Von Menschen in Bewegung Über Flüchtlinge und Kreuzfahrer: Wladimir Kaminer liest in der Lagerhalle

Freistehend und pointiert erzählte Autor Wladimir Kaminer in der ausverkauften Lagerhalle Geschichten vom Land und von der See. Foto: André HavergoFreistehend und pointiert erzählte Autor Wladimir Kaminer in der ausverkauften Lagerhalle Geschichten vom Land und von der See. Foto: André Havergo

Osnabrück. Mit amüsanten Geschichten über sich selbst suchende Familienmitglieder, vor der Welt flüchtende Kreuzfahrer oder in Brandenburg gestrandete Flüchtlinge sorgte Wladimir Kaminer in der ausverkauften Lagerhalle für viele Lacher und beste Unterhaltung.

Ob Flüchtlinge oder Touristen, unfreiwillig oder freiwillig: Die ganze Welt scheint in Bewegung zu sein. Für den vielschreibenden Berliner Autor Wladimir Kaminer war das im vergangenen Jahr ein willkommener Anlass, zum einen seine Erfahrungen mit dem „Integrationsenthusiasmus“ der rund 150 Dorfbewohner seines Landsitzes in Brandenburg und zum anderen jene mit weltläufigen Kreuzfahrern zu jeweils einem Buch zu verarbeiten. Mit gewohnt buchstäblich viel Stehvermögen, weinselig trockenem Humor und charmantem russischen Akzent las er im ausverkauften Saal der Lagerhalle angenehm unaufgeregt Geschichten vor, die das Leben auf dem Land und auf See schrieb. 

Die Kreuzfahrt als Weltflucht

Da ging es etwa um geflüchtete Syrer, denen die zur Flüchtlingsunterkunft umfunktionierte Turnhalle in der brandenburgischen Provinz zu einer wenig heimeligen „Zwischenheimat“ geworden ist, so dass sie die „Flucht“ in die vermeintliche Großstadt Cottbus planen, wo sie die Zukunft vermuten. Oder um Schiffsreisende aus aller Welt, die vom politisch an Trump und Konsorten „verlorenen“ Festland flüchten und sich auf einer Art „unentschlossenen Arche Noah“ einfach immer weiter „atemlos durch die Nacht“ treiben lassen, um einer „Mischung aus Party und Untergangsstimmung“ zu frönen, bei der zu allem Überfluss auch noch viel Bier trinken als besondere Leistung gewürdigt und gefeiert wird. Diese Zeiterscheinung findet offensichtlich auch der Chronist reizvoll, der seine genauen Alltags- und Urlaubsbeobachtungen stets auch sprachlich schnörkellos auf den Punkt bringt. So las er aus Kapiteln über verregnete Landgänge im „zwischen Baustelle und Museum“ pendelnden Griechenland, karibische „Ersatzparadiese“ für die vom Wirbelsturm verschluckten oder von der Reederei organisierte „Begegnungen mit der Natur“, bei denen „keine Säugetiere außer andere Kreuzfahrer“ gesichtet wurden. Auch viele Klischees über die verschiedenen mitfahrenden Nationalitäten, pelzverliebte Russen oder buchstäblich gottverlassene Griechen wurden dabei gewälzt. 

Familiengeschichten

Kaminer erwies ich immer dann als besonders unterhaltsam, wenn er sich vom Manuskript löste und nicht nur freistehend, sondern auch frei aus dem Kopf seine pointierten Geschichten zu Gehör brachte. Dazu zählten auch solche über seine Familie inklusive der kulturell umtriebigen Mutter, deren Besuch eines Stones-Konzerts für einen Schrittzählerrekord sorgte, oder des erwachsenen Sohnes, der sich selbst sucht – nur leider „am falschen Ort“, nämlich bei den Eltern zuhause. Mit fast jedem Satz erntete er Lacher und servierte am Ende noch „Deutsche Stollen russischer Prägung“, so der Titel seiner diesjährigen, kulinarisch hybriden Weihnachtsgeschichte.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN