Großmütter sagen in Osnabrück aus Oma des getöteten Babys: Mein Sohn hat zwei linke Hände und Kraft nicht unter Kontrolle

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Der Angeklagte vor dem Landgericht am ersten Prozesstag mit seinem Pflichtverteidiger Frank Otten. Foto: Jörn MartensDer Angeklagte vor dem Landgericht am ersten Prozesstag mit seinem Pflichtverteidiger Frank Otten. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Er soll sein vier Tage altes Baby im Mai erschlagen haben: Vor dem Landgericht Osnabrück haben am Donnerstag die beiden Großmütter des toten Kindes ausgesagt. Die Urgroßmutter verweigerte die Aussage. Am Ende des vierten und rund fünfstündigen Verhandlungstags gab es für den Angeklagten eine Umarmung.

Unter Tränen berichtete die Mutter des Angeklagten aus dem Leben ihres 25-jährigen Sohnes, das schon in Jugendtagen von Alkohol und Drogen geprägt war. Ihr Sohn habe offenbar Angst vor der Verantwortung gehabt, ein Vater zu sein, und auch dessen Freundin sei mit dem Baby überfordert gewesen. „Er ist mit allem überfordert, und sie ist noch nicht richtig erwachsen“, sagte die 53-Jährige zu dem einstigen Paar.

Geprägt von Alkohol und Drogen

Das Leben des Angeklagten ist seiner Angabe zufolge geprägt von Drogen und Alkohol.
Sein leiblicher Vater, ein britischer Soldat, verlässt die Familie, als er fünf ist. Sein Stiefvater, ebenfalls britischer Soldat, fällt im Irakkrieg, als er neun ist.
Schon im Kindergarten fällt es dem Angeklagten schwer, sich einzuordnen, bis die Mutter ihn aus der Einrichtung nimmt. Sie sei lieb, aber überfordert mit ihm gewesen. Schon früh verfällt der Osnabrücker dem Alkohol. Seinen ersten Rausch hat er im Alter von zehn oder elf Jahren. Mit 14 kommt er mit 4,8 Promille ins Krankenhaus.
In den weiteren Jahren folgen weitere Drogen, die er in großen Mengen konsumiert: Koks, Marihuana, Speed, Extasy, LSD, Pilze. Entzüge und Therapien scheitern.
In der achten Klasse bricht er die Hauptschule ab. Eine Ausbildung beginnt er nicht, mehrere Jahre ist er wohnungslos.
Er habe nun die Privatinsolvenz beantragt – wegen Mietschulden und „Jugendsünden“. yjs

Liam wurde nur vier Tage alt

Mitte Mai dieses Jahres war Liam an schweren Kopfverletzungen gestorben – vier Tage nach seiner Geburt, vier Stunden nach der Entlassung von der Entbindungsstation. Anfangs hatte der Angeklagte ausgesagt, ein fremder Hund habe das Baby verletzt. Die Mutter will das zuerst geglaubt haben. Doch die Lüge flog schnell auf, die Kindsmutter erfand einen fremden Hund, um die beiden Hunde ihres damaligen Partners zu decken.

Mutter: Er kann seine Kraft nicht kontrollieren

Der Säugling sei sehr hibbelig gewesen, sagte die Mutter des Angeklagten. Das habe daran liegen können, dass die Kindsmutter während der Schwangerschaft viel geraucht habe. Die 53-Jährige sagte nicht explizit, ob sie an einen Unfall oder eine Gewalttat glaube. „Aber er hat zwei linke Hände und zu viel Kraft, er kann seine Kraft nicht richtig kontrollieren.“ 

Der Angeklagte hatte seine Angaben zum Unglückshergang wiederholt geändert. In einer Vernehmung bei der Polizei soll er ausgesagt haben, gestresst und überfordert gewesen zu sein. Beim Waschen habe er das Baby geschlagen und geschüttelt, berichtete ein Polizist am vierten Verhandlungstag aus einer Vernehmung. Diese Angaben seien „sehr authentisch“ gewesen, so der Ermittler. Der Angeklagte habe von einer „Kurzschlussreaktion“ gesprochen. Allerdings habe der Beamte versäumt, diese Vernehmung mit Ton oder Video aufzuzeichnen.

Aussage geändert – „wirkte einstudiert“

Bei der nächsten Vernehmung habe der Angeklagte angegeben, das Baby sei ihm beim Waschen heruntergefallen, so der Beamte weiter. In seiner Panik habe der 25-Jährige dann zugeschlagen. Die Aussage, die er am ersten Verhandlungstag wiederholte, „wirkte einstudiert“, sagte der Ermittler. Zudem, gab er zu bedenken, habe das Waschbecken offenbar schon länger kein Wasser abbekommen. Es sei „staubig und dreckig“ gewesen, so der Polizist. 

50-Jährige will Befürchtung gehabt haben

Die Mutter der Kindsmutter will das Ende vorab befürchtet haben. „Vor dem, was passiert ist, hatte ich Angst“, sagte die 50-Jährige am Montag aus. „Wenn er sauer ist, ist er unkontrollierbar“, sagte sie über den Angeklagten, räumte aber ein, ihn vor der Geburt des Babys nur wenige Male gesehen zu haben. Das Verhältnis der beiden war schlecht. Der Angeklagte habe ihrer Tochter zudem vor dem Unglück geschlagen. Entsetzt habe die junge Frau ihrer Mutter berichtet, dass der Angeklagte seine Mutter und Oma oftmals beschimpft und sogar bespuckt habe. 

Der Angeklagte habe der der 50-Jährigen nach dem Unglück berichtet, Liam sei ihm beim Baden zweimal aus den Händen gerutscht, weil er so gezappelt habe. Und er habe ihn zu grob angefasst. Auch ihr gegenüber habe er seine Liebe zu den Hunden deutlich gemacht. „Ich werde mir nie verzeihen, dass ich meinen Hunden die Schuld gegeben habe“, soll er der Mutter der Kindsmutter gesagt haben.

Unkonventionelle Erziehungsmethode

In diesem Zusammenhang kam auch eine „Erziehungsmethode“ des Angeklagten zur Sprache, wie er seine Hunde zum Parieren gebracht habe. „Er biss die Hunde so stark, dass Narben blieben“, berichtete die 50-Jährige. Sie war es gewesen, die das Jugendamt vor der Geburt informiert hatte – „wegen der unzumutbaren Zustände“.

Wiederholt habe sich das Paar getrennt, dann sei die heute 25-Jährige wieder bei ihrer Mutter eingezogen. Als sie einmal gehen wollte, habe der Angeklagte gesagt: „Wenn Du gehen willst, trete ich Dir das Kind aus dem Bauch – dann kannst Du gehen“, gab die Mutter der 25-Jährigen ihre Tochter wieder.

Die Oma des Angeklagten verweigerte am Montag die Aussage. Sie wollte ihrer Aussage bei der Polizei nichts hinzufügen.

Kleiner Witz nach Tränen

Auch beim Angeklagten flossen am Montag einige Tränen, doch Zeit für einen kleinen Witz war dennoch: Einem guten Freund sagte er nach dessen Aussage grinsend: „Schreib mich mal an. Kaiserstraße 5“ – die Adresse der JVA Lingen, wo er seit Mai in einsitzt. 

Am Ende der rund fünfstündigen Verhandlung umarmten sich der Angeklagte und seine Mutter.

Am 19. Dezember wird der Prozess fortgesetzt. Ein Urteil fällt frühestens im Januar 2019. 


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