Stadt: Amt konnte Tod nicht verhindern In Osnabrück getötetes Baby: Rechtsmediziner widerspricht Angabe des Kindsvaters

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Der Kindsvater muss sich derzeit wegen Totschlags vor dem Landgericht Osnabrück verantworten. Foto: Michael GründelDer Kindsvater muss sich derzeit wegen Totschlags vor dem Landgericht Osnabrück verantworten. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Tag fünf im Prozess gegen den Vater, der im Mai seinen Säugling erschlagen haben soll: Am Mittwoch haben vor dem Landgericht die Rechtsmediziner ausgesagt, ihre Berichte erläutert und Bilder aus dem Krankenhaus und von der Obduktion vorgelegt. Die Stadt bekräftigt in einer Stellungnahme erneut: Das Jugendamt habe den Tod des Babys nicht verhindern können.

Ausgesagt hatten zwei Rechtsmediziner, die die Leiche des kleinen Liams nach seinem Tod untersucht hatten sowie die Rechtsmedizinerin, die den kleinen Jungen damals nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus begutachtet hatte. Sie waren sich einig: Liam hatte massive Gewalt erlitten. Eine Schädelfraktur, ein Schädelhirntrauma, Hämatome an Kopf, Brust, Arm und Penis, ein langer Riss im Rachen. 

Der 25-Jährige soll sein Baby im Mai geschlagen und geschüttelt haben – vier Tage nach der Geburt des Jungen, vier Stunden nach der Entlassung von Kind und Mutter von der Entbindungsstation. Eine Woche später starb Liam an den schweren Kopfverletzungen. Anfangs hatten die Eltern eine Hundeattacke angegeben. Danach sagte der Angeklagte, das Baby sei ihm beim Waschen im Bad aus den Händen gerutscht, der Junge sei unter anderem mit dem Kopf auf den Rand des Waschbeckens gefallen.

Der Angeklagte vor dem Landgericht am ersten Prozesstag. Foto: Jörn Martens

Rechtsmediziner: Kein Sturz auf Kante

Nach Ansicht der Rechtsmediziner waren Liams Verletzungen allesamt durch stumpfe Gewalt verursacht worden. Der Rechtsmediziner, der den kleinen Jungen nach seinem Tod obduziert hatte, widersprach der Darstellung des Angeklagten. Er habe keine Belege finden können, die für einen Sturz auf eine kantige Fläche wie einen Beckenrand sprächen. Zudem seien Schlag und Sturz aufgrund eines unterschiedlichen Verletzungsbildes gut voneinander zu unterscheiden.

„Gummi bricht ja auch nicht so leicht“

Liam habe mindestens vier, womöglich fünf harte Schläge gegen den Kopf abbekommen. Darin waren sich die Sachverständigen einig: Die Gewalt muss massiv gewesen sein, denn der noch sehr weiche Schädel eines Babys breche nicht so leicht. „Gummi bricht ja auch nicht so leicht“, verdeutlichte der Gutachter, der Liam obduziert hatte. Dem schloss sich die Gerichtsmedizinerin an: „Für einen Schädelbruch muss die Gewalt sehr groß sein.“

Der Angeklagte hatte am ersten Prozesstag Schläge zugegeben. Nachdem ihm das Baby aus den Händen gerutscht sei, habe er dem bewusstlosen Kind mehrfach mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.

Der Neuropathologe hatte die Leiche des Jungen auf ein mögliches Schütteltrauma hin untersucht und zeigte Fotos von Blutungen und Hämatomen im Gehirn sowie der Halswirbelsäule. Blutungen im Hirn waren nachweisbar, doch für solche sei weitaus mehr Gewalt als Schütteln nötig gewesen. Liam habe aber auch typische Schüttelverletzungen gehabt.

Aufgenommene Vernehmung

Abgespielt wurde zudem eine Audioaufnahme, die ein Ermittler einen Tag nach dem Unglück während einer Vernehmung mit seinem Smartphone auf einem Spielplatz gemacht hatte. Darin schildert der völlig aufgelöste Angeklagte, wie ihm der Junge beim Waschen aus den Händen gerutscht sei – auf den Beckenrand, dann die Kante des Badunterschranks und letztlich auf den Boden. Der Ermittler dazu im Zeugenstand: Das könne nicht stimmen, der Badunterschrank stehe nach hinten versetzt, Liam hatte dort nicht aufschlagen können. Zudem sei das Waschbecken am Tag nach dem Unglück trocken und dreckig gewesen. Das hatte zuvor auch ein anderer Ermittler berichtet.

Gehört wurde auch der Notruf, den der Angeklagte damals abgesetzt hatte. Weinend erzählt er, ein fremder Hund habe sein Baby auf einer Wiese attackiert.

Verwaltung bezieht Stellung

Die Stadt bekräftigt indes in einer Stellungnahme: „Nein, das Jugendamt hätte das Baby leider nicht retten können.“ Und weiter: „Es ist nicht so, dass mehr Personal und Zeit die Ereignisse hätten anders beeinflussen können“, heißt es darin. Die Mitarbeiter des Amts seien „hoch qualifiziert“ und nähmen regelmäßig an Fort- und Weiterbildungen teil. 

„Festzuhalten ist auch, dass alle Verabredungen mit den Eltern, insbesondere mit der Kindsmutter, auf freiwilliger Basis getroffen werden mussten“, heißt es in der Stellungnahme weiter. Das erste Gespräch ohne den Kindsvater habe auf ihren Wunsch hin nicht in ihrer Wohnung stattgefunden. „Dabei wurde verabredet, nach der Geburt des Kindes über konkrete Hilfs- und Unterstützungsangebote zu sprechen. Dazu ist es dann nicht mehr gekommen.“

Verwaltung informiert Fraktionen

Am Montagabend informierte die Verwaltung die Ratsfraktionen über den Fall. Anlass war die Berichterstattung unserer Redaktion: Die Mutter der Kindsmutter hatte schon im April eindringlich vor dem unberechenbaren und zur Gewalt neigenden Kindsvater gewarnt. Das hatte die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion damals dementiert. Die Großmutter gibt dem Jugendamt eine Mitschuld an dem Tod ihres Enkels. Die Staatsanwaltschaft hingegen hatte nicht gegen das Amt ermittelt und wird es auch nicht – es gebe keine strafrechtlichen Verfehlungen.

Die Leugnung der Gewalt in dem Hinweis an das Jugendamt rechtfertigt die Verwaltung erneut mit datenschutzrechtlichen Gründen sowie den Interessen der Familie. „Die Verwaltung hat in der Begleitung der Eltern offensiv gehandelt, nach dem Tod des Kindes die Situation allerdings defensiv erklärt.“

Der Prozess wird am 9. Januar fortgesetzt.


Urteil frühestens im Januar

Seit dem 7. November muss sich der 25-jährige Kindsvater vor dem Landgericht wegen Totschlags verantworten. Bis in den Januar hinein setzte das Gericht acht Verhandlungstage an.

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