Osnabrück im Dezember 1918 Warmer Empfang für heimkehrende Osnabrücker Regimenter

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Viel Verkehr auf dem Neumarkt: Ein heimkehrendes Regiment wird auf dem mit Fahnen und Girlanden geschmückten Neumarkt von der Bevölkerung begrüßt. Foto: Museum Industriekultur/Archiv Sigurd MöllmannViel Verkehr auf dem Neumarkt: Ein heimkehrendes Regiment wird auf dem mit Fahnen und Girlanden geschmückten Neumarkt von der Bevölkerung begrüßt. Foto: Museum Industriekultur/Archiv Sigurd Möllmann

Osnabrück. Die Novemberrevolution hat in Osnabrück ihre Kinder weder entlassen noch gefressen. Der Arbeiter- und Soldatenrat stellt im Dezember 1918 weiterhin die oberste Autorität dar. Er strebt eine rasche Legitimierung der neuen republikanischen Verhältnisse durch Wahlen zur Nationalversammlung an.

Darin ist er sich mit dem Magistrat einig, der weiterhin mit dem bewährten Personal aus der Kaiserzeit, mit Oberbürgermeister Julius Rißmüller und Stadtsyndikus Max Reimerdes an der Spitze, die Amtsgeschäfte führt. Das bürgerliche „Osnabrücker Tageblatt“ hebt diese Kontinuität hervor und weist allenfalls leicht süffisant darauf hin, „daß Redakteur Vesper die Wegstrecke vom Berichterstattertisch über den Bürgervorsteherstuhl zum Senatorenplatz sehr rasch zurückgelegt hat“. Damit soll dem führenden Repräsentanten der Osnabrücker Sozialdemokratie aber sicherlich nicht die Legitimation abgesprochen werden. Otto Vespers eineinhalbstündige Rede auf einer SPD-Versammlung in der Stadthalle am 4. Dezember wird ausführlich und ohne kritische Zwischentöne besprochen.

Der Arbeiter- und Soldatenrat wolle, so Vesper, keine Diktatur, sondern für Ruhe und Ordnung sorgen und die „Errungenschaften der Revolution befestigen“, bis der „gesetzliche Zustand durch die Einberufung der Nationalversammlung“ wieder hergestellt sei. Das wirtschaftliche Leben müsse aufrechterhalten werden. Allen „von links“ kommenden Bestrebungen, den Zusammenbruch etwa durch Ausrufung eines Generalstreiks herbeizuführen, sei entschieden entgegenzutreten, zumal bei solchem Zusammenbruch die Arbeiter am schwersten zu leiden haben würden und die Gefahr eines Einmarsches der Entente-Mächte heraufbeschworen werde.

Parteien bringen sich in Stellung

Auch andere Parteien bringen sich für die anstehenden Wahlen in Stellung: das Zentrum, das sich mittels seines Sprachrohrs, der „Osnabrücker Volkszeitung“, entschieden gegen die beabsichtigte Trennung von Kirche und Staat wendet. Weiterhin die Deutsche Volkspartei (DVP), die aus der gewendeten Nationalliberalen Partei hervorgegangen ist, und die Deutsche Demokratische Partei (DDP), die sich auf die seitherige Fortschrittliche Volkspartei stützt.

Wenig Verständnis gibt es in diesen Parteien für „Partikularismus“ und „Sonderbündelei“, die man der Deutsch-Hannoverschen Partei unterstellt. Sie wolle eine Rückkehr der Welfen auf den Thron eines wieder zu errichtenden Königreichs Hannover und würde damit die nationale Einheit Deutschlands untergraben.

Notausgänge in der Stadthalle unzureichend?

Eine politische Versammlung jagt die nächste, die Stadthalle am Kollegienwall ist häufig bis zum Bersten gefüllt. Ein Leser des „Tageblatts“ macht sich Sorgen: „Wer bei Entleerung der Säle nach stark besuchten Vorträgen das Gedränge erlebt hat, welches sich in dem schmalen Gange, der zur Ausgangstür in den Hof führt, bildet und das bei der Treppe den Höhepunkt erreicht, der wird mit Schrecken an die Möglichkeit eines Alarms gedacht haben.“ Die Gefahr einer Massenpanik sei dadurch vergrößert worden, dass im großen Saal eine Zwischenwand eingezogen wurde, wodurch die Verbindung zur großen Vorhalle mit weiteren Ausgangstüren gekappt sei.

So freudig Osnabrück der Rückkehr seiner Regimenter von der Westfront entgegensieht, so sehr sorgt sich der Magistrat um deren Ernährung. Bei den Kartoffelzuteilungen für 1919 sei nicht berücksichtigt worden, dass Osnabrück 12.000 bis 15.000 zusätzliche Münder zu stopfen haben werde. Rißmüller regt an, die erst kürzlich erhöhten Brotrationen wieder herabzusetzen, um aus den ersparten Mehlmengen eine gewisse Lebensmittelreserve anzusammeln. Es könnte sonst eine Hungersnot eintreten. Chaotische Verhältnisse wiederum könnten zu einer Besetzung des ganzen Reiches durch die Siegermächte führen. Dann werde alles noch viel schlimmer.

