Weihnachtscircus in Osnabrück Hinter den Kulissen von Roncalli: So lebt es sich im Zirkuswagen

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Nataliya ist Artistin bei Roncalli. Beim Schminken wird aus der zweifachen Mutter eine "Queen of Baroque". Wie lebt sie mit ihrer Familie im Zirkus? Foto: David EbenerNataliya ist Artistin bei Roncalli. Beim Schminken wird aus der zweifachen Mutter eine "Queen of Baroque". Wie lebt sie mit ihrer Familie im Zirkus? Foto: David Ebener 

Osnabrück. Nataliya und Michele Rossi sind ein Zirkuspaar. Er baut das Zelt, in dem sie kopfüber von der Kuppel schwebt. Privat teilen sie einen Campingwagen und haben zwei Kinder. Wie leben sie, wenn bei Roncalli das Scheinwerferlicht ausgeht?

Der Zirkus ist ein Dorf. „Unsere Stadt“, sagen die Rossis. Ihre Heimat hat 34 Quadratmeter und steht auf Rädern. Zuhause fühlt sich die Familie immer dort, wo ihr Caravan parkt. Hauptsache, die 120 Nachbarn sind mitgereist, die anderen Dorfbewohner: die Artisten, die Requisiteure, die Musiker, die Clowns und die Kassierer. 

Die Briefkästen der Zirkusdorfbewohner. Foto: David Ebener

Die Rossis sind eine der Zirkusfamilien, die mit Roncalli durch Europa touren. Michele Rossi, der Zeltmeister (41), Nataliya Rossi (34), Artistin, und ihre beiden Kinder, der dreijährige Michele (Micky) und Nicholas, anderthalb Jahre alt. Im Kreise des großen Roncalli-Clans werde es nie langweilig, findet Nataliya. In Köln haben sie eine große Wohnung. „Wir sind aber fast nie dort, selbst an freien Tagen nicht. Da geht man verloren, so viel Platz“. Sie lacht.

Foto: David Ebener

In Osnabrück schlug der Zirkus sein Quartier wie in den vergangenen vier Jahren auf dem eher unwirtlichen Platz vor der Halle Gartlage auf. Eine asphaltierte Fläche im nicht so hübschen Teil der Stadt, wo sich der Regen an den Tagen vor Weihnachten in Schlaglöchern zu tiefen Pfützen staut. Hier soll der Zirkus seine Zuschauer in eine magische Fantasiewelt entführen. Daran, dass das inmitten dieser kargen Betonatmosphäre überhaupt gelingen kann, hat der 41-jährige Michele einen wesentlichen Anteil.

Zwölf Kilometer Stromkabel

Er ist der Zeltmeister. Der Herr über sämtliche fliegenden Bauten bei Roncalli. Seit neun Jahren macht er den Job und behält den Überblick, wenn 25 Arbeiter aus vier Masten, 88 Rondellstangen, 172 Zeltankern und einer riesigen Plane das 16 Meter hohe Hauptzelt errichten. 1499 Zuschauer finden darin Platz. Zwölf Kilometer Stromkabel und drei Kilometer Wasserleitungen werden verlegt und so gut versteckt, dass der Besucher sie kaum bemerkt.

Foto: David Ebener

Michele trägt einen Helm, eine neongelbe Jacke, Jeans und Arbeitsschuhe. Er steht dort, wo sich bald heiße Scheinwerfer auf die Artisten richten: mitten im Zelt. Er ist Sprössling einer italienischen Zirkusfamilie. Die Tradition führt er in siebter Generation fort. Früher hat er in der Manege jongliert, aber die Arbeit hinter den Kulissen war mehr sein Ding. Mit den Armen dirigiert der Italiener nun seine Leute und erteilt Kommandos. Sie sind etwas in Verzug mit dem Aufbau. Zwei Tage haben sie, dann muss das Hauptzelt stehen, damit die Proben beginnen können.

Foto: David Ebener

Die Rossis waren wie so oft als Vorhut für den Circus Roncalli unterwegs. Seit dem 13. Dezember sind sie in Osnabrück. Angereist noch vor dem Zug, der sämtliche Zirkuswagen von Linz nach Osnabrück brachte und eine unfreiwillige Pause in Fulda einlegen musste. Michele kostete die Verspätung ordentlich Schweiß und Nerven. Denn auf dem Zug befand sich das Spezialfahrzeug, mit dem seine Helfer die Zeltanker anderthalb Meter tief in die Asphaltfläche treiben. 

