Interview mit Kulturdezernent Beckermann Theatersanierung in Osnabrück: "Zwei Drittel der Bausumme müssen von außen kommen"

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Noch ist das Theater Osnabrück keine Baustelle. Aber die ersten Vorbereitungen werden getroffen. Foto: Michael GründelNoch ist das Theater Osnabrück keine Baustelle. Aber die ersten Vorbereitungen werden getroffen. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Kommentare auf unseren ersten Bericht zur anstehenden Sanierung des Theaters am Domhof in Osnabrück haben wir zum Anlass genommen, bei der Stadtverwaltung nachzufragen. Kulturdezernent Wolfgang Beckermann hat unsere und die Fragen der Leser beantwortet.

Kindergärten, Straßen und Schulen sind marode, und die Stadt saniert das Theater. Ist das gerechtfertigt?

Da liegen Missverständnisse vor. Die Stadt beabsichtigt keineswegs, aus eigenen Haushaltsmitteln 62 oder, mit Risikozuschlägen, 80 Millionen Euro in die Sanierung des Theaters zu geben. Bereits bei der ersten öffentlichen Präsentation des Sanierungsprojekts haben Oberbürgermeister Wolfgang Griesert und ich erklärt, dass wir uns eine Sanierung nur vorstellen können, wenn zwei Drittel der Bausumme über eine Außenfinanzierung gedeckt werden, durch Bund, Land und weitere Institutionen und auch Privatleute.

Dann bleiben immer noch 20 bis 27 Millionen Euro, die die Stadt aufbringen muss. Wäre das nicht besser in Schulen investiert?

Der Rat hat bereits im vergangenen Jahr beschlossen, in der mittelfristigen Planung 80 Millionen Euro für die Schulen aufzuwenden: Ausbau der Ganztagsschulen, Sanierung und Neubau von Schulen. Das ist eine Summe, die wir aus städtischen Mitteln aufbringen, und das ist noch nicht das Ende, entsprechend der Investitionsoffensive, die der Rat im letzten Jahr beschlossen hat. Unsere aktuelle Schulentwicklungsplanung wird erhebliche weitere Investitionserfordernisse mit sich bringen. Wenn wir den Kultur- und den Bildungsbereich nebeneinander stellen, sieht man, dass wir sehr viel mehr in den Bereich der Bildung investieren. Und noch einmal: Der Löwenanteil des Geldes für die Theatersanierung wird von außen kommen müssen.

Hat große Bauvorhaben vor sich: Wolfgang Beckermann, Dezernent der Stadt Osnabrück für Kultur, Bildung und Soziales. Foto: Ralf Emmerich


Hätte es Alternativen zur Sanierung gegeben?

Die Alternativen wären ein kompletter Neubau gewesen – oder eine Null-Variante, bei der über dreißig Jahre nur anfallende Reparaturen durchgeführt werden. Wir haben das durchrechnen lassen, mit dem Ergebnis, dass die Neubau-Variante am teuersten kommt, gefolgt von der Null-Variante. Die günstigste Variante ist die angestrebte Sanierung.

Die ist aber trotzdem nur möglich mit dem Geld von außen. Was macht Sie jetzt schon so sicher, dass diese Zwei-Drittel-Lösung zustande kommt?

Da bin ich nicht hundertprozentig sicher! Die Stadt hat erhebliche Erfordernisse in der Infrastruktur, und der Finanzvorstand Thomas Fillep hat im Blick, dass das alles zu leisten sein muss: Der Ausbau von Kindergärten, Straßen. Deshalb werden wir die Theatersanierung nur leisten können, wenn wir in hohem Maße Zuschüsse vom Land, vom Bund, von anderen Stellen bekommen. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Das Vorhaben Theatersanierung steht unter dem Vorbehalt einer Finanzierung von außen.

Wie steht der Rat dazu?

Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung. Mit dem Rat hatten wir bisher einen informellen Austausch gehabt, keine formale Sitzung. Dann haben wir die Öffentlichkeit informiert, und Anfang nächsten Jahres soll der Grundsatzbeschluss des Rates folgen. Ich gehe davon aus, dass der Rat dem Vorschlag folgen wird.

In den Kommentaren auf unseren ersten Beitrag zur Theatersanierung wird gefordert, die Ticketpreise zu erhöhen, bis zu 30 Euro werden da genannt. Was halten sie von dieser Idee; könnte man so nicht die städtischen Zuwendungen ans Theater reduzieren?

