Osnabrücker Silvestergrüße Grußkarten zum Jahreswechsel hatten im Kaiserreich Hochkonjuktur

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Der Haarmannsbrunnen zu Osnabrück hat sich in ein Alpendorf verirrt. Ansichtskarte des Verlags Glückstadt & Münden, Hamburg, aus der Sammlung Helmut Riecken.Der Haarmannsbrunnen zu Osnabrück hat sich in ein Alpendorf verirrt. Ansichtskarte des Verlags Glückstadt & Münden, Hamburg, aus der Sammlung Helmut Riecken.

Osnabrück. Lange vor E-Cards, Twitter und WhatsApp schickten die Menschen sich Neujahrsgrüße per Post. Eine erfolgreiche Geschäftsidee der Ansichtskartenverlage war es, allgemeine Winter- und Neujahrsmotive mit lokalen „Intarsien“ für die jeweiligen Abnehmer interessanter zu machen.

So kam beispielsweise der Osnabrücker Haarmannsbrunnen zu der Ehre, eine Brücke von der wenig winterlichen Hasestadt in eine tiefverschneite alpenländische Idylle zu bauen. Als Symbole des Jahreswechsels müssen in dieser Ansicht eine auf der Zwölf stehende Uhr, ein buckliger Greis in Lumpen mit der Aufschrift „Das alte Jahr“ und die aufgehende Sonne für „Das neue Jahr“ herhalten.

Und schon wieder der Haarmannsbrunnen, der hier Glückwünsche zum neuen Jahr 1910 überbringt. Ansichtskarte des Verlags Schaar & Dathe, Trier, aus der Sammlung Helmut Riecken


Der Haarmannsbrunnen schien es den Ansichtskartenverlagen angetan zu haben. Er ist gleich auf mehreren Karten mit Osnabrücker Motiven vertreten. Ansichtskartensammler Helmut Riecken, der uns die hier gezeigte Auswahl zur Verfügung gestellt hat, nennt einen möglichen Grund: In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als das Versenden von Bildpostkarten Hochkonjunktur hatte, war der Haarmannsbrunnen gerade neu. Nach seiner Einweihung 1909 wurde er sofort in die Riege der häufig abgebildeten Hauptsehenswürdigkeiten aufgenommen.

Kräftiger Bergmann gefällt den Osnabrückern

Der kräftige Bergmann als zentrale Figur der Brunnenanlage gefiel den Osnabrückern. Sie ließen sich von ihm an die Bergbautradition der 1898 eingestellten Kohlegewinnung im Piesberg erinnern und gedachten wohl auch der tödlichen Gefahren, die plötzliche Wassereinbrüche auslösen können. Dass die Figur eines der ältesten Arbeiterdenkmäler Deutschlands darstellt, war den Zeitgenossen sicherlich noch nicht bewusst. Wohl aber, dass der Stifter, Stahlwerksdirektor August Haarmann, mit der Positionierung des Denkmals am Beginn des Herrenteichswalls diesen für alle Zeiten vor der Abtragung retten wollte. Der Bestand der Lieblings-Flaniermeile der Osnabrücker war immer mal wieder durch Stadtplanungen gefährdet. So plädierte Stadtbaurat Hackländer in den 1890er-Jahren für eine Hauptverkehrsstraße zwischen Hasetor und Hauptbahnhof direkt neben der Hase.

Mit Fanfarenstößen begrüßen über dem Haarmannsbrunnen schwebende Engel das neue Jahr. Ansichtskarte aus der Sammlung Helmut Riecken


Neben dem Haarmannsbrunnen finden sich auf den Neujahrskarten aber auch andere „Klassiker“ der Osnabrücker Stadtansichten wie Rathaus, Vitischanze, Hauptbahnhof oder Schlittschuhläufer auf der Hase mit den Domtürmen im Hintergrund. Aus dem Rahmen fällt ein Motiv, das sich die Familie Völker für die exklusiv für sie gedruckte Karte ausgesucht hatte: der Goldfischteich im Bürgerpark. Ob sie damit eine Verbindung herstellen wollten zwischen Goldfischen und Silvesterkarpfen, ist nicht bekannt.

