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Gerichts-Simulation Osnabrück: Nachwuchs jongliert mit Paragrafen

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Das Banner zeigt an, dass es sich bei dieser Verhandlung im Landgericht um eine Simulation handelt. Jura-Studenten erproben dabei ihren künftigen Arbeitsalltag. Foto: Hermann PentermannDas Banner zeigt an, dass es sich bei dieser Verhandlung im Landgericht um eine Simulation handelt. Jura-Studenten erproben dabei ihren künftigen Arbeitsalltag. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Sie tragen schwarze Roben. Tuscheln miteinander. Und werfen ab und zu einen Blick in ihr dickes rotes Gesetzbuch, das vor ihnen auf dem Tisch liegt. Je zwei Rechtsanwälte sitzen rechts und links vom Richterpult. Alles scheint normal im Raum 188 des Osnabrücker Landgerichts. Es könnte eine Verhandlung sein wie jede andere. Ist es aber nicht: Beim lokalen Finale der Gerichts-Simulation „ELSA Deutschland Moot Court“ können Jura-Studenten ihr Talent beweisen.

„Es geht darum, außer dem theorielastigen Studium etwas Praktisches anzubieten“, sagt Moot-Court-Organisatorin Julia Bianca Stock. Die 22-jährige Jura-Studentin ist bei der Osnabrücker Lokal-Gruppe der „European Law Students Association“ (ELSA) unter anderem für Gerichtssimulationen zuständig. Insgesamt sechs Teams mit je zwei Studenten haben dieses Jahr auf lokaler Ebene an den fiktiven Verhandlungen teilgenommen. Zwei der Paare dürfen im Lokal-Finale vor dem Osnabrücker Landgericht miteinander streiten.

Wie in einem regulären Verfahren betritt das Richter-Trio den Saal durch eine vertäfelte Holztür. Das Publikum verstummt und erhebt sich. „Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Platz“, sagt Richter Hans Schulte-Nölke. Er ist normalerweise Jura-Professor an der Universität. Beim ELSA Moot Court fällt er mit zwei erfahrenen Richtern des Landgerichts das fiktive Urteil.

Dazu gehört natürlich auch ein fiktiver Fall: Der Kläger hatte seinen alten Mercedes auf einem Waldparkplatz abgestellt. Er dachte, er bekäme für den Mercedes keine Umweltplakette mehr – so sollte der Wagen dort verrotten.

Wenige Tage später sah ein Automechaniker das abgestellte Auto. Er erkannte den wahren Wert: Der Wagen würde durchaus noch eine grüne Plakette bekommen. Der Mechaniker inserierte das Auto in der Zeitung und verkaufte es an einen Studenten. Doch der ursprüngliche Besitzer bemerkt den Coup und geht vor Gericht – er will das Geld für seinen Wagen selbst einstreichen.

„Wir beantragen, die Klage abzuweisen“, sagt Jan Nachrodt wie ein echter Anwalt. Dabei studiert er erst im dritten Semester Jura. Nachrodt ist einer der Studenten, die es in das Lokal-Finale geschafft haben. Er vertritt mit Studienkollege Michael Schrul die Rechte des fiktiven Automechanikers. „Das Fahrzeug war herrenlos“, erklärt Nachrodt. Schließlich habe der Kläger die Nummernschilder abgeschraubt und die Autoschlüssel auf den Beifahrersitz gelegt.

„Wir haben zu klären, ob der Kläger der Eigentümer war“, verlangt Richter und Jura-Professor Schulte-Nölke. Da kommen die vier Studenten auch mal ins Schwitzen. Christine Dahmen etwa, sie vertritt den fiktiven Kläger. „Es ist definitiv das Fahrzeug des Klägers“, sagt sie. Eine Begründung kann die Jura-Studentin nicht liefern. Dafür gibt es aber Tipps von den echten Richtern: „Paragraf 163 hat ja noch ein paar mehr Absätze“, verrät Richterin Judith Stalljohann.

Ansonsten gibt es viel Lob von den Richtern: „Das war schon eine Top-Leistung“, resümiert Dagmar Winkelsträter, Richterin am Landgericht. Sie findet es toll, vor motivierten jungen Studenten zu sitzen. Deshalb macht sie mit. Und fällt diesmal zwei Urteile – anders als in einem normalen Verfahren.

Zunächst ergeht ein „Urteil im Namen des Volkes“: Der Automechaniker muss dem Kläger das Geld zurückzahlen. Hier verlieren Jan Nachrodt und Michael Schrul. Aber es ergeht noch ein zweites Urteil, bei dem die beiden gewinnen: Sie sind die Sieger des lokalen Finales – und fahren deshalb zum ELSA-Regionalentscheid nach Gießen.

Wenn sie dort Glück haben, können die beiden Jura-Studenten vor einem der wichtigsten deutschen Gerichte plädieren. Die Gewinner der beiden Regionalentscheide fahren nach Kassel zum Bundesgerichtshof. „Wir gucken mal, wie unsere Chancen stehen“, sagt Nachrodt. Doch eines ist den beiden viel wichtiger: „Wir wollen vor allem Spaß haben.“


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