Von der Konstruktion zur Kulisse

Nach den Zelten ist die Kür an der Reihe, das Verzieren der Fassade. Dutzende Tannenbäume, 10.000 LED-Glühlampen und pittoreske Schmuckgeschenke läuten die Verwandlung ein: von der technisch sicheren Zeltkonstruktion zur weihnachtlich-verträumten Zirkuskulisse. Einen kleinen Baum bekommen die Rossis für ihre gute Stube.

Foto: David Ebener

Oft macht Michele mit seinen Männern Mittag. Dann holen sie sich beim Koch der Crew eine deftige Mahlzeit und atmen durch. An diesem Tag nimmt der 41-Jährige die Pausenstulle bei seiner Familie ein. Die Rossis bewohnen eines der wenigen modernen Wohnmobile im Roncalli-Fuhrpark. Michele hat es einem Artisten abgekauft, als die Familie größer wurde.

365 Tage im Jahr Campingatmosphäre

Die meisten anderen Mitarbeiter schlafen in einem der 80 historischen Zirkuswagen, die Roncalli-Gründer Bernhard Paul einst liebevoll restaurieren ließ. Manche kommen zu viert in einem der Wagen unter, andere nächtigen dort zu sechst. „Bei uns herrscht 365 Tage im Jahr Campingatmosphäre“, sagt Neele Ziesing, die die Pressearbeit des Zirkus unterstützt. „Das muss man mögen.“

Foto: David Ebener

Jeder hat sein eigenes kleines Abteil, ist zu erfahren, aber hineinschauen dürfen Journalisten in die Schlafwagen nicht. Der Zirkus zeigt sich bemüht, einen authentischen Einblick in das Nomadenleben seiner Schaustellerkarawane zu gewähren, aber nicht jeder Vorhang wird gelüftet. Eine gewisse Zirkusromantik gilt es schließlich zu bewahren.

Foto: David Ebener

Die Rossis hingegen öffnen gerne ihre Tür und gewähren Eintritt. Die Ukrainerin Nataliya hat sich für den Besuch geschminkt. Ihre Jungs toben durch die Wohnstube. Eine Gasheizung hält den Raum warm, ein heller Teppich liegt aus, die Wände sind holzverkleidet und mit Bildern der Familie geschmückt. Im Hintergrund läuft der Fernseher, auf dem Herd steht eine Espressokanne, am Kühlschrank hängen Magnetwappen aus all den Städten, die sie schon bereist haben. Amsterdam, Verona, Bukarest. 

Foto: David Ebener

Vom Wohnraum gehen links und rechts zwei Schlafräume ab, außerdem haben die Rossis ein eigenes kleines Badezimmer. Michele steht in der Regel als erster auf, sein Tag beginnt um neun Uhr morgens. In der Vorführungszeit arbeitet er als Zirkusschlosser. Sobald es Requisiten zu reparieren gilt, kommen die Kollegen zu ihm. 

Schlaf im Rhythmus der Vorstellungen

Die Kinder schlafen lang. Sie haben den Rhythmus der Vorstellungen verinnerlicht. Ins Bett geht es für sie meist erst gegen 23 Uhr. Wenn sie nicht im Wohnwagen spielen, schauen sie tagsüber im Zirkuszelt vorbei, lauschen den Musikern, streunen durch die Kulisse oder treffen die wenigen anderen Kinder und all ihre erwachsenen Freunde im Zirkuscafé.

Foto: David Ebener

Nicholas hält die Hände seiner Mutter und lässt sich nach unten gleiten. Die beiden üben Spagat. Doch bis zum Boden kommt der Anderthalbjährige heute nicht. Eigentlich schafft er die Dehnung mit gespreizten Beinen ziemlich zuverlässig, aber gerade stören ihn Jeans und Windel. Der dreijährige Micky kopiert die Bewegungen von Jongleuren, wenn er sie bei den Proben beobachtet – noch ohne Bälle oder Keulen.

Foto: David Ebener

Sind sie die zukünftigen Stars der Manege? Im nächsten Jahr will Nataliya anfangen, mit Micky zu trainieren. Wenn er ins schulpflichtige Alter kommt, wird er Teleunterricht nehmen – und sich irgendwann als Jugendlicher entscheiden müssen: zwischen Algebra und Artistik, dem normalen Beruf und der Zirkuswelt. „Wir wollen den Kindern da nicht reinreden. Das ist ihre eigene Entscheidung“, sagt der Vater. Nur eine Einschränkung hat Nataliya: Akrobatik in der Höhe, so wie sie selbst sie vorführt, will sie bei ihren Kindern nicht sehen. „Das könnte ich nicht aushalten.“ 

An den Tagen vor der Premiere muss sich die 34-jährige Artistin bereit halten, um ihre Luftnummer mit Vivi Paul unter Osnabrücker Bedingungen zu proben. Über eine Facebookgruppe bekommt sie Bescheid, wann sie dran sind. Michele passt dann auf die Kinder auf.