Kleeblätter und andere Glückssymbole

Die Bildpostkarten-Sammlung der Universität Osnabrück von Professorin Sabine Giesbrecht umfasst rund 15000 Exemplare aus der Zeit von 1897 bis 1945. Man darf ihr wohl eine gewisse Repräsentativität unterstellen, was die Häufigkeitsverteilung von Postkarten zu den Festen des Jahreskreises angeht. Darin nehmen Neujahrskarten mit 343 verschiedenen Exemplaren den ersten Rang ein. Es folgen Weihnachten (231), Ostern (153), Pfingsten (77) und schließlich weit abgeschlagen der Nikolaus mit 20 Exemplaren.

Wie mit vielen Festtagen, so verbanden unsere Vorfahren auch schon vor 100 Jahren den Jahreswechsel mit allerlei Brauchtum. Dass von den häufig abgebildeten Glückssymbolen eine tatsächliche Wirkung ausgehe, nahm auch damals wohl kein vernünftiger Mensch an. Trotzdem lässt man sich augenzwinkernd gern darauf ein, Glücksbringer wie etwa Glückspfennige, Glücksschweine, Schornsteinfeger, vierblättrige Kleeblätter, Marienkäfer, Hufeisen und Sekt trinkende Zwerge auf den Grußkarten dekorativ unterzubringen. Oftmals werden sie von Schlittschuhläufern oder Schlittenfahrern jahreszeitlich passend begleitet.

Karpfenschuppe in die Geldbörse

In der Gründerzeit und danach verbesserten sich die Lebensverhältnisse für weite Kreise der Bevölkerung dank Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritt. Daraus resultierte ein allgemeiner Fortschrittsglaube, wie er etwa in der aufgehenden Sonne auf der Ansicht des verschneiten Alpendorfs symbolisiert wird. Man möchte das Alte, Schlechtere hinter sich lassen und das Neue, Bessere herbeiwünschen. Eine alte Silvestersitte ist, eine Schuppe des Silvesterkarpfens in die Geldbörse zu stecken, in der Hoffnung, sie würde einem im kommenden Jahr stets zu ausreichend Geld verhelfen. Linsen aß man gern an Silvester, da man ihre Form, die an kleine Münzen erinnert, als Symbol für den erhofften Wohlstand betrachtete.

Osnabrück im Winter wünscht Glück zum neuen Jahre. Ansichtskarte des Verlags F. Knüppe, Osnabrück, aus der Sammlung Helmut Riecken


Feuerwerk und Fackeln sollten böse Geister vertreiben und Gutes bringen. Nicht nur das Licht, sondern auch der Lärm diente symbolisch diesem Zweck. In Westfalen ging man beispielsweise früher dem Brauch des sogenannten „Neujahrshämmerns" nach. Dabei versammelten sich der Schmied und seine Gesellen um den Amboss und schlugen abwechselnd auf ihn ein, um das alte Jahr „auszuhämmern". Landwirte taten ihrem Vieh etwas Gutes: Zum Jahreswechsel bekamen die Bauernhoftiere besonders viel Futter, damit sie im neuen Jahr gut wachsen konnten. Familie und Freunde tranken gemeinsam aus einem Glas den Mitternachtssekt oder, wenn man sich den nicht leisten konnte, den Mitternachtspunsch. Wenn das Glas leer war, warf der Hausherr es rückwärts über die Schulter gegen die Mauer. Scherben sollten der Gemeinschaft Glück bringen. Lange Zeit gab es auch noch den Brauch des „Neujahrsräucherns“: Beim Begehen der Wohn- und Arbeitsräume oder auch Stallungen wurde gesegneter Weihrauch verbreitet.

Einen unverzichtbaren Silvesterbrauch unserer Tage kannten unsere Vorfahren freilich noch nicht: Sie mussten das neue Jahr ohne „Dinner for one“ begrüßen. Diesen Fernseh-„Klassiker“ gibt es erst seit 1963.


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