Schulen warnen vor planloser Aufrüstung Warum ein Lehrer aus Niedersachsen fünf Milliarden Euro für Digitalisierung gar nicht haben will

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

In Osnabrück arbeiten Schüler schon mit iPads. Was in diesem Zusammenhang sinnvoll ist und was nicht, müsse sich aber noch herausstellen, sagen die Lehrer. Foto: David EbenerIn Osnabrück arbeiten Schüler schon mit iPads. Was in diesem Zusammenhang sinnvoll ist und was nicht, müsse sich aber noch herausstellen, sagen die Lehrer. Foto: David Ebener

Osnabrück/Lingen.. Niedersächsische Klassenzimmer werden zunehmend mit digitalen Tafeln und iPads aufgerüstet. Lehrer fürchten jedoch, dass die Geräte Schülern und Schulen sogar Nachteile bringen können.

Eigentlich müsste Franciskus Van den Berghe zufrieden sein. Der Informatiklehrer aus Lingen ist ein Pionier in Sachen Digitalisierung. Er fährt mit Schülern nach Berlin, um die niedersächsiche Bildungscloud zu verbessern, kümmert sich um Computer und Software an seinem Gymnasium. Jetzt will der Bund die Schulen mit fünf Milliarden Euro digital aufrüsten. Aber Van den Berghe lehnt sich nicht etwa entspannt zurück, sondern reagiert wütend: 

Informatiklehrer Franciskus Van den Berghe. Foto: Van den Berghe


„Es mag arrogant klingen, aber ich habe das Gefühl, keiner versteht, was Digitalisierung eigentlich ist.“Franciskus Van den Berghe, Informatiklehrer am Gymnasium Lingen

„Das ist doch nicht gleichzusetzen mit dem Einsatz digitaler Medien.“ Andere formulieren es schärfer: Eine Schule sei noch nicht modernisiert, wenn man ihr zwei Klassensätze iPads vor die Tür kippt und einen Internetzugang installiert. Van den Berghe und seine Kollegen beklagen drei Dinge: Erstens: Schulträger kaufen Geräte bevor klar ist, wie diese eingesetzt werden sollen. Zweitens: Häufig werden Folgekosten nicht eingeplant. Und drittens: Wenn der Kaufrausch der Politik so weitergeht, könnte das am Ende dazu führen, dass Schüler nicht dazulernen, sondern sogar eher verdummen. 

„Bücher durch iPads zu ersetzen und Kreide durch Computermäuse, bedeutet noch lange keine Digitalisierung“, sagt Van den Berghe. „Die fünf Milliarden kommen viel zu früh.“ Der Lehrer warnt: Es könne doch nicht darum gehen, wer am besten über ein iPad wischt. „Wir haben keinen Anwendernotstand, wir haben einen Entwicklernotstand. Und trotzdem bilden wir Anwender aus.“ Statt Informatik als Pflichtfach einzuführen und den Jugendlichen das Programmieren beizubringen, stehe der diffuse Begriff „Medienkompetenz“ im Lehrplan. Der Informatiklehrer erzählt von einem Achtklässler. Der Junge besitze kein Smartphone, „aber er ist einer meiner besten Roboterprogrammierer.“

Van den Berghe sitzt vor seinem Laptop. Auf der Hülle klebt ein Aufkleber des kostenlosen, offenen Computer-Betriebssystems Linux, dessen Anspielung nur Insider verstehen. Der Informatiklehrer hätte sein Gymnasium am liebsten komplett mit Linux ausgestattet. Er scheiterte am Land Niedersachsen. Denn das verschickt Dokumente nur in Word – Word kann Linux nicht lesen.

Beispiel für gelungene Digitalisierung

Nicht nur in Lingen sehen Lehrer die aktuelle Entwicklung kritisch. Wenn es eine Schule gibt, die als Beispiel für gelungene Digitalisierung dienen sollte, dann ist das die Osnabrücker Berufsschule an der Brinkstraße. Hier stehen teure Roboter, die industrielle Produktionsabläufe simulieren. Viele Klassenräume sind schon seit Jahren mit modernen, interaktiven Tafeln ausgestattet. Selbst das niedersächsische Kultusministerium wirbt mit den fortschrittlichen Projekten der Schule.



In der Berufsschule an der Brinkstraße können Roboter sogar Kaffee aus der Maschine nehmen – natürlich nur zu Testzwecken. Foto: David Ebener


Und trotzdem hat der Mann, bei dem hier gewissermaßen alle Computerkabel zusammenlaufen, so einiges zu kritisieren. Peter Tietsch sitzt an einem Nachmittag Ende November vor dem Computer in seinem Büro. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen. Im Hintergrund läuft NDR2.

Tietsch glaubt: „Wir brauchen mehr professionelle Unterstützung für Schulen. Da werden Milliarden in die Hardware gesteckt. Aber es muss auch einer administrieren. Die Kollegen sind damit zeitlich überfordert.“ Auf der Visitenkarte des Mathelehrers steht „Koordinator Technisches Gymnasium“ – ein Bildungsgang der Berufsschule. „IT-Chef“ wäre als Jobtitel auch nicht falsch. Denn Tietsch ist verantwortlich für 600 Computer, die von 150 Lehrern und 4500 Schülern genutzt werden. Dazu kommen Beamer, Dokumentenkameras, WLAN. Bald soll die Schule einen Glasfaseranschluss bekommen.



