zuletzt aktualisiert vor

Chaos bei der Nordwestbahn Lokomotivführergewerkschaft: Dünne Personaldecke schuld an Zugausfällen

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Zahlreiche Züge der Nordwestbahn sind in den vergangenen Tagen ausgefallen. Frank Bems von der Lokführergewerkschaft GDL macht dafür vor allem die dünne Personaldecke bei Bahnbetrieben verantwortlich. Foto: Michael GründelZahlreiche Züge der Nordwestbahn sind in den vergangenen Tagen ausgefallen. Frank Bems von der Lokführergewerkschaft GDL macht dafür vor allem die dünne Personaldecke bei Bahnbetrieben verantwortlich. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Zugausfälle bei der Nordwestbahn Anfang der Woche überraschen Frank Bems von der Lokomotivführergewerkschaft GDL nicht. Den Grund dafür jedoch beim Krankenstand der Lokomotivführer zu suchen, greift seiner Ansicht nach zu kurz.

Zahlreiche Zugausfälle haben Kunden der Nordwestbahn in den vergangenen Tagen viele Nerven gekostet. Mehr als 20 Verbindungen sind allein am Montag und Dienstag ausgefallen. Grund dafür seien die vielen Krankmeldungen unter den Lokomotivführer, sagte NWB-Sprecher Steffen Högemann am Montag auf Anfrage unserer Redaktion. „Ein Viertel ist derzeit erkrankt, das können wir nicht mehr kompensieren.“ Normal sei ein Krankenstand von fünf bis sieben Prozent. Bei einem Viertel könne die NWB „Ausfälle leider nicht verhindern“, sagte Högemann. Daher fielen bereits in den vergangenen Tagen einige Verbindungen aus. 

Für Frank Bems, Vorsitzender der Ortsgruppe Osnabrück der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), greift der Krankenstand der Lokomotivführer als Erklärung für die Zugausfälle zu kurz: "Das hat mit den Rahmenbedingungen ganz allgemein zu tun und ist kein reines Problem der Nordwestbahn. Es ist ein bundesweites, das alle Bahnbetriebe betrifft", so der Gewerkschafter im Gespräch mit unserer Redaktion.

1200 Lokführer fehlen

"Wenn ich ohnehin schon eine dünne Personaldecke habe, wird das vorhandene Personal stärker belastet. Irgendwann können die Kollegen aber nicht mehr und dann werden mehr Mitarbeiter krank als vorher berechnet wurde. Das Ergebnis sehen Sie jetzt an den Zugausfällen", erklärt Bems. Die GDL schätzt, dass etwa 1200 Lokomotivführerstellen bei deutschen Eisenbahnverkehrsunternehmen unbesetzt sind.

Das liegt nach Ansicht von Gewerkschafter Bems zum einen daran, dass seit Jahrzehnten zu wenig Lokomotivführer ausgebildet wurden: "Der Markt ist leergefegt. Auch die Personaldienstleister, die es ja in unserer Branche auch gibt, haben keine Leute mehr", sagt Bems. Ein weiterer Grund sei die knappe Kalkulation der Bahnbetriebe. "Eine Strecke wird ausgeschrieben und es erhält das Unternehmen den Zuschlag, das das billigste Angebot macht. Gespart wird dann zum Beispiel am Personal", kritisiert er. 


"Wir gucken von Tag zu Tag und versuchen alles, um weitere Ausfälle zu vermeiden."Karin Punghorst, Sprecherin Nordwestbahn


Diesen Vorwurf will Nordwestbahn-Sprecherin Karin Punghorst nicht stehen lassen. Der Fachkräftemangel bei Lokomotivführern sei zwar hinlänglich bekannt, doch die Nordwestbahn versuche nicht beim Personal zu sparen. Im Gegenteil: "Wir wirken dem Fachkräftemangel aktiv entgegen, indem wir jährlich 1,3 Millionen Euro in die Ausbildung neuer Triebfahrzeugführer investieren." Aber: "Manche Situationen sind so weitreichend, dass wir dafür einfach nicht genügend Reserve einplanen können", sagt die NWB-Sprecherin mit Blick auf den Krankenstand. Zurzeit gebe es keine weiteren Zugausfälle. Ob in den nächsten Tagen mit Ausfällen zu rechnen sei, konnte die Sprecherin nicht beantworten: "Wir gucken von Tag zu Tag und versuchen alles, um weitere Ausfälle zu vermeiden."

Was sagt die LNVG?

Der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) ist ebenfalls bereits aufgefallen, dass in den vergangenen Tagen viele Verbindungen gestrichen wurden. "Besonders betroffen von Ausfällen waren die Linien RB 58, die zwischen Osnabrück und Bremen fährt sowie die Linie RE 18 zwischen Osnabrück und Wilhlemshaven", so LNVG-Sprecher Rainer Peters. Bei der RE 18 seien seit dem 1. November 32 Züge ausgefallen, bei der RB 58 sogar 39. "Wir sind darüber nicht glücklich", so Peters. Für diese Verbindungen werde es keine finanziellen Ausgleichszahlungen von seiten der LNVG geben. "Das schmerzt so ein Unternehmen natürlich" so Peters.

Hintergrund: Bestellerentgelt

Durch die verkauften Tickets holen die Eisenbahnbetriebe wie die Nordwestbahn nur etwa 30 Prozent ihrer Kosten wieder rein. Den Rest erhalten Bahnbetriebe in Niedersachsen als sogenanntes Bestellerentgelt durch die LNVG. Finanziert wird das aus Steuermitteln. Etwa 300 Millionen Euro erhalten Bahnbetriebe zwischen Nordsee und Harz jedes Jahr. Fallen Zugverbindungen aus, kann die LNVG, wie nun in diesem Fall, das Bestellerentgelt für diese Verbindungen streichen. 

Er stimmt Gewerkschafter Frank Bems zu, dass der Mangel an Lokomotivführern kein spezielles Problem der Nordwestbahn sei. "Der Beruf ist zurzeit nicht so beliebt. Lokomotivführer müssen große Verantwortung tragen und manchmal zu sehr unattraktiven Zeiten arbeiten", so Rainer Peters weiter. Er wirft den Bahnbetrieben allerdings auch vor, viele Jahre zu wenig ausgebildet zu haben. "Die Unternehmen merken jetzt, dass ihnen die Mitarbeiter fehlen. Inzwischen wird daher wieder mehr Geld in die Ausbildung von Lokomotivführern gesteckt." 

Seit 2017 ist laut Peters in den Ausschreibungen für eine Bahnlinien eine bestimmte Ausbildungsquote vorgeschrieben. Bahnbetriebe, die also den Zuschlag für eine bestimmte Linie erhalten, müssen Lokomotivführer über Bedarf ausbilden. "So wird sich in den kommenden Jahren die Situation etwas entschärfen", sagt der Pressesprecher. Allerdings werden Bahnlinien nur alle 10 bis 15 Jahre ausgeschrieben. Bis flächendeckend Ausbildungsquoten vorgeschrieben sind, wird noch etwas Zeit vergehen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN