Roncalli-Künstler Paolo Casanova Der Mechaniker als Clown: Steampunk in Osnabrück

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Das Fahrrad ist selbstverständlich selbst gebastelt und voll funktionsfähig: Paolo Casanova alias Carillon, mal ganz ohne Schminke und Kostümierung. Foto: Gert WestdörpDas Fahrrad ist selbstverständlich selbst gebastelt und voll funktionsfähig: Paolo Casanova alias Carillon, mal ganz ohne Schminke und Kostümierung. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Nicht viele Menschen, die einen angesehenen, sicheren und gut bezahlten Job haben, würden ihn an den Nagel hängen, um Clown zu werden. Paolo Casanova hat es getan. Heute tourt er mit Circus Roncalli durch die Lande und macht in Osnabrück Station.

Wenn Casanova von seiner Berufung erzählt, sausen seine sehnigen Hände durch die Luft, seine Augen wandern lebhaft hin und her. Es hat wenig von der sprichwörtlichen italienischen Hektik, mehr von der Leidenschaft eines Mannes, der vor Ideen förmlich übersprudelt. Mitunter rauft er sich das spärlich gewordene Haar und lacht etwas verlegen. Fast entschuldigend, wegen all seiner verrückten Einfälle.

Was ist Steampunk?

Casanova ist Carillon, der Steampunk-Clown von Roncalli. Der Begriff Steampunk verweist auf die mechanischen Geräte und Maschinenteile aus dem viktorianischen Zeitalter, mit der diese Art Clowns ihre Kostüme schmücken. In Osnabrück tritt Carillon mit einer Lokomotive auf dem Zylinder in die Manege, sie hat Licht und einen rauchenden Schornstein. Casanova hat sie selbst gebaut, so wie fast alle seine Requisiten.

Das verwundert nicht. Der 51-jährige Italiener ist gelernter Industriedesigner für Autos und Motorräder, hat in seiner Heimatstadt Turin lange und erfolgreich für bekannte Unternehmen wie Fiat, Jaguar und Volkswagen gearbeitet. Er war zufrieden, doch richtig glücklich wurde er so nicht. Wie das eben so sei in „big companies“, in großen Unternehmen: „Every day is closed“, jeden Tag dasselbe, immer die gleichen Probleme. Zwischendurch entschuldigt sich Casanova für sein „bad English“. So schlecht ist es gar nicht.

Ein Traum wird wahr

Nebenbei frönte er seinem Hobby, seinem Kindheitstraum: der Clownerie. Der schmale Mann trat auf Kindergeburtstagen auf, als herkömmlicher Clown mit Pappnase und großen Schuhen. Schritt für Schritt bahnte sich so „big change in my life“, der große Wandel in seinem Leben an; Casanovas Augen strahlen. Vor zehn Jahren gibt er seinen Beruf auf, verbindet seine Berufung mit seiner Tüftelei und wird Steampunk-Clown. In seinem Herzen habe er es immer so gewollt, erklärt er. Casanova wird Carillon, zu deutsch Grammofon. Im Keller daheim in Turin hat er eine Sammlung der Schallplattenspieler-Urtypen. Seit 2016 ist er bei Roncalli.

Seine mit viel Liebe zusammen geschraubten Gefährten hat Carillon ins Herz geschlossen. Foto: Gert Westdörp

(Weiterlesen: Glanzvolle Gala-Premiere des Roncalli Weihnachtszirkus)

Der Wechsel war hart, Casanova macht keinen Hehl daraus. Wer nicht aus Zirkusfamilien kommt und automatisch in die Branche hineinwächst, muss sich erst mal etablieren. Das Leben in Wohnwagen, das ständige Reisen fällt ihm anfangs schwer. Inzwischen hat er kein Problem mehr damit. Bei Roncalli mit seinem altmodischen Stil sei er gut aufgehoben. Zwischen ihm und Bernhard Paul, dem Zirkusgründer und Liebhaber nostalgischer Einrichtungen, hat er Parallelen entdeckt. Sie sind Brüder im Geiste.

Mechaniker, Clown, Magier

Carillon sieht sich selbst als Mixer magischer Fantasie. Sein Ehrgeiz ist, einzigartig zu sein. Inspiration findet er bei Größen wie Charlie Chaplin, Federico Fellini und Tim Burton, auch Leonardo da Vinci erwähnt er; große Namen sind es, die ihm vorschweben. Wie bei einem kleinen Jungen, der von seinen Idolen schwärmt. Regelmäßig fährt er auf Flohmärkte, wühlt in Trödelgeschäften herum, deckt sich mit alten Spielwaren ein. Im stillen Kämmerlein schraubt er daran herum, bis alles passt. Manchmal, gesteht Carillon, wacht er mitten in der Nacht auf, weil er vor Ideen platzt. Dann muss er sie niederschreiben, sofort, fieberhaft. Papier und Stift liegen immer bereit. Das Licht lässt er aus, damit seine Fantastereien sich nicht verflüchtigen. „Really strange“, sagt er dazu, „sehr eigenartig“, und zuckt lächelnd die Schultern.

Weihnachten im Zirkus

Bei den Vorstellungen in Osnabrück wird Carillon von seinem Hund und seiner Liebhaberin begleitet. Sie sind selbst gebastelt, natürlich, aus Alltagsgegenständen zusammengeschraubt und mit tausenderlei Zahnrädern und Motorenhilfe zum Laufen gebracht. In vier Minuten Auftritt steckt schon mal ein Jahr Vorbereitung, schätzt Casanova. Auch die Familie aus Fleisch und Blut unterstützt den Clown. Seine Frau Tonia schneidert seine Kostüme, die Tochter Noemi singt manchmal mit ihm. Zusammen mit Sohn Ruben werden sie Weihnachten bei ihm sein, im ungemütlichen Osnabrück. Bis vor Kurzem war Casanova – übrigens kein Künstlername, er heißt wirklich so – noch bei ihnen in Italien zu Besuch. „Pingpong“ nennt er das. An Heiligabend richtet Roncalli für seine Mitarbeiter eine Feier aus. Am nächsten Tag wird Carillon wieder in der Manege stehen, eine rauchende Lokomotive auf dem Kopf.


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