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NOZ-Artikel sorgt für Aufregung Achtung, Satire! Nein, Karussellautos sind in Osnabrück nicht verboten

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Scherzartikel: Liebe Leser, diese Meldung hat sich die Redaktion einer Silvestertradition folgend nur ausgedacht. Fotomontage: NOZ/Sascha NabrotzkyScherzartikel: Liebe Leser, diese Meldung hat sich die Redaktion einer Silvestertradition folgend nur ausgedacht. Fotomontage: NOZ/Sascha Nabrotzky

Osnabrück. Ein Artikel aus unserer Zeitung sorgt für Aufregung im Netz: In Osnabrück würden Karussellautos künftig verboten – als Signal für mehr Nachhaltigkeit. Liebe Leser, bei dieser „Nachricht“ handelt es sich um Satire!

So viel sei vorab betont: Die Redaktion der Neuen Osnabrücker Zeitung freut sich natürlich, wenn auch ihre lokalen Nachrichten überregional Verbreitung und Beachtung finden. Nun passiert genau das – allerdings mit einem Scherzartikel.

„Nachhaltigkeit in der Kinderbelustigung“

„Karussellautos sind jetzt tabu“: Mit dieser Zeile betitelten wir unsere ausgedachte Meldung. Auf Fahrgeschäften dürften Kinder ihre Runden künftig weder auf Wildtierfiguren noch auf Miniaturautos drehen, heißt es im Text. Der Rat habe dieses „Osnabrücker Signal für Nachhaltigkeit in der Kinderbelustigung“ in nicht öffentlicher Sitzung verabschiedet. „Wenn Erziehende ihre Kinder auf ein klimaschädliches Rennauto setzen oder auf den Rücken eines wilden Tigers, erleben die Aufwachsenden das Autofahren oder die Ausbeutung von Wildtieren als etwas Positives“ zitierten wir aus einer – natürlich ersonnenen – gemeinsamen Erklärung von SPD und Grünen.

„So ein Schwachsinn“

Ein Foto des Artikels zog in den vergangenen Tage weite Kreise – und wurde zigfach in sozialen Netzwerken geteilt. „Wir brauchen dringend eine Abkehr von der Ökoreligion!“, schrieb ein Nutzer. „Der alltägliche WAHNSINN greift immer mehr um sich und hat jetzt OSNABRÜCK erfasst“, kommentiert ein anderer. Besonders intensiv diskutiert wurde über das Foto auf der Facebook-Seite „Kirmes-Rummel“. „So einen Schwachsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört. Sind doch alles ökologische E-Autos“ eine Nutzerin. 

Tatsächlich zeigt das Foto des Artikels nur einen kleinen Ausschnitt der ersten Lokalseite, die an Silvester traditionell mit „Tills Silvesterpunsch und Bleigießerei“ überschrieben ist. Dabei handelt es sich um ein Satireformat, das – ähnlich dem Portal „Postillon“ – viel diskutierte Nachrichten aufgreift und weiterspinnt – nur mit lokalen Inhalten. „Wir setzen uns zusammen und überlegen, welche Ereignisse sich besonders dafür eignen, sie überspitzt weiterzudrehen“, erklärt Rainer Lahmann-Lammert, Redakteur der Neuen OZ, der die Satireseite seit Jahrzehnten koordiniert. „Die Karussellgeschichte hielt ich für dermaßen dick aufgetragen. Dass gerade die nun so weite Kreise zieht, spricht fast für sich.“

Verfasser amüsiert – und erschreckt

Ausgedacht hatte sich diesen Nonsens Redakteur Arne Köhler. „Die Idee kam mir bei einem Besuch des Osnabrücker Weihnachtsmarktes, und ich will gar nicht verhehlen, dass dabei auch zwei oder drei Becher Glühwein eine Rolle gespielt haben." Dass der Text dann über Silvester und Neujahr plötzlich als vermeintlich ernste Nachricht im Internet die Runde machte, sieht der Verfasser zwiespältig. „Einerseits will ich überhaupt nicht leugnen, dass ich mich köstlich darüber amüsiert habe. Andererseits ist es ziemlich erschreckend, wie leicht viele Menschen auf ,Fake News‘ hereinfallen – und offenbar sogar auf Satire, von der ich vorher gedacht hätte, dass sie klar als solche erkennbar ist.“

Es gibt aber auch Leser, die die ausgedachte Kirmesverfügung gar nicht mal so abwegig finden. Sie regen ein ernsthaftes Nachdenken über die satirische Schnapsidee an. 

Keine Online-Veröffentlichung

Seit Gründung der Neuen Osnabrücker Zeitung 1967 gibt es die „Silvesterpunsch“-Tradition. Seit 1970 erscheint die Seite in heutiger Form. Um Missverständnisse zu vermeiden, werden die Artikel nur im Kontext der Zeitungsseite veröffentlicht – und nicht in unserem Onlineportal. Am zweiten Januar wird die Flunkerei von der lokalen Glosse „Till“ regelmäßig als Scherz entlarvt. „Alles nur Spaß. Till gibt zu, dass es ihm höllisches Vergnügen bereitet, wenn doch jemand darauf herein fällt“, schrieb der Ironiespezialist in diesem Jahr.

Tatsächlich ist die Karussellmeldung aber beileibe nicht die erste Silvesterpunsch-Nachricht, die Leser für voll nehmen. Eine Auswahl: 

"Rotlichtmeile unter dem Neumarkt": ein Punschartikel von 2010. Foto: NOZ/Archiv

Über die künftige Gestaltung des Neumarkts wird seit Jahrzehnten diskutiert – offenbar traute bei Erscheinen der Rotlichtmeilen-Punschidee manch ein Leser der Politik inzwischen alles zu, erinnert sich Redakteur Lahmann-Lammert. „Bei einem Termin sprach mich ein Projektentwickler an. Endlich bewege sich mal was.“

"Der neue Dienstwagen wird ein Porsche sein": Satireartikel von 2009. Foto: NOZ/Archiv

Boris Pistorius galt seinerzeit als bodenständiger, in Osnabrück verwurzelter Oberbürgermeister. „Klar, dass die Meldung über einen Porsche als Dienstwagen für Furore sorgte“, sagt Lahmann-Lammert. Pistorius sei im Folgejahr regelmäßig von erbosten Bürgern auf seinen Dienstwagen angesprochen worden. „Irgendwann hat er sich bei uns beschwert.“

"Nummernschild aus der Friedensstadt": Satiremeldung von 2007. Foto: NOZ/Archiv

„Wer aus der Friedensstadt kommt, zeigt das künftig auch auf dem Nummernschild“: Mit dieser Nachricht provozierte die Lokalredaktion 2007 einen Andrang in der Zulassungsstelle. „Es gab wirklich Leute, die dort mit abmontierten Schildern aufliefen und das FOS-Kennzeichen ordern wollten“, erinnert sich Lahmann-Lammert. Die Mitarbeiter hätten redlich Mühe gehabt, sich der verärgerten Kommentare zu erwehren.

"Statt Tunnel jetzt eine Hochstraße über den Neumarkt": Tills Silvesterpunsch von 1998. Foto: NOZ/Archiv

Keine Meldung zum Neumarkt ist zu abstrus, um nicht geglaubt zu werden. Nachdem in Hannover 2007 eine Hochstraße demontiert wurde, kündigte die NOZ kurzerhand ihre Weiterverwendung über dem Osnabrücker Neumarkt an. Monate später erreichte die Redaktion die Kopie eines Artikels aus dem Fachblatt eines Verbands der Betonwirtschaft, dessen Autor dem Satireartikel auf den Leim gegangen war. Der Tenor seiner Geschichte: Osnabrück gehe mit gutem Vorbild voran.


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