Beschmiertes Gräberfeld im Fokus Osnabrücker Schüler wollen Schicksale auf dem Johannisfriedhof aufdecken

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Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums arbeiten die Schicksale einiger Toter aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Foto: Jörn MartensSchüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums arbeiten die Schicksale einiger Toter aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Im November beschmierten Unbekannte ein Gräberfeld auf dem Osnabrücker Johannisfriedhof für Opfer alliierter Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg. Schüler des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums wollen die Schicksale hinter den Gräbern jetzt aufarbeiten.

Irgendwann nach dem Volkstrauertag passierte es: Nachdem Besucher des Johannisfriedhofs am 17. November noch den Toten der Weltkriege gedachten, kamen nur wenige Stunden später Unbekannte, die mit roter Farbe ein fragwürdiges Statement setzen wollten. Auf 22 Grabsteine von Toten aus dem Zweiten Weltkrieg sprühten sie die Worte "Keine Opfer, sondern Täter". 

Schicksale aufgearbeitet

Eine Schülergruppe des benachbarten Graf-Stauffenberg-Gymnasiums lässt diese Tat ratlos zurück. Die Jugendlichen beschäftigen sich im Rahmen eines Seminarfachs schon seit Monaten mit dem Gräberfeld – und haben viele Schicksale aufgearbeitet, die sich hinter den Grabsteinen verstecken. "Diese Aktion wirkt einfach ignorant und stillos", sagt Schülerin Madeleine Riebau. "Kinder haben doch nichts mit dem Krieg zu tun."

Foto: Jörn Martens

Worauf Riebau anspielt: Viele der beschmierten Grabsteine stehen auf den Gräbern von Kindern und Frauen, die bei den alliierten Bombenangriffen während des Zweiten Weltkriegs ums Leben gekommen sind. In den vergangenen Monaten haben die Schüler viel Zeit im Stadtarchiv verbracht und Zeitzeugen befragt. Aus einer Vielzahl von Informationen fügten sie ein Bild über die Menschen zusammen, die heute in Abteilung 1 des Johannisfriedhofs begraben liegen. 

Johannisfriedhof und Hasefriedhof

Der Johannisfriedhof gehört zu den ältesten Friedhöfen in Osnabrück. 1808 wurde der „Todtenhof vor dem Johannistore“ parallel zum „Todtenhof vor dem Hasetore“ gegründet, dem späteren Hasefriedhof. Seit 1983 steht der Johannisfriedhof unter Denkmalschutz.
Menschen werden dort schon lange nicht mehr begraben: Die letzte Beerdigung fand im Jahr 1995 statt, seither ist niemand mehr am Fuß des Kalkhügels unter die Erde gekommen. Formal gilt der Johannisfriedhof zwar weiterhin als Friedhof, ist aber eher als denkmalgeschützter Park mit Friedhofscharakter zu verstehen.
Im Jahr 2015 war zunächst geplant, den Friedhof zu entwidmen und künftig als Grünfläche zu betrachten. Der Rat der Stadt Osnabrück entschied sich seinerzeit jedoch für eine Änderung der Friedhofssatzung. Sowohl der Hasefriedhof als auch der Johannisfriedhof blieben damit formal Friedhöfe. Gleichzeitig werden sie der Öffentlichkeit in einem bestimmten Rahmen zur freien Verfügung gestellt. Beispiel: Fahrradfahren ist gestattet, wenngleich in Schrittgeschwindigkeit. Und Hunde sind weiterhin an der Leine zu führen.
Der Denkmalschutz hat jedoch weiterhin Bestand: Unter Schutz stehen zum Beispiel alle Mauern und Mauergräber, Kapellen, viele Einzelgräber, Hauptwege und alte Großbäume.

170 Gräber haben die Schüler gezählt – und 171 Tote. Ein Grab teilen sich Zwillinge, die im Alter von zwei Jahren am 25. März 1945 in einem Osnabrücker Luftschutzbunker ums Leben kamen. Ihre Eltern überlebten den fatalen und letzten Bombenangriff der Engländer an Palmsonntag, der eine ohnehin zerstörte Stadt endgültig in Trümmer legte und 178 Opfer forderte. Heiko und Udo Schürmann liegen heute in einer gemeinsamen Grabstelle – warum das so ist, können die Schüler nur vermuten: Vielleicht ist es eine Geste, vielleicht konnten die Leichenteile der beiden Jungen auch nicht eindeutig voneinander getrennt werden.

