Döner und Diskussionen Unterwegs mit Grünen-Star Robert Habeck in Osnabrück

Von Raphael Steffen

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Osnabrück. Er ist seit Januar 2018 Bundesvorsitzender der Grünen, gilt als Shooting-Star der Politik, seine Partei ist im Umfragehoch. Unterwegs mit Robert Habeck in Osnabrück.

Es ist kurz nach 20 Uhr, als Robert Habeck für einen Moment zur Ruhe kommt. Ungewollt, denn der Grünen-Vorsitzende hat es eilig. Eigentlich sollte er schon auf einer Veranstaltung über Europapolitik reden, aber der Fahrstuhl in der Osnabrücker Volkshochschule lässt auf sich warten. Also lehnt sich der 49-Jährige für einige Sekunden an die Wand. „Gesund war das aber nicht“, sagt Volker Bajus, der Vorsitzende der grünen Stadtratsfraktion, mit dem er gerade quer durch die Innenstadt gehetzt ist. Habeck zuckt die Schultern. „Normal“, entgegnet er. Bing, der Fahrstuhl ist da.

Ein Nachmittag, drei Termine

Seit dem Nachmittag ist Habeck in Osnabrück unterwegs. Drei Termine, drei verschiedene Politikfelder. Um 16 Uhr steht eine Diskussion zum bedingungslosen Grundeinkommen an. Man trifft sich im Hauptbahnhof. Eine kleine Runde, 25 geladene Gäste, das Du gehört zum guten Ton. Habeck stellt sein Papier zur „Überwindung“ von Hartz IV vor, eine „soziale Garantiesicherung“ soll an seine Stelle treten. Wenn er redet, schweifen seine Augen durch den Raum, das Wasserglas lässt er elegant in der Hand kreisen. Als die ersten Meldungen kommen, blickt er die Frager aufmerksam an, bei seinen Antworten beugt er sich weit vor, als wollte er bäuchlings über die Tischplatte rutschen. Seine Stimme ist ruhig, eine von denen, die man sich nicht schreiend vorstellen kann.

Habeck sagt Sätze wie „Wir müssen ein System hinter uns lassen, das die Gesellschaft spaltet“ oder „Menschen dürfen durch die Arbeitslosigkeit nicht in die Würdelosigkeit abrutschen“. Überhaupt die Würde: Das Wort fällt in dieser Runde besonders oft. Habeck geht es um das große Ganze.

Beim Publikum kann er damit punkten. Alle sind nett und freundlich, Kritik gibt es kaum. Es herrscht Wohlfühlatmosphäre. Nach anderthalb Stunden ist Schluss. Habeck posiert für Selfies, eine Frau bittet um Unterstützung einer Petition. Dann geht es weiter.

Zwischen Sie und Du

Zu Fuß Richtung Berliner Platz. Bei den Stadtwerken warten Vertreter von Energieunternehmen und Bürgerinitiativen. Johannes Bartelt und Anna Kebschull von den Landkreis-Grünen bringen Habeck auf den Stand der Dinge: Kraftwerk Ibbenbüren, Netzausbau, Erdverkabelung. Die frische Luft tut gut.

Die Diskussion wird anstrengender und technischer. Es geht um 380-kV-Leitungen oder Wasserstoffzellen. Habeck hat die Jacke gegen ein locker sitzendes Sakko getauscht und balanciert auf dem Grat zwischen Sie und Du. Er spricht eine halbe Stunde lang frei und ohne Pult. Die komplizierten Details der Energiewende sind dem ehemaligen Umweltminister von Schleswig-Holstein bekannt. Eine Frau erregt sich, dass Netzausbaukritiker abgekanzelt würden. Habeck weicht dem harten Streit aus, bleibt aber bei seiner Meinung: Irgendwo müssen die Leitungen her.

Durch den Osnabrücker Regen

Der Zeitplan kann nicht eingehalten werden. Mit Volker Bajus läuft Habeck durch die Innenstadt zur Volkshochschule. Kurzer Zwischenstopp in einem Dönerladen, der Politiker braucht einen Happen zu essen. Es hat zu regnen begonnen. Bajus erzählt dem kauenden und eilenden Habeck von Osnabrück. Die Friedensstadt, Heimat Remarques, früher industriell geprägt. Kurzer Blick auf den Weihnachtsmarkt am Rathaus. Habeck hört zu, während er seinen aufgeweichten Döner verschlingt.

Der Saal in der VHS ist zum Bersten voll. Anne Kura, die Landesvorsitzende, begrüßt den durchnässten Bundeschef. Hier ist Habeck in seinem Element, er spricht rege. „Europa braucht eine neue Begründung“, ruft er den Besuchern zu: „Die politischen Antworten müssen so radikal sein wie die Realität.“ Der promovierte Philosoph und Schriftsteller blickt durch. Seinen Hang zur Schwafelei, den ihm manche nachsagen, hat er im Griff. Gelegentlich streut er persönliche Erfahrungen ein. Habeck lebt mit Frau und vier Kindern in Flensburg, direkt an der dänischen Grenze. Er kennt die Vorteile der EU.

Prall gefüllt: Robert Habeck zieht die Zuhörer in seinen Bann. Foto: Jörn Martens

Manchmal sagt Habeck Dinge, die einem Urgrünen nicht über die Lippen gekommen wären. Dass Wettbewerb ja eine gute Sache sei oder man den Landwirten auch mal Danke sagen müsse. Erkennbar ist auch sein Bemühen, nicht das grüne Klischee von der Verbots- und Moralpartei zu bedienen. Die Grünen scheinen ihm eh nicht das Maß aller Dinge zu sein. „Dieser Bürgersinn ist größer als eine Partei oder eine Werbeveranstaltung“, meint Habeck. Es geht ums große Ganze.


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