Premiere im Theater Osnabrück Mario Wurmitzers "Nähe" schön skurril uraufgeführt

Angespanntes Vater-Tochter-Verhältnis: Denise Matthey und Ronald Funke. Foto: Uwe LewandowskiAngespanntes Vater-Tochter-Verhältnis: Denise Matthey und Ronald Funke. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Freudiger Applaus im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück: Mario Wurmitzers eher leisen Tragikomödie "Nähe" hat Regisseur Ron Zimmering mit kraftvoller und leicht skurriler Bebilderung Leben eingehaucht.

Sie hasten immer wieder aufs Neue von links nach rechts über die extra breite Bühne von Ute Radler, angetrieben vom unerbittlichen Rhythmus eines Metronoms: der leistungsbesessene Therapeut in Wanderkluft, die fahrig trippelnde Lisa, die auf Rollschuhen umherschwebende tote Schulfreundin, der adrette Pilot mit seinem Rollköfferchen und die ehemalige Schuldirektorin Maierhold mit ihrem Metallsuchgerät.

 Hektische Geschäftigkeit, akuter Mangel an Zeit und zwischenmenschlicher Nähe und die Abwehr des Todes sind die Themen, aus denen der junge Österreicher Mario Wurmitzer seine Tragikomödie „Nähe“ gestrickt hat. Mit ihr hat er den dritten Durchlauf des Osnabrücker Dramatikerpreises und die Uraufführung im Osnabrücker Theater gewonnen.

„Nähe“ trifft den Nerv unserer Zeit. Das Stück zeigt, was auf der Strecke bleibt, wenn Menschen nur noch als erbitterte Einzelkämpfer durch ihr Leben hetzen – wie Lisa. Ihre Ehe mit dem Piloten Michael ist eingeschlafen und sie ist sich selbst abhanden gekommen, aus Angst vor der Leere und dem Tod. Nun, in der dörflichen Heimat, nervt sie ihr verwitweter Vater Heinz, weil er nach einem Schlaganfall mehr vom Leben will als einfach nur vereinsamt zu vegetieren.

Sprache verändert sich

Mario Wurmitzer hat genau hingehört, wie der Zeitmangel unserer Tage die Kommunikation verändert. Sätze werden nicht mehr zu Ende gesprochen. Jeder weiß ja, was gemeint ist. Vor allem bei Angst- oder Konfliktthemen reden die Figuren in Stummel- oder sogar Einwortsätzen, deren Reste ihnen vor Anspannung im Halse stecken bleiben. Die Osnabrücker Schauspieler, allen voran Denise Matthey als Lisa und Ronald Funke als Heinz, sprechen das so, als sei es das Normalste der Welt. Dabei ist es eine ziemlich virtuose Leistung. Ronald Funke berührt als alter Mann, der hilflos mit den Verschattungen des Alters ringt, seinen Wunsch nach Leben und Nähe aber nicht aufgegeben hat. Der junge Mario Wurmitzer weiß erstaunlich viel über das Lebensgefühl im Alter.

Denise Matthey bellt, bolzt und beißt als Lisa verbal um sich, um Ansprüche ihrer Umwelt abzuwehren. Es macht Spaß, den Varianten ihrer Dauergereiztheit zuzuschauen. Sind wir schon alle auf dem Weg, so zu werden wie sie? Manchmal lächelt sie unsicher, das lässt hoffen, um aber schnell wieder ihren Körperpanzer mit Seilspringen zu Powermusik zu stählen.

Nachrichten aus dem Totenreich

Figuren aus ihrer Vergangenheit finden dennoch Einfallstore, gern auch nachts. Die tote Freundin bringt sich in Erinnerung. Hannah Walther schwatzt mit entspanntem Charme trotz der Rollschuhe mehr über die Gepflogenheiten im Totenreich, als sie darf. Dietmar Pröll verkörpert eindrucksvoll und witzig als knorriger,  verschrobener Therapeut die Krankheiten, die er kurieren will.

Mick Riesbeck wiederum zieht sich in lammfrommer Verzweiflung aus seinem idealisierten Eheglück zurück. Noch einen Hauch skurriler gestaltet er seinen Bürgermeister, einen larmoyanten Gecken in modisch-dezentem Trachtenlook – gut gespielt, weil haarscharf an der Grenze zur Parodie. Herzergreifend schön singen kann Riesbeck auch, von Gefühlen, die sich noch in vollständigen Sätzen ans Tageslicht wagen.

Regisseur Ron Zimmering liefert mit seiner Inszenierung das Rezept für die Gesundung Lisas gleich mit: Lieber mit Wärme lachen, als das scheinbar Absonderliche oder Unverständliche an Menschen zu verdammen. Das Premierenpublikum kichert herzlich über die dreiköpfige Abordnung des Gesangsvereins, der in brauchtümelnder, erdbrauner Tracht (Kostüme: Benjamin Burgunder) urkomisch ein Volkslied trällert und nett ist zur gar nicht mehr so garstigen Lisa.

Ron Zimmering hat mit Verstand, Humor und kraftvollem Zugriff ein eher leises Stück ins Bühnenleben gehoben – nachspielen lohnt sich.


Weitere Aufführungen: 18. und 19. Dezember sowie 8. Januar. Kartentel. 0541-7600076.


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