Nach dem Luftangriff am Palmsonntag 1945 bildeten sich dichte Qualmwolken über der östlichen Innenstadt. Foto: Archiv NOZ

Schockiert hat die Schüler außerdem das Schicksal einer jungen Frau, die 22-jährig bei einem Bombenangriff ums Leben kam, weil der Bunker zu primitiv angelegt war. Bei ihrer akribischen Recherche stießen die Jugendlichen auch auf die Polizeiprotokolle des Palmsonntags 1945. "Es ist alles überraschend detailliert dokumentiert, beispielsweise die Information, dass so viele Tote auf den Straßen liegen", erklärt Schüler Ramires Hebbe. Durch die Aufarbeitung setzte sich für die Schüler aus den abstrakten Unterlagen im Stadtarchiv ein Bild zusammen von den Schrecken des Krieges, die auch vor Osnabrück nicht Halt machten.

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Eine große Hilfe seien die Gespräche mit Zeitzeugen gewesen, sagt Madeleine Riebau. "Sie haben uns offen und detailliert von ihren Erlebnissen berichtet und fanden es toll, dass wir uns für ihre Geschichte interessieren."

Palmsonntag 1945

Am Palmsonntag, 25. März 1945, flogen die Briten den 79. und letzten großen Bombenangriff auf Osnabrück. Die Stadt war zu diesem Zeitpunkt schon weitestgehend zerstört. Bei dem Angriff starben 178 Menschen, die Zahl der Obdachlosen stieg auf fast 90.000.
Um 6.58 Uhr meldete ein britisches Aufklärungsflugzeug ideale Angriffsbedingungen: „Klares Wetter, Wind in 5200 Metern Höhe aus 160 Grad (Südsüdost). Windstärke 40 km/h.“ Um kurz nach 7 Uhr wird in der Stadt Alarm geschlagen. Bis etwa 10.15 Uhr regnen die Bomben förmlich auf das Stadtgebiet. Viele Tote gibt es im Luftschutzstollen an der Brinkstraße.

Momentan tragen die Schüler ihre Rechercheergebnisse zusammen. Im Februar soll dann ein Heft erscheinen, das sich dem Gedenken an die Toten widmet und nachfolgenden Schülergenerationen zur Verfügung gestellt werden soll. Es ist nicht das erste Projekt dieser Art am Graf-Stauffenberg-Gymnasium: Bereits im Vorjahr hatte Lehrerin Sylvia Landscheidt mit einer anderen Schülergruppe die Kriegsgräber des Ersten Weltkriegs auf dem Johannisfriedhof in den Fokus gerückt. Das Heft "Vergiss mein nicht" räumte dabei den Jahrespreis 2018 der Henning von Burgsdorff-Stiftung ab.

Der Rosenplatz glich im Frühjahr 1945 einer Trümmerwüste. Foto: Imperial War Museum

Die Schüler haben sich aber nicht nur theoretisch dem Thema genähert: Kurz vor den Sommerferien reinigten 14 Seminarfachteilnehmer mit Unterstützung der Stadt Osnabrück, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr die Gräber. Den Schmierereien wollen die Schüler in ihrem Heft übrigens keinen Raum geben, die Urheber sollen sich nicht wiederfinden können. "Wir wollen nicht wirklich darauf eingehen, vielleicht im Schlusswort", so Ramires Hebbe.

Reinigung kostet 2500 Euro

Die 22 Grabsteine wurden nach der Tat gereinigt, die rote Farbe ist nur noch schwach auf den Steinen zu sehen. Nach Angaben des Osnabrücker Servicebetriebs (OSB) habe man momentan einen Zwischenstand bei der Reinigung erreicht, der alle Möglichkeiten bei der aktuellen Witterung ausschöpft. Im Frühjahr soll nachgearbeitet werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten werden dann Gesamtkosten von circa 2500 Euro von den Steuerzahlern für die hohle Zerstörungswut zu begleichen sein, so eine OSB-Sprecherin.


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