Vorrang für Rad- und Fußverkehr Osnabrücker Hochschulen wollen autofreien Campus Westerberg

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Autos raus! Uni und Hochschule Osnabrück entwickeln ein Mobilitätskonzept für den Campus Westerberg. Foto: Gert WestdörpAutos raus! Uni und Hochschule Osnabrück entwickeln ein Mobilitätskonzept für den Campus Westerberg. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Worüber Osnabrück seit Jahren beim Neumarkt streitet, wollen Universität und Hochschule jetzt am Campus Westerberg schaffen: eine möglichst autofreie Zone, die Rad- und Fußverkehr bevorzugt, optimal an den ÖPNV angebunden ist und mehr Aufenthaltsqualität bietet als heute. Eine Vision mit Vorbildcharakter für die Stadt?

In den vergangenen Jahren hat sich der Campus Westerberg nachhaltig verändert. Auf dem früheren Kasernengelände schossen neue Gebäude wie Pilze aus dem Boden, darunter eine Mensa, ein Hörsaalzentrum und eine Bibliothek. An einem Rechenzentrum wird gerade gebaut. Was hingegen fehlt, ist nach Ansicht von Universität und Fachhochschule ein "angepasstes Mobilitätskonzept", das den Anliegen von bis zu 12.500 Studenten und 1500 Mitarbeitern, die sich hier in Spitzenzeiten tummeln, entgegenkommt. Mit anderen Worten: Die Verkehrsplanung hinkt der rasanten baulichen Entwicklung hinterher – und das ausgerechnet dort, wo das Herz des Wissenschaftsstandorts Osnabrück am lautesten schlägt.

Auto das dominierende Verkehrsmittel

Insbesondere auf der Barbarastraße, aber auch ringsum sei der Campus Westerberg geprägt von hohem Verkehrsaufkommen, stellt Wilfried Hötker, zuständiger Vizepräsident der Universität Osnabrück, fest. Es dominiere das Auto: An allen möglichen und unmöglichen Stellen würden Pkw geparkt oder Parkplätze gesucht. "Hier wollen wir ansetzen."

Ziel müsse es sein, eine weitgehend umweltfreundliche Abwicklung der Verkehre zu erreichen. Aber wie kann das gelingen? Hochschulvizepräsident Kai Handel wird deutlich: 

In erster Linie muss es darum gehen, die Aufenthaltsqualität auf dem Campus Westerberg zu erhöhen und dafür den Individualverkehr einzuschränken.

Vision vom Grünen Campus

Ein Schlüsselerlebnis für die beiden Osnabrücker Hochschulen sei 2014 der politische Streit um die geplante Westumgehung gewesen. "Damals war von uns immer nur als ,Verkehrserzeuger' die Rede. Dabei wollen wir doch Innovationsmotor und Vorbild sein", erklärt Handel. 

Für den Westerberg sei deshalb in den vergangenen Wochen die Vision "Grüner Campus" entwickelt worden – ein Mobilitätskonzept, aus dem Uni und FH in den nächsten Jahren zusammen mit Stadt und Stadtwerken konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssituation vor Ort ableiten wollen.

Autos dominieren den Verkehr am Campus Westerberg. Foto: Gert Westdörp


Umfrage und Verkehrszählung

Untermauert wird der Handlungsbedarf mit Zahlen und Fakten, die das Dortmunder Planungsbüro Planersocietät ermittelt hat. Dazu führte es am 21. November 2017 am Campus Westerberg sowohl eine Umfrage als auch eine Verkehrszählung mit Kameras durch. 

Befragt wurden insgesamt 567 Personen, davon drei Viertel Studenten, der Rest Dozenten (20 Prozent) und Besucher. Fast alle gaben an, täglich oder mehrmals pro Woche auf den Campus zu kommen – wobei sich der Anteil derer, die mit Fahrrad, Bus oder eigenem Auto anreisten, ungefähr die Waage hielt. 

Große Probleme mit Falschparkern

Bei der Analyse zeigte sich, dass die bestehenden Parkplätze zwischen 9 und 15 Uhr nahezu vollständig ausgelastet waren. Dennoch herrschte in diesem Zeitraum reger Verkehr, da viele Autofahrer einen freien Parkplatz suchten. Bemerkenswert: In der Spitze gegen 11.30 Uhr standen mehr als 300 Fahrzeuge nicht auf einem der 826 ausgewiesenen Parkplätze. "Ein großes Sicherheitsrisiko, weil Rettungswege versperrt werden", sagt Uni-Vizepräsident Hötker und kündigt an, Falschparker verstärkt abschleppen zu lassen.


Ein tägliches Bild: überfüllte Parkplätze am Campus Westerberg. Foto: Gert Westdörp


Bessere Busverbindung zum Altstadtbahnhof gefordert

Aber wie müssten die Umstände sein, unter denen Autofahrer auf den eigenen Pkw verzichten? Immerhin 88 von 246 befragten Autofahrern gaben darauf zur Antwort, dass in erster Linie eine bessere Anbindung ans Osnabrücker Bus- und Bahnnetz bei ihnen zu einem Umdenken führen würde. Hochschulmanager Handel erklärt: "Gerade die Busverbindung zwischen Campus Westerberg und Bahnhof Altstadt/Hasetor ist unzureichend. Man kommt bei uns mit dem Auto zurzeit näher an den Arbeitsplatz als mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das muss sich ändern!"

Hoher Bedarf an modernen Fahrrad-Abstellanlagen

Was die Planer außerdem beobachten konnten, ist eine starke Nachfrage nach sicheren, überdachten und zur Ladung von E-Bikes geeigneten Fahrrad-Abstellanlagen. Von denen gebe es bislang zu wenige, heißt es im Mobilitätskonzept. Die Folge: Auch viele Fahrradfahrer parken wild. Die Vision Grüner Campus enthält deshalb sowohl die Erweiterung bestehender Fahrrad-Abstellanlagen als auch den Bau zusätzlicher Fahrradstationen, etwa am sogenannten Grünen Grund (Parkfläche an der Barbarastraße gegenüber der Bibliothek) oder entlang eines neuen "Campus-Boulevards", auf dem die Menschen ungestört flanieren können. Denn Autos soll der Weg aufs Gelände über kurz oder lang mit Schranken versperrt werden. Handel sagt: 

Wir wollen einen grünen, lebenswerten Campus Westerberg, den man gut erreichen kann.

Parkflächen am Grünen Grund konzentrieren

Parkmöglichkeiten für Pkw sollen bis dahin am Grünen Grund konzentriert und bei Bedarf erweitert werden – auch um eine Verdrängung des motorisierten Individualverkehrs in angrenzende Wohngebiete zu verhindern. "Wir nehmen entsprechende Bedenken unserer Nachbarn sehr ernst", betont der Hochschul-Vizepräsident. Wie viel Parkraum am Campus Westerberg tatsächlich gebraucht werde, müsse aber erst ganz genau untersucht werden. Klar sei aber eins: "Wir wollen nicht zur Förderung des Autoverkehrs beitragen, sondern im Gegenteil versuchen, zum Verzicht aufs Auto zu motivieren."


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