Das schwarze Brett im Zirkus: Blick auf den ausgedruckten Probenplan. Foto: David Ebener

Vivi ist die älteste Tochter des Zirkusgründers Bernhard Paul. In Deutschlands erfolgreichstem Zirkus bahnt sich seit geraumer Zeit ein Generationswechsel an. Pauls Kinder Vivi, Adrian und Lili übernehmen nach und nach das Ruder. Zum ersten Mal führt Sohn Adrian die Regie beim Osnabrücker Weihnachtszirkus. Er inszeniert rockiger als sein Vater und setzt auf Tempo. Ob sein Konzept verfängt und die gleiche Roncalli-Magie entfaltet, für die sein Vater einst selbst vom skeptischen Feuilleton gefeiert wurde, wird das Publikum entscheiden. 

Bernhard Paul erschuf mit Roncalli Vorstellungen von zarter Poesie. Als er vor einem Monat den nordrhein-westfälischen Staatspreis verliehen bekam, ließ er es sich in seiner Rede nicht nehmen, eine feine Spitze zu setzen. In ganz Europa zähle der Zirkus zum Kulturgut der jeweiligen Länder, nur in Deutschland nicht. 

Dem Erfolg Roncallis tut das allerdings keinen Abbruch. Die Besucherzahlen stimmen. Die vergangene Tour wollten 450.000 Zuschauer sehen. Das Castingteam des Zirkus' kann die renommiertesten Artisten und Clowns buchen. 29 Nationen sind in der Manege vertreten. So wie Nataliya arbeiten die meisten mit Saisonverträgen.

In der Maske: Eine halbe Stunde braucht Nataliya, um sich für den Auftritt zu verwandeln. Foto: David Ebener

Was bei ihr im Licht der Scheinwerfer mit graziler Leichtigkeit daherkommt, ist in Wahrheit ein hartes Stück Arbeit. Nach zwei Schwangerschaften musste sich die Ukrainerin ihren Weg zurück in die erste Reihe hart erkämpfen. Die 34-Jährige stammt aus einer Sportlerfamilie. Als Jugendliche turnte sie im Nationalteam der Ukraine. Heute ist sie Artistin, Choreografin und Regisseurin. In ein paar Jahren wird sie zu alt sein für den Hochleistungssport, den sie bei Roncalli zeigt. Dann will sie andere Artisten anleiten und ihre Nummern entwerfen.   

Nataliya und Vivi tragen Leggings und T-Shirt. Die ukrainische Artistin macht sich an einer der Zeltstangen warm. Die Art, wie sie ihre Beinmuskulatur dehnt, würde bei Normalsterblichen sämtliche Sehnen reißen lassen: ein stehender Spagat, das Bein reckt sie senkrecht in die Luft.

Foto: David Ebener

Die Choreografie für ihren Auftritt haben die beiden selbst entwickelt. „Queens of Baroque“ nennen sie sich als Duo. In barocken Kostümen lassen sie sich von einem Kronleuchter unter die Zeltkuppel ziehen. Sie drehen Pirouetten, wirbeln durch die Luft, nur von einer Schlinge um den Kopf gehalten. Dramatische Streichermusik unterlegt das Kunststück, bei dem sich ungeübte Artisten vermutlich erhängen würden. Die Luftakrobatik lebt von absolutem Vertrauen. Vivi und Nataliya halten sich gegenseitig. Die Partnerin ist die einzige Absicherung gegen den Fall. 

Foto: David Ebener

Privat sind sie gut befreundet. Vivi ist Patentante beider Rossi-Kinder. Nicholas wurde im Zirkus getauft. „Ich bin mir hundertprozentig sicher über das, was wir machen. Nur die Technik muss halten“, sagt Nataliya. Bei den Proben in Osnabrück gibt der Kronleuchter mehr nach als bei den Auftritten zuletzt. „Das variiert an den Spielorten und hat mit dem Untergrund zu tun, auf dem das Zelt steht. Daran müssen wir unsere Bewegungen anpassen.“ 

Geburtstage im Zirkuscafé

In Osnabrück spielt Roncalli noch bis zum 6. Januar. Täglich gibt es Vorstellungen. Die Tage der Zirkustruppe passen sich diesem Rhythmus an. Zwischen den Auftritten suchen die Artisten Ruhe und ziehen sich zurück. Man sieht sich ohnehin oft genug. Bei 124 Campingdorfbewohnern gibt es regelmäßig Geburtstage zu feiern. Dann sitzen sie alle noch bis spät in die Nacht mit Pizza und Getränken im Zirkuscafé.  

Auch Weihnachten feierten sie gemeinsam dort – als große Zirkusfamilie.



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