Mit der Kaltfront kam die Katastrophe Vor 40 Jahren erstarrte Norddeutschland unter meterhohen Schneemassen

Von Christoph Beyer

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Superwinter in Osnabrück: Im Februar 1979 müssen die Passanten auf der Großen Straße durch Tiefschnee stapfen. Foto: Hartwig FenderSuperwinter in Osnabrück: Im Februar 1979 müssen die Passanten auf der Großen Straße durch Tiefschnee stapfen. Foto: Hartwig Fender

Osnabrück. Sturmböen, Schneeberge und eingeschneite Autofahrer: Die Bilder des "Superwinters" 1978/79 in Norddeutschland gingen ins kollektive Gedächtnis ein. Auch im Osnabrücker Land wurde vor vier Jahrzehnten der Katastrophenfall ausgerufen. Dabei sah es zunächst so aus, als bliebe die Region vor dem ganz großen Schneesturm verschont.

Die Wettervorhersage der Tagesschau am 28. Dezember 1978 ließ nichts Böses erahnen: "Im Norden bedeckt, zum Teil länger anhaltende Niederschläge, Tiefsttemperaturen zwei bis minus 3 Grad." Norddeutschland hatte ein mildes, verregnetes Weihnachtsfest hinter sich. Die Menschen freuten sich auf ein verlängertes Wochenende samt Jahreswechsel. Welche Folgen die ungewöhnliche Wetterlage über der Ostsee haben sollte, wo subtropische und arktische Luftmassen aufeinander prallten, ahnte niemand. 

Sieben Meter hohe Schneewehen

Als eine dunkle Wolkenwand über Schleswig Holstein zog, Eisregen herabstürzte und heftiger Sturm und Schneefall folgte, nahm eine Wetterkatastrophe bis dahin unbekannten Ausmaßes ihren Lauf. Strommasten brachen unter der Last des Eises, Telefone blieben still, der Straßen- und Schienenverkehr kam zum Erliegen. Innerhalb weniger Stunden steckten tausende Fahrzeuge in Deutschlands nördlichstem Bundesland im Unwetter fest. Für viele Autofahrer eine lebensbedrohliche Situation, denn der Sturm hatte die 70 Zentimeter Schnee zu bis zu sieben Meter hohen Wänden aufgetürmt. Unter schwierigsten Bedingungen drangen Bergepanzer und Hubschrauber zu den Eingeschlossenen in Autos und abgeschnittenen Ortschaften vor. Über 5000 Menschen wurden auf diesem Weg aus den Schneemassen gerettet. Erst nach 60 Stunden ließ der Sturm nach. Sechs Personen hatten die Wetterkapriolen zum Jahreswechsel nicht überlebt. Bundesweit sollte der Winter 1978/79 am Ende 17 Opfer fordern.

Vor 40 Jahren verwandelte sich Osnabrück für Wochen in ein Winterparadies (wie hier am Schinkelberg). Foto: Hartwig Fender


Durch die Ereignisse in Schleswig Holstein vorgewarnt, verhielten sich die Menschen im Osnabrücker Land besonders vorausschauend, bilanzierte die Polizei. Die klirrende Kälte und das Eis auf den Straßen des Landkreises hatte dennoch zu zahlreichen Unfällen geführt. Minus 24 Grad und 11 Zentimeter Neuschnee maß die Wetterstation an der Osnabrücker Bomblatstraße am 2. Januar 1979, damals der kälteste Wert seit 11 Jahren. Während der Verkehr stockte oder, angesichts von 20 cm dicken Eisschollen, im Osnabrücker Hafen, gänzlich zum Erliegen kam, vergnügten sich die Jüngeren auf den vom Tiefbauamt freigegebenen Rodelstrecken des Schinkelbergs. Dass es schulfrei gab, verstärkte den Abfahrtsspaß zusätzlich.

Die schönen Seiten des Winters, Anfang Januar 1979.


Knapp sechs Wochen später sollte es die Region deutlich heftiger treffen. Diesmal, am 13. Februar 1979, prallten die Luftmassen weiter südlich aufeinander, was große Teile Niedersachsens ins Schneechaos stürzte. Böen von über 100 km/h fegten durchs Binnenland, heftiger Schneefall sorgte für meterhohe Verwehungen auch in Osnabrück. Ein Katastrophenstab nahm im Kreishaus die Arbeit auf. Neben 200 städtischen Mitarbeitern wurden in Folge auch Privatfirmen samt Fahrzeugen für Räumungsarbeiten in der Stadt aktiviert. 

Auch im Osnabrücker Land versinken die Autos im Schnee.


"Es schneite ununterbrochen. Für uns hieß da die Devise: Anpacken! Da haben wir gar nicht lange drüber nachgedacht," erinnert sich der heute 77-jährige Franz Kraux, damals stellvertretender Zugtruppführer bei Technischen Hilfswerk (THW) Osnabrück. Ihren PS-starken Allrad-LKW wandelten die THW-Helfer zum Schneepflug um, indem sie aus Holzbohlen ein Dreieck errichteten und dieses vorne ans Fahrzeug montierten. Neben den Räumungsarbeiten schleppten sie auch zahlreiche eingeschneite Fahrzeuge in Sicherheit, auf der Autobahn etwa einen schweren Holztransporter. Helfer versuchten, vor allem den Ring, die Ausfallstraßen und Verkehrsknotenpunkte wie den Neumarkt freizuschaufeln. 

Schneeräumeinsatz mit Radlader und Lastwagen im Februar 1979 in der Großen Straße.


Erst am 16. Februar wurde auch die Große Straße geräumt. Arg getroffen hatte es auch den südlichen Landkreis, wo abgelegene Wohnhäuser zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten waren. Auf der B 68 bei Dissen eingeschneite Fahrzeuge befreite die britische Rheinarmee mit ihren Bergepanzern. 

Meteorologe: Wiederholung durchaus möglich

Angesichts des Klimawandels, muten die Bilder des "Superwinters" 1978/79 fast schon unwirklich an. Dennoch sei eine Wiederholung durchaus möglich, betont etwa der von dem damaligen Wetterphänomen schwer beeindruckte, aus Norddeutschland stammende Meterologe und Unwetterexperte Thomas Sävert. Beruhigend zu wissen: Die Möglichkeiten sich rechtzeitig zu informieren, seien heute deutlich besser, als bei den folgenreichen Ereignissen vor vier Jahrzehnten.


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