Effektiver Altruismus in Osnabrück Besser 1 Euro für 100 als 100 Euro für 1: Uni-Gruppe spendet nach Plan

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Effektive Altruisten überlegen, wo und wie sie mit ihrem gespendeten Geld und ihrer Zeit die größtmögliche Hilfe leisten können. Mit den gleichen Beträgen lässt sich in der Ferne meist mehr bewirken als hierzulande auf der Straße. Foto: dpa/Friso GentschEffektive Altruisten überlegen, wo und wie sie mit ihrem gespendeten Geld und ihrer Zeit die größtmögliche Hilfe leisten können. Mit den gleichen Beträgen lässt sich in der Ferne meist mehr bewirken als hierzulande auf der Straße. Foto: dpa/Friso Gentsch

Osnabrück. Wo und wie erzielen Spenden den größtmöglichen Effekt? Darüber denken Effektive Altruisten nach. Jasper Götting und Birte Spekker treffen sich mit Gleichgesinnten jeden Mittwochabend an der Uni Osnabrück und diskutieren, wie sie mit den eigenen Mitteln möglichst vielen Menschen helfen können. Davon erzählen sie im Interview.

Was hat Sie davon überzeugt, Effektive Altruisten (kurz: EA) sein zu wollen?

Birte Spekker: Ich bin vor zweieinhalb Jahren zu einem Vortrag der Osnabrücker Initiative gegangen, bei dem die Grundideen des Effektiven Altruismus vorgestellt wurden. Ich kannte die Idee vorher nicht, sie hat mich aber total angeregt. Gutes zu tun war für mich immer schon wichtig, ich hatte es aber im Laufe des Studiums aus den Augen verloren. Und so hat es für mich eine gute Möglichkeit geboten, mich wieder zu engagieren. In den Wochen darauf habe ich mich dann eingelesen und bin regelmäßig zu den Treffen gekommen.

Jasper Götting: Bei mir kam die Anregung aus dem Biostudium, wo wir das Modul Bioethik hatten. Wir haben uns unter anderem mit dem Töten von Tieren beschäftigt. Da habe ich mich zum ersten Mal mit einem Freund, der mit mir die Initiative gegründet hat, damit befasst, welchen Individuen ich helfen und wie ich das tun möchte. Darüber habe ich lange nachgedacht und dann vom Effektiven Altruismus gehört. Ich fand die Idee sehr ansprechend, Gutes zu tun und dabei vielen Lebewesen so effektiv wie möglich zu helfen. Ende 2015 haben wir dann die Initiative in Osnabrück gegründet.

Zur Sache

Was ist "Effektiver Altruismus"?
Der Effektive Altruismus geht der Überlegung nach, mit den eigenen begrenzten Mitteln wie Zeit und Geld möglichst viel Gutes bewirken zu können. Dies schlägt sich etwa in der Berufswahl nieder: Es wird einerseits überlegt, in gut bezahlten Jobs zu arbeiten, um mehr Geld zum Spenden zu haben ("Earning to Give"), andererseits Karrieren einzuschlagen, bei denen zum Beispiel durch Forschung Gutes bewirkt werden kann. Eine grundsätzliche Denkweise des Effektiven Altruismus ist, einer Kosten-/Nutzenanalyse gleich, auszuwerten, wo gespendetes Geld am dringlichsten benötigt wird und den größtmöglichen positiven Effekt erzielt. 

Was bedeutet für Sie Effektivität?

Götting: Für mich ist es das wissenschaftliche und vernünftige Herangehen, zu überlegen, wie man Zeit und Geld optimal investiert. Und, dass man so vernünftig wie möglich Prioritäten setzen muss bei all diesen großen Problemen auf der Welt.

Und wie sieht das im Alltag aus?

