Interview mit Reproduktionsmedizinerin Diese Frau hilft Osnabrückern, die keine Kinder bekommen können

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Irene Coordes arbeitet seit 25 Jahren als Reproduktionsmedizinerin in Osnabrück. Foto: David EbenerIrene Coordes arbeitet seit 25 Jahren als Reproduktionsmedizinerin in Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück.. Seit 25 Jahren hilft Irene Coordes im Kinderwunschzentrum 1-2-3 an der Rheiner Landstraße in Osnabrück Paaren, bei denen es nicht mit dem Nachwuchs klappen will. Ein Gespräch über die Einwohnerzahl Alfhausens, streikende Hoden und Horrorzukunftsvisionen.

Frau Coordes, haben Sie einmal nachgezählt, wie viele Kinder dank Ihrer Hilfe auf die Welt gekommen sind?

Ja, das habe ich: 3554 Kinder. Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Alfhausen. Und etwa 59.000 Paare haben wir hier im Kinderwunschzentrum begleitet. Das heißt: Nicht alle waren bei uns in Behandlung, viele haben wir nur beraten und manchen auch von einer Behandlung abgeraten.


Woher kommen Ihre Patienten?

Sie kommen aus einem Umkreis von rund 50 bis 80 Kilometern, zum Beispiel aus Nordhorn, Lingen, Meppen, Vechta, Bünde oder Herford. 


Warum sind Sie überhaupt Reproduktionsmedizinerin geworden?

Das bin ich zwar seit 25 Jahren, berufstätig bin ich allerdings schon seit 35 Jahren, zehn Jahre davon an den Städtischen Kliniken. Dann habe ich mich zunächst als Gynäkologin niedergelassen und hatte unter anderem einen Schwerpunkt in der Pränataldiagnostik. Der hat sich dann in Richtung Kinderwunschbehandlung verschoben – einfach, weil der Bedarf da war. 1993 gab es in Deutschland nur etwa 20 Kinderwunschzentren, jetzt sind es 134.


Was hat sich seit diesen Anfängen verändert?

Wir stehen vor dem großen Problem, dass der Kinderwunsch in ein immer höheres Alter verlegt wird. Die Frauen, die für eine Behandlung zu uns kommen, sind mittlerweile im Schnitt 35,7 Jahre alt, die Männer 38,8 Jahre. 1997 lag das durchschnittliche Alter der Frauen noch bei etwa 32 Jahren. Dabei liegt die Wahrscheinlichkeit, dass bei einer 36-jährigen Frau die Eizelle genetische gesund ist, bei unter 40 Prozent.


Was sind die wichtigsten Faktoren beim Thema Kinderwunsch?

Alter, Gewicht, Rauchen.


Und kann man sagen, an wem es häufiger liegt, dass es mit einer Schwangerschaft nicht klappt – an den Männern oder den Frauen?

Das hält sich die Waage, das Thema Mann tritt aber zunehmend in den Vordergrund. Auch hier ist das Alter nicht unerheblich. Männer rauchen oft stärker als Frauen, und das über Jahre – und irgendwann streikt der Hoden. Wenn uns Männer sagen, dass sie viele Geschwister hätten, obwohl ihr Vater starker Raucher sei, können wir meistens darauf hinweisen, dass besagter Vater vermutlich in jüngerem Alter Vater geworden ist. Hinzu kommt, dass es Studien gibt, die belegen, dass das Risiko von Autismus, Schizophrenie und Leukämie steigt, wenn der Vater älter ist.


Für Paare ist ein unerfüllter Kinderwunsch enorm belastend. Betreuen Sie die Paare auch psychologisch?

Eine psychosomatische Ausbildung ist für uns Pflicht, die Anforderungen in Niedersachsen sind in diesem Bereich sehr hoch. Außerdem kooperieren wir mit Psychotherapeuten.


Wer leidet denn mehr unter einem nicht erfüllten Kinderwunsch – die Frauen oder die Männer?

Das kann man nicht verallgemeinern, aber ich habe den Eindruck, dass es Frauen leichter fällt, ihren Schmerz zu zeigen. Dass Männer bei uns in der Praxis weinen, ist eher selten.


Behandeln Sie in Ihrer Paxis auch alleinstehende Frauen oder lesbische Paare?

Nein, aus gesetzlichen Gründen nicht. Bei Alleinstehenden ist das in anderen Ländern kein Problem, in Deutschland stellt sich hingegen die Frage, was aus dem Kind werden soll, wenn die Mutter stirbt und es dann womöglich keine näheren Verwandten hat. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren gibt es derzeit die Diskussion, ob sie behandelt werden dürfen – in Berlin ist das zum Beispiel schon jetzt kein Problem. 


Wie sieht es mit dem Thema "Social Freezing" aus – also mit Frauen, die nicht aus gesundheitlichen Gründen, zum Beispiel vor einer Chemotherapie, Eizellen entnehmen lassen, sondern aus gesellschaftlichen. Weil es zum Beispiel gerade keinen Partner gibt oder es nicht in die Karrierepläne passt?

Da haben wir quasi keine Anfragen, das scheint mir mehr ein Großstadtthema zu sein. Es ist auch so teuer, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, den Frauen so viel Geld abzuknöpfen. Es gibt Zahlen zum Social Freezing: Demnach lassen sich überwiegend Frauen zwischen 35 und 39 Jahren, die Akademikerinnen und partnerlos sind, Eizellen entnehmen. Die Kosten – für drei Punktionen rund 15.000 Euro – übernimmt keine Krankenkasse. Und wegen der ovariellen Ermüdung und der damit verbundenen geringen Anzahl von gewonnenen Eizellen sind durchaus drei Punktionen nötig, um mindestens zehn Eizellen zu gewinnen. Das Lagern der Eizellen kostet dann etwa 150 Euro für ein halbes Jahr. Und selbst wenn man all das macht, liegt die Chance, schwanger zu werden, bei gerade einmal 29 Prozent. 


Weiterlesen: Wenn es nicht klappt mit dem Schwangerwerden


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN