Als Homosexueller ermordet Osnabrücker Wilhelm Niemann geriet in die Fänge des NS-Regimes

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Marienstraße 11 in Osnabrück: Hier lebte Wilhelm Niemann, bevor er 1937 in die Fänge der Nationalsozialisten geriet. 1944 wurde er ermordet. Foto: David EbenerMarienstraße 11 in Osnabrück: Hier lebte Wilhelm Niemann, bevor er 1937 in die Fänge der Nationalsozialisten geriet. 1944 wurde er ermordet. Foto: David Ebener

Osnabrück. 1937 musste Wilhelm Niemann wegen einer homosexuellen Handlung ins Gefängnis. 1944 starb er in einer Tötungsanstalt der Nationalsozialisten. Ein Stolperstein in der Osnabrücker Marienstraße erinnert an sein Schicksal.

Er war Arbeiter und lebte in der Osnabrücker Altstadt. Wilhelm Franz Niemann war 1896 als Sohn katholischer Eltern auf die Welt gekommen. Die Familie mit neun Kindern lebte zunächst an der Goldstraße, dann an der Osningstraße. Als Erwachsener zog Wilhelm Franz Niemann schließlich in die Marienstraße. Dort wurde in diesem Sommer auch ein Stolperstein für ihn verlegt – vor dem Haus Nummer 11, in dem sich heute das Fotoatelier Lichtenberg befindet.

Wie Wilhelm Franz Niemann lebte und was genau ihm Schwierigkeiten mit der Justiz einbrachte, ist nicht bekannt. Im September 1937 jedenfalls wurde er wegen einer homosexuellen Handlung verurteilt. Ein Jahr Gefängnis lautete der Richterspruch – doch er sollte gleichbedeutend mit einem Todesurteil sein.

Hintergrund war die Anwendung des Paragrafen 175 während der Zeit des Nationalsozialismus. Homosexuelle galten als „entartet“. Bereits „begehrliche Blicke“ von Mann zu Mann reichten für eine Strafverfolgung. Adolf Hitlers Regime bezeichnete Homosexuelle als „Volksfeinde“. Bei der Verfolgung schwankten die Nationalsozialisten zwischen Versuchen zur Umerziehung und Vernichtung. Sie erfassten etwa 100.000 Männer auf „rosa Listen“, verurteilten rund die Hälfte von ihnen und verschleppten 10.000 bis 15.000 in Konzentrationslager, wo vermutlich wiederum die Hälfte ums Leben kam. Viele Homosexuelle wurden auch in Psychiatrien eingeliefert oder auf Anordnung von Gerichten kastriert. Und: Nationalsozialistische Ärzte experimentierten auch mit diesen Opfern des Regimes – und oft war der Tod der „Patienten“ eingeplant. Überliefert ist außerdem, dass sich ein Teil der Verfolgten selbst gar nicht als homosexuell identifizierte.

Ein österreichisches Schloss als Tötungsanstalt

Wilhelm Franz Niemann kam nach Verbüßung seiner Gefängnisstrafe nicht wieder frei. Als sogenannter „Schutzhäftling“ wurde er in das  Konzentrationslager Mauthausen verschleppt, das sich östlich der österreichischen Stadt Linz befand. Wie Lisa Böhne vom Initiativkreis Stolpersteine bei ihren Recherchen feststellte, sind weitere Stationen seines Leidenswegs nicht genau dokumentiert, wohl aber, dass der Osnabrücker 1944 in das Schloss Hartheim bei Alkoven in Oberösterreich gebracht wurde. Die Nationalsozialisten hatten es zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert. Zu ihrer Rassenideologie gehörte die "Vernichtung lebensunwerten Lebens". Zwischen 1940 und 1944 wurden nach Schätzungen von Historikern etwa 30.000 Menschen auf Schloss Hartheim ermordet – psychisch Kranke, körperlich und geistig Behinderte sowie Häftlinge aus Konzentrationslagern. Einer von ihnen war der Osnabrücker Wilhelm Franz Niemann. Er kam dort im Juli 1944 ums Leben – im Alter von 47 Jahren. Aus einer Gefängnisstrafe war ein Todesurteil geworden.

Der Stolperstein für Wilhelm Franz Niemann. Foto: David Ebener


Stolpersteine

Messingplatten in Gehwegen erinnern an Opfer des Nationalsozialismus – jeweils vor den ehemaligen Wohnungen oder Wirkungsstätten der Juden, Sinti, Roma, Deserteure sowie Menschen, die aus politischen oder religiösen Gründen, einer psychischen Erkrankung, ihrer sexuellen Orientierung oder einer Behinderung verfolgt und ermordet wurden.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig ist Initiator des Projekts Stolpersteine, dem sich mehrere Hundert Kommunen angeschlossen haben – außer in Deutschland unter anderem auch in Österreich, Ungarn, Tschechien, Polen, in der Ukraine und in den Niederlanden.

In Osnabrück werden die Gedenksteine seit 2007 verlegt. Inzwischen befinden sich im Stadtgebiet 290 Stolpersteine. Pate des Gedenksteins an der Marienstraße 11 in Osnabrück für Wilhelm Franz Niemann  ist das Schul-Aufklärungsprojekt „Schlau“, deren ehrenamtliche Akteure Workshops unter anderem über Homosexualität anbieten.

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