

Der dramatische Artenschwund (inklusive des medial viel beachteten Insektensterbens) in Deutschland ist eine Folge des rasanten Landnutzungswandels. Besonders davon betroffen ist die Agrarlandschaft. Landwirtschaftlich genutzte Flächen nehmen mehr als 50 Prozent der Landfläche in Deutschland ein. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte eine rasante Intensivierung der Landnutzung. Aus einer strukturreichen Kulturlandschaft mit hoher Artenvielfalt entstand eine struktur- und artenarme Landschaft mit industrieller Landwirtschaft.  (Weiterlesen: Insektenkekse für das Publikum beim Osnabrücker Wissensforum)

Der aktuelle Artenverlust ist keineswegs ein junges Phänomen, sondern es stellt die Fortsetzung des dramatischen Artenrückgangs im letzten Jahrhundert dar. Dies lässt sich exemplarisch an der Bestandsentwicklung der Vogelarten ablesen, die sich von Großinsekten ernähren. Hierzu zählt beispielsweise die Blauracke (Coracias garrulus). Die Art kam ursprünglich in allen Bundesländern vor. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg war die Blauracke aus mehr als der Hälfte der Bundesländer verschwunden. Die letzte Brut in Niedersachsen erfolgte 1978 und in Deutschland 1994.



Zahlreiche Schlüsselfunktionen

Insekten erfüllen zahlreiche ökologische Schlüsselfunktionen: Blütenbestäubende Insekten wie Bienen, Schwebfliegen oder Schmetterlinge haben durch die Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen eine große Bedeutung für den Fortbestand von Ökosystemen – und sie leisten eine wichtige gesundheitliche und wirtschaftliche Dienstleistung für den Menschen. Der volkswirtschaftliche Wert der Produktion, die direkt von der Bestäubung durch Insekten abhängt, wird für Deutschland auf 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Insekten spielen auch als Nahrungsgrundlage für insektenfressende Tiere, wie viele Vogelarten, eine elementare Rolle.

Dem Rückgang der Insekten und Vögel wird man nur begegnen könnten, wenn die EU-Agrarsubventionen in Höhe von mehr als sechs Milliarden Euro jährlich für deutsche Landwirte nicht länger von der Größe der bewirtschafteten Fläche abhängen, sondern an Maßnahmen gekoppelt sind, die die Biodiversität fördern.

Diese Grafik von dem Vortrag hat Kunststudentin Christina Porat angefertigt. Grafik: Porat


Besonders bedeutsam ist die Erhöhung des Anteils extensiv genutzter Flächen der Acker- und Grünlandnutzung sowie die Wiederaufnahme traditioneller Bewirtschaftungsweisen (extensive Mahd oder Beweidung, Plaggenhieb, kontrolliertes Brennen) in brachliegenden oder nur sporadisch genutzten Habitatinseln in der Agrarlandschaft.

Wichtig ist aber auch die Erhaltung oder Wiederherstellung einer vielfältigen Landschaftsstruktur durch Verzicht auf Grünlandumbruch und Anlage extensiv oder gar nicht bewirtschafteter linearer Strukturen in der Landschaft (Ackerrandstreifen, breite krautreiche Säume, Uferrandstreifen und Hecken).


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 11. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 12. Wissensforum findet am Freitag, 15. November 2019, statt.

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