Informatiklehrer Peter Tietsch. Foto: David Ebener


Ein Unternehmen gleicher Größe hätte wohl eine eigene IT-Abteilung. An der Brinkstraße managen die Lehrer den digitalen Wandel selbst so gut sie können. Der eine kümmert sich um Internetzugänge, der nächste beschäftigt sich mit Lizenzen, ein dritter mit Benutzerkonten. Dafür müssen die Lehrer jeweils eine Stunde weniger pro Woche unterrichten. „Viel zu wenig“, sagt Tietsch und schüttelt den Kopf. „Außerdem ist das kein professioneller Ansatz. Das ist nicht der Job eines Lehrers.“

Zwar unterstützt der Mitarbeiter eine IT-Firma das Kollegium an drei Tagen pro Woche. Das reiche aber nicht, sagt Tietsch. IT-Infrastruktur und didaktische Konzepte ließen sich so nicht vernünftig weiterentwickeln.

Und damit kommt der Lehrer zur zentralen Frage: Wofür wird die ganze Technik genutzt? Bei den Robotern ist das klar: Die Berufsschüler lernen technische Hardware, Computerprogramme und Abläufe kennen, die sie in ihrem späteren Arbeitsalltag brauchen.



Aber gerade hat die Schule einen Schwung Tablets angeschafft. iPads, weil die digitalen Schülerkonten auf anderen Geräten nicht laufen. „Wir müssen jetzt mal schauen, was man mit den Tablets Sinnvolles machen kann“, sagt Tietsch. Der Lehrer kann sich Videos von naturwissenschaftlichen Experimenten vorstellen, Internetrecherchen. „Aber das Konzept dahinter kann man nicht aus dem Ärmel schütteln.“

Eine Schulklasse arbeitet schon im Rahmen eines Pilotprojektes mit iPads. Foto: David Ebener


Dabei ist es nicht so, dass sich Schulen und Landesregierung nicht mit dem digitalen Wandel beschäftigten. „Pro Tag bekomme ich fünf bis zehn Mails zu Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung“, sagt Tietsch und zeigt auf seinen Computerbildschirm. Im Regal hinter ihm liegt noch eine ausgedruckte Einladung zu den niedersächsischen Schulmedientagen. Auf dem Programm stehen Themen wie Tablet im Unterricht, 3D-Druck in der Schule oder ein digitaler Escape-Room in der Klasse. „Ob das wirklich alles so einen Mehrwert hat, ist noch gar nicht raus“, meint Tietsch.

Und dann sind da noch die Kosten: Sowohl der Berufsschullehrer als auch sein Kollege aus Lingen warnen davor. Der Betrieb der Geräte, die Lizenzen für die Programme, die Erneuerung kaputter Technik – all das kostet Geld, das in die Budgets der Schulen bislang nicht eingerechnet werde und damit am Ende zum Beispiel zulasten von Gebäuden gehe.

Schulleiter: Schulen bei Folgekosten häufig alleingelassen

Das sieht der Schulleitungsverband Niedersachsen ähnlich. Zwar schießt das Land nach eigenen Angaben jährlich 16 Millionen Euro für Systembetreuung und PC-Ausstattung zu. Bei den Schulen scheint das aber nicht immer anzukommen. Die Leiterin einer Förderschule berichtet etwa von nur 300 Euro, die ihr jährlich für Wartungskosten zur Verfügung stünden. Und eine Grundschulleiterin fügte hinzu, dass sie Computer aus einem Etat für Möbel und Geräte kaufe. Letztlich komme es auf den Schulträger an, sagte der Verbandsvorsitzende Frank Stöber unserer Redaktion. Und häufig werde nur auf die Erstanschaffung geschaut. „Die Folgekosten werden wenig berücksichtigt.“ Stöber fordert: „Hier muss ein Umdenken stattfinden.“ Eine einmalige Investition sei wenig förderlich, wenn die Schulen mit den Folgekosten anschließend alleingelassen würden.

Den beiden Lehrern aus Lingen und Osnabrück ist es wichtig, die Digitalisierung nicht zu verdammen. Im Gegenteil: Sie engagieren sich, übernehmen Verantwortung, arbeiten sich in Themen ein, die mit ihrem Beruf nicht mehr viel zu tun haben, weil sie an einen Mehrwert für ihre Schulen glauben.

Van den Berghe glaubt, dass eine durchdachte Digitalisierung in der Verwaltung Kosten und Zeit sparen könnte. Im Informatikunterricht ermögliche sie überhaupt erst die Arbeit an aktuellen Projekten.

Tietsch wünscht sich, dass die Schule den Schülern bei der Navigation in einer zunehmend digitalen Welt hilft. Die moderne Technik könne den Unterricht an vielen Stellen verbessern: mit digitalen Tafeln, die Youtube-Videos zu technischen Abläufen zeigen, Plattformen, über die Schüler und Lehrer Material einfacher austauschen können.

iPad-Ablage. Foto: David Ebener


Das Land Niedersachsen will nun zeitnah einen sogenannten Orientierungsrahmen zur Medienbildung in der Schule veröffentlichen. Zuletzt hatte es ein solches Papier vor drei Jahren veröffentlicht. 56 Seiten, auf denen es um komplexe Beziehungen zwischen Kompetenzen, die Schüler erlernen sollen, und Lernfelder geht. Im Lernfeld Technologie etwa steht etwas von der „Weltsprache Algorithmen“. Dass Schüler irgendwann flächendeckend programmieren können, wird aber vorerst weiterhin ein Wunsch von Informatiklehrern wie Franciskus Van den Berghe bleiben. Auf Anfrage teilte das niedersächsische Kultusministerium mit, man arbeite daran, die Informatik nachhaltig zu stärken. „Die Pläne, Informatik schrittweise als Pflichtfach einzuführen, befinden sich in der Prüfung.“ Diese Prüfung sei jedoch komplex und zeitaufwändig.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN