Geschäftsaufgaben in der Altstadt Wie lässt sich das Heger-Tor-Viertel in Osnabrück beleben?

Verödet dieser Teil der Osnabrücker Altstadt etwa? Foto: Swaantje HehmannVerödet dieser Teil der Osnabrücker Altstadt etwa? Foto: Swaantje Hehmann 

Osnabrück. Ende des Jahres schließen zwei Geschäfte im Heger-Tor-Viertel, andere Ladenlokale warten seit längerem auf neue Mieter. Verödet dieser Teil der Osnabrücker Altstadt etwa? Nein, findet die Interessengemeinschaft Heger-Tor-Viertel. Aber es bestehe Handlungsbedarf in Osnabrücks „guter Stube“.

Als Osnabrücks „gute Stube“ bezeichnen einige die Altstadt rund um das Heger-Tor, das ja eigentlich Waterloo-Tor heißt. In der Tat ist hier alles sehr pittoresk, wirkt aufgeräumt und idyllisch. Aber lockt das auch genug Passanten? 

Das Heger Tor gibt es gar nicht

Das Heger Tor gibt es schon lange nicht mehr. Das heutige Tor zur Altstadt ist das Waterloo Tor – ein Triumphtor mit Titusbogen. Das Heger Tor wurde 1815 abgerissen. An seiner statt wurde 20 Meter weiter östlich 1817 das Waterloo Tor errichtet. Es soll an die Osnabrücker Soldaten erinnern, die in der Schlacht bei Waterloo kämpften, die Napoleons Französisches Kaiserreich beendete. Während das Heger Tor Bestandteil einer Wehranlage war, ist das Waterloo Tor Denkmal und Stadttor.
Das einstige Heger Tor stand auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Zu erkennen ist das heute noch am Akzisehaus (Zollhaus), das sich direkt am Heger Tor befunden hatte.

"Die Osnabrücker Altstadt ist tot", sagte jedenfalls Tobias Neumann, Inhaber der Steakmeisterei und des Feinkostladens Heimatrauch im November. Damals gab er bekannt, dass er den Feinkostladen an der Großen Gildewart zum Ende des Jahres schließen werde: Die Kundenfrequenz sei seit der Eröffnung im Frühjahr 2017 einfach zu gering gewesen. 2019 wird aus dem Ladengeschäft Wohnraum.  

Foto: Swaantje Hehmann

Schon im vergangenen Frühling gab der Kinderbekleidungsladen „Froggy“ an der Heger Straße auf. Seitdem steht das Ladengeschäft leer. Der ebenfalls in der Straß ansässige Craft-Bier-Store „Hopsession“ schloss zum 29. Dezember. „Die Altstadt ist eigentlich super, aber hier entfaltet sich kein Bummelcharakter, der mehr Passanten locken könnte“, so Inhaber Adrien Renauldon. Ganz Schluss sei aber noch nicht: „Da der Mietvertrag noch bis August 2019 läuft, werde ich das Geschäft spontan immer mal wieder öffnen, bis es einen Nachmieter gibt oder der Vertrag ausläuft.“  

Leerstand gab es immer

Muss man sich um das Heger-Tor-Viertel also Sorgen machen? „Nein. Leerstand hat es immer gegeben“, sagt Jens Meier, Vorstandsvorsitzender der Interessengemeinschaft Heger-Tor-Viertel. 25 Mitglieder hat der 2011 gegründete Verein aktuell. Damals wie heute will man der Altstadt ein Profil geben. Zudem ist Meier für den Bereich „Projekt- und Zielgruppenarbeit/Ausstellungen“ in der Lagerhalle an der Rolandsmauer zuständig. Hier kann man sich über fehlendes Publikum nicht beschweren: „Die Lagerhalle ist eine Osnabrücker Institution, die von Musikfreunden, Fußballfans, Familien, Kulturinteressierten, kurz gesagt den unterschiedlichsten Menschen aufgesucht wird.“

Jens Meier, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Heger-Tor-Viertel. Foto: Gert Westdörp

Dass es nur wenige hundert Meter weiter gen Altstadt weniger rosig aussieht, weiß aber auch Meier: „Einige Geschäftsmodelle haben nicht funktioniert. Über die speziellen Gründe kann ich nur spekulieren. Doch Fakt ist, dass wir im Viertel mit einem Strukturwandel zu kämpfen haben.“ Sprich: Früher waren mehr Handwerksbetriebe und überhaupt Geschäfte des täglichen Bedarfs hier zu finden. Die Häuser gehörten oftmals denen, die dort das Gewerbe betrieben. Die wohnten oben, unten war die Ladenfläche.  

Video: Wie die Osnabrücker Lagerhalle regelmäßig tausende Menschen in die Altstadt holt

Wo leben die Eigentümer?

Aktuell gehören viele der Häuser Inhabern oder gar Immobilienholdings, die nicht ortsansässig sind und sich allein deshalb weniger verpflichtet fühlen, dass das Viertel als Ganzes funktioniert. „Tatsächlich ist nur ein Hauseigentümer Mitglied unsere Interessengemeinschaft. Viele weitere kennen wir gar nicht und müssen die Adressen erst recherchieren, um sie anschreiben zu können“, sagt Meier.

Foto: Swaantje Hehmann

Was steht in den Briefen? „Wir versuchen, die Eigentümer dazu zu bewegen, dass sie vielleicht ihre Mietpreisvorstellungen anpassen und so Leerstand vermeiden.“ Problematisch werde es, wenn aus den ehemaligen Geschäften Wohnungen oder Büroräume werden, findet Meier. „Gerade beim ,Heimatrausch‘ ist es schade, denn dann fehlt beim Gang durch die Heger Straße vom Markt her ein Ankerpunkt am Ende der Straße.“  

Renovationsbedarf

Gleich neben dem Feinkostladen „Heimatrausch“ befindet sich ein Haus, das schon länger leer steht. Bei genauerer Betrachtung bekommt man eine Ahnung, warum: An den Rahmen der einfach verglasten Fenster im Erd- und Obergeschoss blättert Farbe ab. Auch sonst wirkt das Gebäude etwas vernachlässigt.

Foto: Swaantje Hehmann

„Das ist ein weiterer Schwachpunkt: Einige Ladengeschäfte müssten von den Eigentümern renoviert werden. Doch manche scheuen die Kosten.“ Deshalb habe sich im vergangenen Sommer beispielsweise die Heilpädagogische Hilfe Osnabrück entschieden, den bisherigen Stadtgalerie-Café-Standort an der Große Gildewart wegen „baulicher und mietvertraglicher Vorgaben“ aufzugeben. Mittlerweile befindet sich das Café am Markt. 

Foto: Swaantje Hehmann

„Wir sind nicht die Große Straße, unsere Kundenstruktur ist anders: Oftmals sind es Touristen, die sich wundern, wie schön Osnabrück ist. Viele Menschen kommen zudem gezielt zu ihren Stammläden, sei es nun ein Ausstattungsgeschäft oder eine Goldschmiede“, sagt Meier. In der Tat sind die Geschäfte in der Altstadt so ganz anders als in Osnabrücks Haupteinkaufsstraße: Handwerk findet sich neben Läden mit speziellen Angeboten wie "Der kleine Autoladen" oder Urgesteinen wie den Kneipen „Grüne Gans“ und „Olle Use“. 

Foto: Swaantje Hehmann

Ebenso individuell wie die Geschäfte sind die Ladenlokale: mal verwinkelt, mal mit großem Hof, mal barrierefrei, dann wieder im Tiefparterre nur über Stufen erreichbar. Das gefällt nicht allen potentiellen Ladenmietern. Die engen Straßen machen eine Belieferung zudem schwierig. 

Hopsession-Inhaber Adrien Renauldon sieht es ähnlich: „Oft waren die Straßen von SUVs und Lieferwagen zugeparkt. Wer dann vom Markt aus in die Heger Straße blickt, hatte gar nicht erst das Gefühl, dass er hier schöne Läden findet.“ Er hatte zudem das Gefühl, vom Stadtmarketing als Ladenbetreiber im Heger-Tor-Viertel kaum Unterstützung zu bekommen.

Statt Antiquitäten gibt es hier nun Dienstleistungen. Foto: Swaantje Hehmann

Ein Eindruck, dem Petra Rosenbach, Geschäftsführerin der Osnabrück Marketing und Tourismus GmbH (OMT), widerspricht: Man bemühe sich stets, mit Kommunikationsmaßnahmen wie Broschüren oder Blogs die Attraktivität der Altstadt hervorzuheben: "Gerade erst ist ein Flyer zu den Orten entstanden, an denen das Friedensthema besonders zu spüren ist. Anhand des Blattes können die Gäste auch ohne Führung einen entsprechenden Altstadtspaziergang unternehmen." 

Video: Osnabrücker Goldschmied: "Hier könnte ruhig mehr los sein."

Den von Jens Meier genannten Strukturwandel kann sie jedoch bestätigen: "Wir sehen die Altstadt im weitesten Sinne als ein nach wie vor belebtes Quartier an. Es ist aber natürlich so, dass sich das Quartier verändert und sich von einer Handelslage mehr zu einem Kultur-, Kreativ- und Dienstleistungsviertel entwickelt."

Seit zehn Jahren im Viertel

Für Dienstleister kann sich der Standort auch lohnen. Beispielsweise für Raumausstatter Walter Blome, dessen Möbelpolsterei „Beziehungen“ seit genau zehn Jahren in der Heger Straße ansässig ist. Darauf ist der 59-Jährige stolz. „Ich bin allerdings nicht in dem Maß wie andere Läden auf Laufkundschaft angewiesen, sondern lebe zu einem großen Teil von Stammkunden und Mundpropaganda. Zu mir kommt man, weil man etwas Bestimmtes will – seien es Möbel, Gardinen oder eben ganz bestimmte Dienstleistungen, die man im Internet nicht so einfach findet.“

Walter Blome in Aktion - und gut einsehbar durch das Schaufenster seines Geschäfts "Beziehungen". Foto: Corinna Berghahn

Blomes „Beziehungen“ war die ersten vier Jahre in einem nun leerstehenden Ladenlokal gegenüber ansässig. Der Wechsel auf eine größere Fläche habe sich gelohnt: „Hier kann ich mehr anbieten, so dass ich auch größere Kundenkreise anspreche. Und die, die vorbeigehen, freuen sich, dass sie uns durch das Schaufenster bei der Arbeit zugucken können.“ Trotzdem: „Etwas mehr Kundenstrom wäre schön.“  

Projekt „Wir sind Altstadt“

„Die Altstadt hat ein positives Image, auf dem können wir aufbauen“, hofft Meier. Für das kommende Jahr hat sich die Interessengemeinschaft daher einiges vorgenommen: Zum einen sollen die Grenzen des Viertels überschritten werden und so die Altstadt als Gesamtes ein Gesicht bekommen: „Der Bereich ginge vom Altstadt-Bahnhof über die Hasestraße bis zum Dom und über den Markt und die Bierstraße bis zum Heger-Tor-Viertel. Hier ist viel Potential, aber es wird nicht offensiv genug beworben. Zusammen können wir lauter und schlagkräftiger werden.“ Ein möglicher Slogan wäre „Wir sind Altstadt“. Die OMT, so Rosenbach, begleitet diese Initiative.

Foto: Swaantje Hehmann

Zum anderen soll die Altstadt schöner werden: „Allein diese alten Schilder, die auf Geschäfte hinweisen, sind nicht gerade einladend“, findet Meier. Sie führen teils noch zu Läden, die es längst nicht mehr gibt. Die Stadt solle außerdem die Schönheit der Altstadt offensiver bewerben: „Der Osnabrücker Wochenmarkt am Samstag ist einer der schönsten in Norddeutschland. Doch das weiß außerhalb Osnabrücks kaum einer.“ 

„Die Altstadt ist nicht tot, aber es muss sich etwas ändern – und das wird es im kommenden Jahr“, sagt Jens Meier.


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