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Was die neue Abmahnung bedeutet Eurobahn-Krise: NWL zählt 2100 Zugausfälle pro Monat

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Noch lange nicht wieder auf dem Damm: die krisengeschüttelte Eurobahn, hier in Osnabrück. Foto: Michael GründelNoch lange nicht wieder auf dem Damm: die krisengeschüttelte Eurobahn, hier in Osnabrück. Foto: Michael Gründel 

Osnabrück/Unna. Nach der wiederholten Abmahnung durch den Auftraggeber NWL steht die Eurobahn mit dem Rücken zur Wand. Mutterkonzern Keolis Deutschland muss sich jetzt von einem unabhängigen Gutachter durchleuchten lassen und anschließend alle festgestellten Organisationsmängel beheben. Sonst droht die Kündigung.

"Heute kommt zu uns nicht der Nikolaus, sondern Knecht Ruprecht." Keolis-Sprecherin Nicole Pizzuti versuchte es kurz vor Beginn der NWL-Krisensitzung am Donnerstag in Unna mit Galgenhumor. Und tatsächlich kassierte das Düsseldorfer Eisenbahnunternehmen wenig später vom Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe eine gehörige Tracht Prügel. Nicht die erste, aber mit Sicherheit die schmerzhafteste in diesem laut Pizzuti "rabenschwarzen Jahr". 

Ist Keolis Deutschland betriebsblind?

Wegen "Organisationsversagens" in allen vier Schienennetzen, welche die Eurobahn in Nordrhein-Westfalen und angrenzenden Gebieten – darunter die Region Osnabrück – betreibt, sowie der daraus resultierenden "massiven und anhaltenden Nicht- und Schlechtleistungen" mahnte der Auftraggeber seinen Vertragspartner ab. Und legte ihn obendrein an die Kette. 

Einstimmig forderte die Verbandsversammlung Keolis auf, "unverzüglich" ein sogenanntes Audit durchzuführen. Also einen externen, gemeinsam mit dem NWL und anderen beteiligten Aufgabenträgern bestimmten Prüfer ins Haus zu lassen, der sämtliche Abläufe genau unter die Lupe nimmt und so erkennen soll, was das vor 18 Jahren mit zwei Linien in den Markt eingetretene Unternehmen selbst nicht (mehr) sieht: Warum es nämlich seiner Aufgabe, auf mittlerweile 15 Nahverkehrslinien zwischen Rhein und Weser für einen stabilen Eisenbahnbetrieb zu sorgen, offenkundig nicht gewachsen ist.

Das Teutoburger-Wald-Netz umfasst fünf Linien: RB 61 „Wiehengebirgsbahn“ (Bielefeld–Osnabrück–Hengelo), RB 65 „Ems-Bahn“ (Münster–Rheine), RB 66 „Teuto-Bahn“ (Osnabrück–Münster), RB 72 „Ostwestfalen-Bahn“ (Herford–Paderborn) und RE 78 „Porta-Express“ (Bielefeld–Minden–Nienburg). Grafik: NOZ/Langer


Tausende Fahrten fallen monatlich aus

Als Beleg für die Überforderung dient dem NWL die jüngste Auswertung von Eurobahn-Betriebsdaten. Demnach nahm der Anteil ganz oder teilweise ausgefallener Züge über alle vier Schienennetze gesehen (Teutoburger-Wald-Netz, OWL-Dieselnetz, Hellweg-Netz und Maas-Rein-Lippe-Netz) zuletzt dramatisch zu: Von 4,6 Prozent im Juli stieg die Quote auf 11 Prozent im Oktober – was etwa 2100 Fahrten im Monat entspricht. Nach Erkenntnissen des Zweckverbands sind diese Ausfälle auf eine "dauerhaft nicht vollständig verfügbare Fahrzeugflotte, Personalmangel und fehlende Werkstattkapazitäten" zurückzuführen. 

Auftraggeber reißt der Geduldsfaden

NWL-Geschäftsführer Joachim Künzel schließt daraus, "dass die Eurobahn für die Komplexität und Größe des Betriebs, den sie zu bewältigen hat, nicht richtig aufgestellt ist". Die tendenziell immer schlechter werdenden Leistungen des Unternehmens würden von Fahrgästen und Öffentlichkeit "zurecht kritisiert". Und jetzt sei auch dem Zweckverband der Geduldsfaden gerissen. Zumal sich die Situation nach einer ersten Abmahnung im Februar nur vorübergehend gebessert hatte.

 


Probleme lösen statt verlagern

Damals wurde Keolis Deutschland speziell wegen seines Katastrophenstarts im frisch übernommenen Teutoburger-Wald-Netz juristisch angezählt – ein Bereich, zu dem auch für Osnabrück wichtige Verbindungen nach Münster, Rheine, Bielefeld und Hengelo gehören. Diesmal ist die Abmahnung umfassender formuliert. So wird verhindert, dass das Unternehmen seine Probleme lediglich von einem Netz ins andere verlagert.

Die Eurobahn ist für die Komplexität und Größe des Betriebs, den sie zu bewältigen hat, nicht richtig aufgestelltNWL-Geschäftsführer Joachim Künzel


Unternehmen will Beschlüsse sacken lassen

Ob dies der letzte Warnschuss für die Eurobahn war? "Ich wünsche mir nicht, dass wir am Ende in eine Kündigung laufen", sagt Künzel. Aber wenn das Audit scheitere, sei es mit einer weiteren Abmahnung möglicherweise nicht mehr getan. 

Keolis Deutschland kündigte am Donnerstag eine Presseerklärung für die nächsten Tage an. Man wolle die Beschlüsse der NWL-Verbandsversammlung zunächst in Ruhe analysieren und sich dann dazu äußern. In einer ersten Reaktion hatte Geschäftsführerin Magali Euverte die Abmahnung als einen "harten Schlag" bezeichnet. Für die geforderte Prozessoptimierung mithilfe eines neutralen Sachverständigen zeigte sie sich offen. "Wenn das Audit mit neuen Ideen kommt, ist es auf jeden Fall eine gute Lösung."




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