Neue Texte im Gottesdienst Mehr Frauen, weniger Paulus und ein Problem an Weihnachten

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Wegweiser für den evangelischen Gottesdienst: Pastor Thomas Herzberg blättert in der Martinskirche im neuen Perikopenbuch. Foto: Gert WestdörpWegweiser für den evangelischen Gottesdienst: Pastor Thomas Herzberg blättert in der Martinskirche im neuen Perikopenbuch. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Am 1. Advent hat die evangelische Kirche eine neue Leseordnung für ihre Gottesdienste eingeführt. Von jetzt an wird weniger Paulus zu hören sein, dafür stehen mehr Texte mit Frauen im Mittelpunkt. Pastor Thomas Herzberg freut sich auf spannende Entdeckungen und neue Predigten.

Seit dem 1. Advent gibt es in den evangelisch-lutherischen Gemeinden eine Neuerung – und wahrscheinlich haben die wenigsten davon bislang etwas mitgekommen. Die Perikopenordnung hat sich geändert, das heißt die Bibeltexte, die an einem Sonntag im Gottesdienst vorgelesen werden und zu denen gepredigt wird. Die alte Ordnung stammte aus dem Jahr 1977. War eine neue da überfällig? „Also, ich habe ehrlich gesagt nichts vermisst, die alte funktionierte auch ganz gut“, sagt Thomas Herzberg, Pastor der Martinsgemeinde in Hellern und der Bonnusgemeinde in der Weststadt. „Aber jetzt bin ich doch mit Freude dabei zu entdecken, was alles neu ist.“

Wichtiger Teil des Pastorenlebens

Die Perikopenordnung, sagt Herzberg sei ein „wichtiger Teil des Pastorenlebens“. Jede Woche wird sie gebraucht für die Vorbereitung des Sonntagsgottesdienstes. „Für jeden Sonntag sind dort biblische Texte ausgewählt: ein Evangelium und etwas aus dem Alten Testament oder aus den Briefen von Paulus oder Petrus.“ Diese Lesungen sind jedes Jahr gleich – am ersten Advent hört man eigentlich immer dieselben Texte. Eigentlich, denn damit es nicht langweilig wird, gibt es zusätzlich für jeden Sonntag Predigttexte, also Bibelstellen, über die man auch predigen könnte. „Wir haben sechs Predigtjahre, da war die Fülle der möglichen Texte schon immer groß“, sagt Herzberg.

Zumal die Leseordnung in der evangelischen Kirche längst nicht so zwingend vorgeschrieben ist, wie in der katholischen Kirche, wo am Sonntag dieselben Bibelstellen verkündet werden, egal ob man in Osnabrück, New York oder in einer Urwaldkirche den Gottesdienst feiert. „Bei uns hat der Pastor prinzipiell eine große Freiheit, Bibeltexte auszusuchen“, sagt Herzberg. „Aber jeder tut gut daran, sich an die vorgegebene Ordnung zu halten.“ Denn immer nur die eigenen Lieblingstexte zu bepredigen, ist auf die Dauer ja auch langweilig.

„Bei uns hat der Pastor prinzipiell eine große Freiheit, Bibeltexte auszusuchen.“Thomas Herzberg, evangelischer Pastor


Und genau deshalb findet Thomas Herzberg die neue Textauswahl „spannend“. „Es gibt Texte dabei, die sind wirklich überraschend“, sagt er. „Dazu zu predigen ist wirklich nochmal ein neuer Impuls.“ Etwa die Texte aus dem Alten Testament, Geschichten des Volkes Israel und Psalmen, die schon Jesus gebetet hat. „Mal zu einem Psalm zu predigen, das wäre etwas Neues“, sagt Herzberg. Deutlich häufiger gibt es auch Bibeltexte, in denen Frauen eine Hauptrolle spielen; andererseits sind die Texte aus den Paulusbriefen weniger geworden. „Paulus ist für uns evangelische Christen nach wie vor wichtig“, sagt Herzberg. „Aber manchmal ist er eben auch sperrig und trocken.“ Zudem sind Texte hinzugekommen, die theologisch in eine andere Richtung gehen. „Zum Beispiel war am Ewigkeitssonntag früher sehr viel vom Jüngsten Gericht die Rede, jetzt stehen dort auch Hoffnungstexte.“

Vorschläge für Nikolaus und St. Martin

Interessant findet der evangelische Pastor auch, dass neben den Sonn- und Feiertagen besondere Gedenktage in die Perikopenordnung aufgenommen wurden. „Zum Beispiel gibt es jetzt Vorschläge für einen Gottesdienst am Nikolaus- oder am Martinstag.“ Das sei zwar nicht typisch evangelisch, aber „eben eine Realität, dass auch evangelische Christen den heiligen Nikolaus oder Sankt Martin feiern“. Ganz neu sind auch Vorschläge für Gottesdienste an eher weltlichen Tagen, etwa zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar oder zum Gedenken an die antijüdischen Pogrome am 9. November. „Das zeigt, dass in der Perikopenordnung gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen aufgenommen werden“, sagt Herzberg. „Das finde ich gut.“

Werden die Gottesdienstbesucher das alles merken? „Ja, es kann schon sein, dass Leute manchmal denken werden: Diesen Text habe ich ja noch nie gehört!“, sagt Herzberg. Aber alles über den Haufen geworfen wurde natürlich nicht. Am Heiligen Abend wird nach wie vor das Lukasevangelium gelesen: das Kind im Stall und die Hirten auf den Feldern. Aber am ersten Feiertag, da gibt es ein Problem. "Vorgesehen ist nicht mehr Lukas, sondern der Anfang des Johannesevangeliums: Im Anfang war das Wort.“ Und? Nimmt er den Text für den Gottesdienst? „Weiß ich noch nicht“, sagt Herzberg. „Auch die, die am ersten Feiertag kommen, wollen ja eigentlich von der Geburt Jesu hören.“ Da ist es dann doch gut, dass es die evangelische Freiheit gibt.


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