Spekker: Das kann sich ganz unterschiedlich äußern. Wir haben hier eine Lokalgruppe, bei der wir uns mit dem Effektiven Altruismus befassen und individuell schauen, wie wir ihn in unserem Leben umsetzen können. Für viele von uns ist es ein wichtiger Faktor, wie wir unsere Karriere ausrichten. Ich studiere Kognitionswissenschaften und hatte überlegt, in die Linguistik zu gehen, aber habe mich jetzt anders entschieden und lege meinen Fokus auf die Psychologie. Ich werde nächstes Jahr mein Studium beenden und überlege gerade, wo es danach hingehen soll. Ob ich forsche oder bei einer EA-nahen Organisation arbeite.

"Für viele von uns ist es ein wichtiger Faktor, wie wir unsere Karriere ausrichten."Birte Spekker, Mitglied in der Lokalgruppe der Effektiven Altruisten

Götting: Es ist eine Idee, die man so intensiv auslegen kann, wie man mag. Nach dem Studium oder der Ausbildung arbeitet man etwa 80.000 Stunden in seinem Leben – und das ist eine sehr lange Zeit, in der man sehr viel bewirken und an vielen Problemen arbeiten kann. Deshalb promoviere ich seit Mitte des Jahres in Infektionsbiologie. Man denkt aber auch darüber nach, beispielsweise weniger tierische Produkte und ethischer zu konsumieren, um direktes Leid verringern zu können.

Birte Spekker und Jasper Götting sind Effektive Altruisten. Sie überlegen, wie man am effektivsten Gutes tun kann. Dazu treffen sie sich mit Gleichgesinnten jeden Mittwochabend beim AStA der Uni Osnabrück. Foto: Jörn Martens

Es gibt unter anderem die Überlegung, dass man bei einem Schuhkauf Geld sparen könnte: Statt des Paares für 80 Euro könnte man auch eins für 30 kaufen und die Ersparnisse spenden.

Götting: Genau. Aber es wird auch darauf hingewiesen, dass man persönliche Grenzen ziehen sollte. Niemandem ist geholfen, wenn man nach zwei Jahren ausbrennt, weil man sich für jeden Kaffee rechtfertigen muss. Viele stecken sich Grenzen: Man behält maximal einen gewissen Anteil seines Gehaltes und alles, was man darüber hinaus nicht braucht, gibt man weg. Innerhalb dieses Rahmens versuche ich dann, dass es mir selbst so gut geht, wie möglich. Das halte ich schon für einen vernünftigen Ansatz.

Es kann ja auch schnell schief gehen, einen Job zu machen, den man vielleicht gar nicht machen will, bei dem man aber viel Geld verdient, das man spenden kann. 

Götting: Das wird inzwischen auch nicht mehr empfohlen. Es wurde auch nie dazu geraten, etwas zu machen, was einem selbst nicht gefällt, weil das natürlich der perfekte Weg in Burnout und Unzufriedenheit ist. Es ist schon sehr wichtig, etwas zu machen, das einen selbst erfüllt. Auch die Idee des „Earning to Give“, die gerade am Anfang der Bewegung etwas zu sehr im Fokus stand, ist nur für bestimmte Personen das Richtige. Dieser Lifestyle ist nicht für jeden Menschen geeignet.

Wo geht der Fokus stattdessen hin?

Götting: Es geht schon länger nicht mehr hauptsächlich um Spenden. Der Fokus liegt stark auf der Forschung zur Lösung von wichtigen Problemen. Darauf, altruistische Experten zu gewinnen, die daran arbeiten. Das heißt nicht, dass Spenden irrelevant sind. Schon eine geringe Spende kann helfen. Mit 100 Euro kann man 100 Kinder vor parasitären Wurmkrankheiten schützen.

"Mit 100 Euro kann man 100 Kinder vor parasitären Wurmkrankheiten schützen." Jasper Götting, Mitbegründer der Effektiven Altruismus-Gruppe an der Uni Osnabrück

Es wird beim Effektiven Altruismus objektiv geschaut, wo gespendetes Geld den größten Effekt hat. Im Umkehrschluss heißt das, dass man einem einzelnen hilfsbedürftigen Menschen, der auf der Straße lebt, nicht mit 100 Euro unterstützt, sondern mit 100 Euro 100 Kindern in Afrika hilft, weil das effektiver ist. Wie setzt man das im echten Leben um?

