Nachbarschaftsstreit Baum zu hoch, Hecke zu breit: Eine Schiedsfrau berichtet

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Mit Zettel, Stift und einem Lächeln: Christina Boom-Grüner versucht als Schiedsfrau zwischen Streitenden zu vermitteln. Foto: Michael GründelMit Zettel, Stift und einem Lächeln: Christina Boom-Grüner versucht als Schiedsfrau zwischen Streitenden zu vermitteln. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Wenn zwei sich streiten, landen sie nicht immer vor Gericht, sondern oft bei einer Schiedsperson. In Osnabrück gibt es vier Schiedsmänner und Schiedsfrauen - eine von ihnen ist Christina Boom-Grüner. Im Interview erzählt sie von zu breiten Hecken, marodierenden Katzen und den wahren Hintergründen von Nachbarschaftsstreitigkeiten. 

Frau Boom-Grüner, warum sind Sie Schiedsfrau geworden?

Ich verdiene mein Geld als Mediatorin und möchte in beiden Aufgaben den Gedanken in die Gesellschaft tragen, dass man nicht alle Konflikte vor Gerichte lösen muss. Man kann sich auch im Guten einigen und muss keine Federn lassen.

Wann geht man eigentlich zur Schiedsfrau oder zum Schiedsmann?

Zum einen bei zivilrechtlichen Auseinandersetzungen, es gibt Fälle, bei denen eine vorgerichtliche Streitschlichtung obligatorisch ist; das sind typischerweise Nachbarschaftsstreitigkeiten. Zum anderen bietet sich für „kleinere“ strafrechtliche Delikte wie leichte Körperverletzung, Beleidigung oder auch die Verletzung des Briefgeheimnisses der Weg zum Schiedsamt an, und selten ist auch das Ausländerrecht ist betroffen.

Haben Sie ein Beispiel für eine Schlichtung im Ausländerrecht?

Das sind klassischerweise solche Fälle, in denen der einen Seite die Hautfarbe der anderen Seite nicht gefällt und dieses auch deutlich macht.

Akzeptieren die Antragssteller, dass sie erst mal zu einem außergerichtlichen Schlichtungsversuch genötigt werden?

Es passiert schon, dass die Anwälte sagen: Wir schicken da einen Antrag hin, dann kriegen wir eine Erfolglosigkeitsbescheinigung – und dann geht es vor Gericht. Das mache ich aber nicht mit. Ich lade die Beteiligten ein und frage immer, aus welcher Motivation sie hier erschienen sind. Es gibt Menschen, die sagen: „Wir brauchen eine Erfolglosigkeitsbescheinigung.“ Dann bedanke ich mich für die ehrliche Antwort und sage: Vielleicht finden wir trotzdem eine Lösung. Und nicht selten klappt das auch.

Wissen die Leute denn, was sie bei der Schiedsperson erwartet?

Viele wissen es nicht. Manche kommen hierher und denken, sie bekämen eine Rechtsberatung. Und andere glauben, ich würde wie eine Richterin fungieren. Das ist aber nicht der Fall. Ich bin zwar Juristin, das spielt aber im Schiedsamt überhaupt keine Rolle. Ich bin einfach nur dafür da, die Leute in ihrer Kommunikation zu unterstützen. Was ich hier mache, ist eigentlich Moderation. Dabei versuche ich nicht, auf einen Kompromiss hinzuwirken, denn das hieße ja, dass beide Parteien am Ende nicht wirklich glücklich sind. Stattdessen geht es um eine gute Lösung, bei der sich niemand als Verlierer fühlen muss.

Kommen wir zu dem Thema, mit dem Sie sich am häufigsten beschäftigen müssen: Streitigkeiten unter Nachbarn. Sind die Anlässe dafür wirklich so banal wie der Ast, der ein bisschen zu weit auf das Nachbargrundstück ragt?

Ja, tatsächlich. Es ist der Baum, der zu hoch gewachsen ist oder zu dicht am Zaun steht, oder es ist die Hecke, die zu breit oder zu hoch ist. Das geben die Streitparteien jedenfalls so vor. Hinterher stellt sich dann oft heraus: Hättest du uns damals zu der Gartenparty eingeladen, würden wir uns auch jetzt nicht über den Baum aufregen.

Hinter den banalen Anlässen steht also oft gekränkte Eitelkeit oder das Gefühl fehlender Wertschätzung?

Ja, definitiv. Ganz oft waren die beiden Streitparteien früher mal befreundet, irgendetwas hat das gute Verhältnis dann beschädigt, und Jahre später sitzen sie dann angeblich wegen der zu breiten Hecke hier.

Welche Anlässe führen denn noch dazu, dass sich Nachbarn bei Ihnen treffen?

Häufig sind es Gartengrenzen überschreitende Tiere, in der Regel Katzen. Nun gibt es in Osnabrück die „Verordnung über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet der Stadt Osnabrück vom 1. März 2016“, in der in Abschnitt drei die Tierhaltung geregelt ist. Allerdings sind es die Einzelfallbetrachtungen, denn auch wenn grundsätzlich jeder eine freilaufende Katze zu dulden hat, stellt sich die Frage, was mache ich, wenn ich dadurch gesundheitlich beeinträchtigt werde? Oder meine eigenen Tiere dadurch Schaden erleiden? Und wer hat für Abwehrmaßnahmen zu sorgen oder auch, was ist zu tun, wenn ich zwanzig Nachbarn habe und jeder einzelne hat eine Katze, die sich alle in meinem Garten treffen? Es gibt da eine Vielzahl von Konstellationen.

Gibt es auch Fälle, bei denen sich die Parteien hier zwar einigen, Sie aber das Gefühl haben, dass es bald trotzdem wieder knallt?

Die gibt es. Ich hatte hier mal zwei Mütter, die eine hatte der Tochter der anderen eine Backpfeife gegeben, weil das Kind sie wohl beschimpft hatte. Und die beiden Frauen – na ja, die hatten einen speziellen sozialen Hintergrund ...

...könnte man „bildungsfern“ sagen?

Ja, das trifft es wohl. Die sprangen hier jedenfalls sofort auf, rannten herum und brüllten sich an. Meine Hauptaufgabe bestand darin, zu sagen: Nun beruhigen Sie sich doch und setzen sich mal wieder hin, das kann man doch auch vernünftig klären. Aber mit der Zeit dachte ich: Nee, wahrscheinlich kann man das nicht. Wir kriegten es dann zwar trotzdem hin, aber ich bin mir sicher, bei nächster Gelegenheit sind die wieder aufeinander losgegangen. An diesem Beispiel kann man gut erkennen, dass es wichtig ist die Chance in diesem Schlichtungsgespräch zu erkennen und es auch zu wollen, damit man hier rausgehen und dem jeweils anderen zumindest wieder in die Augen sehen kann.

Sie haben doch sicher ziemlich oft komische Leute hier, oder?

Schon, und manchmal muss ich innerlich auch etwas schmunzeln. Nur: Es ist eben jeder so, wie er ist, und niemand kann aus seiner Haut. Das ist für den einen oder anderen vielleicht manchmal selbst schwer zu ertragen.


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