Telegramm nach Berlin

Einstimmig fassen die Städtischen Kollegien den Beschluss, auf eine Vorziehung des Wahltermins zur Nationalversammlung zu drängen, um möglichst bald volle Handlungsfähigkeit auf allen politischen Ebenen herzustellen. Der 16. Februar 1919 sei zu spät. Das Telegramm an die provisorische Regierung in Berlin, den „Rat der Volksbeauftragten“, lautet: „Die in heutiger gemeinschaftlicher Sitzung versammelten städtischen Körperschaften der Stadt Osnabrück richten an die Staatsleitung einstimmig die dringende Bitte, die Nationalversammlung unverzüglich, und zwar noch Anfang Januar einzuberufen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, Verhinderung des Einmarsches der Feinde und rascher Herbeiführung des Friedens. Rißmüller, Oberbürgermeister.“ Tatsächlich findet die Wahl am 19. Januar statt. Der Anteil des Osnabrücker Telegramms an dieser Entscheidung dürfte nicht messbar sein.

Unterdessen steht die Ankunft der ersten geschlossenen Truppenverbände bevor. Die Offiziere werden in Bürgerquartieren, Mannschaften und Unteroffiziere des Infanterie-Regiments (IR) 172 in der Overbergschule untergebracht, woselbst dann die Demobilisierung vonstatten gehen wird. Die Stadt weist darauf hin, dass die Offiziere im Besitz eines von ihr ausgefertigten Quartierzettels sein müssen. Anderenfalls werden die Quartiergeber keine Vergütung erhalten.

Rückflutende Regimenter

Am 4. Dezember zieht schwere Artillerie über die Iburger Straße ein. Die Wagenkolonnen sind mit Tannenbäumchen geschmückt, auf den Zugpferden dürfen Schulknaben reiten. Das erste Bataillon des IR 368, das großteils aus Osnabrückern gebildet wurde, marschiert am 17. Dezember unerwartet ein. Kaum jemand winkt ihnen daher auf dem Weg zum Schloss-Innenhof zu. „Die Bevölkerung würde es sich sonst sicher nicht haben nehmen lassen, den Tapferen, die in manch heißer Schlacht für das Vaterland gestritten haben, einen herzlichen, warmen Empfang zu bereiten. Freudig und dankbaren Herzens nehmen wir sie in unsere Mitte wieder auf“, schreibt das „Osnabrücker Tageblatt“.

Lange angekündigt ist der Einzug „unserer 92er“ am 21. Dezember. Mit Musik und klingendem Spiel erreichen sie über die Johannisstraße den Neumarkt. „Ja, die Stadt hatte Toilette gemacht und den schönsten Festschmuck angelegt“, heißt es im „Tageblatt“. Die Glocken der Lutherkirche läuten den Anmarschierenden schon von weitem entgegen. Bald fallen die Glocken von St. Johann ein und zuletzt alle Glocken der Stadt. Aus den Fenstern überschüttet man den Zug mit Blumen. Den Neumarkt umsteht eine unübersehbare Menschenmenge. Hochrufe erschallen beim Anblick der Krieger. Der Oberbürgermeister begrüßt seine „lieben 92er“ und dankt ihnen, dass sie die Heimat „vor dem Ansturm der Feinde geschirmt“ hätten. „Vor der Macht eines dunkelen, rätselvollen Geschickes mußtet Ihr nun die Waffen senken. Aber rein ist der Schild der Ehre, unbesiegt kehrt ihr zurück, stolz erhobenen Hauptes“.

27 Jahre später, am Ende des Zweiten Weltkriegs, sollen alle deutschen Soldaten infolge einer bedingungslosen Kapitulation automatisch zu Kriegsgefangenen werden. Da war nichts mit klingendem Spiel. Anders ist es am Ende des Ersten Weltkriegs. Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 sieht vor, dass die rund 190 Divisionen des deutschen Westheeres unter Waffen und innerhalb ihrer deutschen Befehlsstrukturen geordnet in ihre Heimatgarnisonen zurückkehren. Insofern ist es überhaupt nur möglich, dass die „Feldgrauen“ sich „mit einem brausenden Hoch, das über den Neumarkt hin erschallt“, von der Bevölkerung feiern und mit „Liebesgaben“ zum Fest beschenken lassen können.

Auch Otto Vesper als Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrats begrüßt die Krieger „mit unauslöschlichem Dank“ dafür, die Heimat „vor dem Einbruch der Feinde geschützt“ zu haben. „Doch zuletzt mußtet Ihr einer Übermacht weichen. Es war die Pflicht, nicht weiter nutzlose Opfer zu fordern.“


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