Götting: Ich sehe schon im Alltag, dass ich direkt mit Leid konfrontiert werde. Aber ich muss natürlich die Abwägung treffen, ob es für mein emotionales Wohlergehen wichtig ist, bloß für das zu spenden, was ich vor mir habe, damit ich mich gut fühle. Für mich persönlich ist das Leid auf der Welt nicht einfach nur eine Zahl. Wenn ich nur vor Ort spende, fühlt es sich trotzdem schrecklich an, dass 5000 Kilometer weiter vielleicht 100 Menschen leiden.

Aber wer hilft dann dem Menschen auf der Straße?

Götting: Wenn alle effektiv altruistisch denken würden, hätte man natürlich so viele Leute, die sich um die weit entfernten Personen kümmern, dass eine Zeit- und Geldinvestition weniger nicht mehr schlimm wäre und man damit den Leuten vor Ort helfen könnte. Wenn alle das tun würden, wäre das super, dann würden die dringlichen Probleme gelöst werden können. Trotzdem müssen wir in der Realität agieren und da denkt nur ein kleiner Teil so. Wenn man eine Millionen Menschen in Deutschland hätte, die so dächten, dann würden die Spendenziele auch anders aussehen.

Ken Berger und Robert Penna vom „Charity Navigator“ haben dem EA vorgeworfen, dem Hilfsimpuls der Menschen werde „eine Logik eingeflößt, die so kalt ist, dass sie sogar Mr. Spock erschauern lässt.“ Was sagen Sie dazu? 

Götting: Das reflektiert in keinster Weise die Gefühle und Einstellungen von irgendeinem Menschen, mit dem ich jemals darüber gesprochen habe. Es ist schon eine emotional motivierte Einstellung.

Sie treffen sich jeden Mittwoch an der Uni. Wie läuft so ein typisches Treffen der Effektiven Altruisten in Osnabrück ab?

Spekker: Es ist unterschiedlich. Am ersten Mittwoch im Monat machen wir ein inhaltliches Treffen, bei dem ein bestimmtes Thema vorgestellt und darüber diskutiert wird. Generell bauen wir viel auf den Austausch auf und bilden uns dabei weiter. Neulich haben wir zum Beispiel über einen Text über Minimalismus geredet.

Wie viele Leute kommen zu den Treffen?

Spekker: Meistens sind es fünf bis zehn Personen.

Es geht nicht nur darum, Geld zu spenden, sondern seine Lebenseinstellung zu ändern. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Haben Sie als Studenten denn Geld übrig, das Sie spenden können?

Götting: Ja. Man spendet während des Studiums eher symbolische Beiträge, um sich daran zu gewöhnen, aber es ist natürlich nicht viel. Das Engagement liegt eher darin, Studium und Beruf entsprechend auszurichten.

Herr Götting, Sie sind auch bei der Stiftung für Effektiven Altruismus tätig. Was genau machen Sie da?

Götting: Ich habe letztes Jahr dort ein Praktikum gemacht. Jetzt gebe ich neben meiner Promotion noch ab und an Einführungsvorträge für andere Gruppen und Initiativen.

Die Stiftung empfiehlt auch Organisationen, an die man spenden sollte. Ist es nicht bedenklich, dass somit gesteuert wird, wohin Geld fließen sollte und wohin nicht?

Spekker: Es soll eine Hilfe sein, damit nicht jeder eine komplette Kosten-/Nutzenanalyse von allen Spendenorganisationen durchführen muss, sondern auch sagen kann: Okay, die Against Malaria Foundation oder Animal Equality machen echt gute und effektive Arbeit. Natürlich wird da ein gewisses Vertrauen in Evaluierungsorganisationen wie GiveWell oder Animal Charity Evaluators gefordert.

Götting: Diese Prozesse sind transparent. Bei jedem Schritt ist völlig klar, warum die Leute zu welchen Schlüssen gekommen sind und man kann sich zum Beispiel bei GiveWell sämtliche Excel-Tabellen herunterladen mit allen Daten und Interview-Transkripten. Man kann alles nachverfolgen.


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