Der Mut der Kleinsten Wie ein Mädchen aus Osnabrück todkranken Kindern hilft

Offenes Gesicht, freundliches Lächeln, Horn im Anschlag: So haben viele Osnabrücker Passanten Sarah kennengelernt und ins Herz geschlossen. Foto: Gert WestdörpOffenes Gesicht, freundliches Lächeln, Horn im Anschlag: So haben viele Osnabrücker Passanten Sarah kennengelernt und ins Herz geschlossen. Foto: Gert Westdörp 

Osnabrück. Vielleicht ist es übertrieben, von einem kleinen Weihnachtswunder zu sprechen. Aber wenn eine Siebenjährige durch ihr Musiktalent über 1000 Euro sammelt und die Hälfte davon ans Kinderhospiz spendet, kann einem durchaus warm ums Herz werden.

Straßenmusikanten gibt es an jeder Ecke. Nicht nur zu Weihnachten und nicht nur zur Shoppingzeit. Aber wer an zwei Samstagen im Advent den Nikolaiort überquerte, konnte dort ein Erlebnis der besonderen Art machen. Da stand mitten auf dem Platz, vor dem großen Tannenbaum, ein kleines Mädchen, spielte auf seinem Horn Weihnachtslieder und freute sich über die vielen Menschen, die es umringten und hin und wieder etwas Kleingeld in den Notenkasten legten.

Das Mädchen mit dem Horn

Die Kleine heißt Sarah. Sarah ist sieben Jahre alt, besucht eine Osnabrücker Grundschule, und das Hornspielen lernt sie an der städtischen Musikschule. Ursprünglich will sie sich nur endlich ein eigenes Instrument anschaffen. „Aber ich wollte auch was Sinniges machen“, sagt die Zweitklässlerin. So kam das Schild zustande, das sie bei ihrem Auftritt vor ihrem Notenständer platzierte: „Ich spende die Hälfte des Geldes für das Osnabrücker Hospiz. Von der anderen Hälfte möchte ich mir ein eigenes Horn kaufen.“


Genaugenommen, erklärt Sarah, soll das Geld an den ambulanten Kinderhospizdienst gehen. Eine Organisation, die Kinder – wie sie eines ist – beim Sterben begleitet. Kein leichtes Thema für eine Siebenjährige. Die Passanten rührte es. Sarahs Mutter hatte ihr einen Briefumschlag mitgegeben, um die Spenden einzusammeln. Der reichte schon bald nicht mehr. Am Ende schleppten die beiden unglaubliche zweieinhalb Kilogramm Münzen und Scheine nach Hause. Zwei Wochen später, am Samstag vor dem dritten Advent, waren es noch mal so viele. Das überwältigende Resultat nach insgesamt nicht mehr als eineinhalb Stunden: 1200 Euro. So weit kann Sarah noch nicht einmal zählen. Einer hat sogar einen Fünfziger gespendet. „Der hat wahrscheinlich den falschen Schein gezogen“, sagt Sarah und lacht etwas verlegen.

Foto: Gert Westdörp


Sonst ist sie nicht gerade auf den Mund gefallen. Auch wenn sie zugibt, anfangs schon „ein Kribbeln im Bauch“ gehabt zu haben, als sie vor aller Augen zu spielen begann. Aber schon bald überwand sie ihr Lampenfieber: „Erst habe ich mich gar nicht getraut, aber nachher habe ich richtig reingepustet.“ Horn ist kein einfaches Instrument. Über gerade mal drei Tasten wird das Blasinstrument bedient, die restlichen Töne müssen mittels Lippenspannung erzeugt werden. Ist das nicht schwierig? „Nö“, sagt Sarah: „Nicht, wenn man es erst mal gelernt hat.“ So ist das also. Auf dem Nikolaiort spielte die Grundschülerin vor allem Weihnachtsklassiker wie „Morgen kommt der Weihnachtsmann“, „Ihr Kinderlein kommet“ und natürlich ihr Lieblingslied, „We wish you a merry christmas“.

Sie will anderen helfen

Die Mutter ist stolz auf ihre Tochter – und gibt zu, dass sie mit einem so großen Erfolg gar nicht gerechnet habe. Umso wichtiger ist ihr, den zahlreichen Spendern Danke zu sagen: „Nicht viele würden einem fremden Kind einfach so Geld geben.“ Wie versprochen gehen 600 Euro an den Kinderhospizdienst. Dort ist Susanne Wagner ganz aus dem Häuschen über Sarahs Hilfsbereitschaft: „Es ist berührend, wenn Kinder sich für Kinder einsetzen.“ Sie freue sich sehr. Mit dem Geld will man todkranke Kinder und ihre Familien auf dem letzten gemeinsamen Weg unterstützen. Sarahs Mutter sieht darin ein Zeichen, dass auch die ganz Kleinen etwas bewegen können, wenn sie es wollen und ein bisschen Mut aufbringen. Sie weiß: „Es ist nicht selbstverständlich, gesunde Kinder zu haben.“

Auch wenn es bis zu Sarahs Berufseinstieg noch lange hin ist, weiß die Osnabrückerin schon genau, was sie einmal machen wird: „Ich will Ärztin oder Polizistin oder Feuerwehrfrau werden.“ Irgendwas, wo sie anderen Menschen helfen kann.


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