Die Eintrittspreise, die wir für unser Theater verlangen, bewegen sich eher im oberen Bereich, verglichen mit anderen Theatern außerhalb der großen Zentren. Aber ich finde, die Preise sind angemessen. Wir haben ein Publikum, das sich, was die Einkommensverhältnisse angeht, sehr unterscheidet: Wir haben von der Rentnerin mit einem überschaubaren Einkommen bis zum Unternehmer alles. Daher glaube ich nicht, dass man die Preise so locker erhöhen kann. Da müssen wir im Sinne sozialer Verantwortung maßvoll sein. Gewisse Anpassungen kann man aber schon vornehmen.

Andere Leser stellt die Frage, ob die Mittel im Kulturhaushalt so verteilt sind, dass sie den Bedürfnissen der Bürger entsprechen. Sie fordern mehr Geld für Bücher, für Sport und Bildung. Zurecht?

Der Rat wird am kommenden Dienstag den Haushalt für das Jahr 2019 verabschieden. Und da wird er deutlich mehr Mittel für die Kultur bereitstellen; da liegt ein Schwerpunkt der aktuellen Kommunalpolitik, im Bereich der Kultur und der Bildung mehr Aktivitäten zu entfalten. Wir haben für alle mögliche Bereiche Anpassungen nach oben; so stocken wir den Medienetat der Stadtbibliothek um sage und schreibe 50 Prozent auf. Damit stärken wir also die Stadtbibliothek als Bildungsstandort. Und für den Sport werden zum Beispiel Kunstrasenplätze vorangetrieben.

Trotzdem: Kultur oder Bildung?

Ich möchte nicht kulturelle, sportliche und andere Angebote der Stadt gegeneinander ausspielen. Das schadet allen. Aber das geschieht hier auch nicht. Sowohl Rat als auch Verwaltung haben die Stadtgesellschaft als Ganzes im Blick.

Wie sehen Sie denn die künftige Funktion des Theaters in einer sich wandelnden Gesellschaft: Kann das nicht auch ein Argument für die Sanierung sein?

Selbstverständlich. Wir haben gerade im Kulturausschuss des Deutschen Städtetages, in dem ich die Stadt Osnabrück vertrete, darüber vor knapp einer Woche intensiv diskutiert. Wir hatten einen Schwerpunkt kulturelle Bildung, bei dem Theater eine ganz große Rolle spielten. Mit Blick auf unser Theater und die Verstärkung der Theaterpädagogik in den letzen Jahren muss man sagen, dass das Theater ein Ort für kulturelle Bildung ist. Im Kontext des Europäischen Kulturerbejahres fällt auf, dass Theater an repräsentativen Plätzen in den Städten errichtet wurden, damit einen hohen Identifikationsgrad in der Stadtgesellschaft besitzen und dort ganz aktiv hineinwirken. Deshalb muss man Theater und Bildung als Einheit in unserer Stadtgesellschaft betrachten. Theater braucht dafür Raum, ist wie in Osnabrück oft über Jahrzehnte gewachsen. Deshalb muss Theater auch sichtbar und als Ort und auch von den Eintrittspreisen  her mit möglichst geringen Zugangshürden verbunden sein. Schauen wir zudem die politischen Entwicklungen der letzten Jahre an, dann brauchen wir unser Theater als Ort der Auseinandersetzung.

Statistische Erhebungen sagen nun aber, dass Theater mit klassischem Konzert und dem, was man unter Hochkultur versteht, fünf oder sechs Prozent der Bevölkerung erreichen würde. Im Umkehrschluss heißt das, dass man über 90 Prozent nicht erreicht. Welche Anforderungen an ein Theater der Zukunft erwachsen daraus?

Für mich gehört dazu, dass wir uns immer auch neuen Gruppen gegenüber offen zeigen müssen. Neue Erfordernisse entstehen dadurch, dass unsere Gesellschaft stark durch Migration geprägt ist. Wir müssen uns der jungen Generation widmen etwa durch eine aktive Theaterpädagogik und indem wir möglichst alle Gesellschaftsgruppen erreichen. Auch wenn nicht die Mehrheit der Bevölkerung das Theater nutzt, ist es ein Ort, der bestimmte Lebensverhältnisse thematisiert. Es ist natürlich auch ein Ort der Begegnung, an dem es möglich ist,über all das zu streiten.

Wie wollen Sie denn all diese Dinge, besonders den Kraftakt de Finanzierung, vermitteln?

Nach der Grundsatzentscheidung des Rates im Januar werden wir eine Broschüre zur Sanierung auflegen, Interessierte zu kostenlosen öffentlichen Führungen zur Theatersanierung einladen, erstmals am 2. Februar. Dann beabsichtigen wir Treffen mit Entscheidungsträgern aus der Region und darüber hinaus mit Bundes- und Landtagsabgeordnete, Ministern. Dann kann ich mir Podiumsdiskussionen vorstellen und Zusammenarbeit mit dem Theater- und Musikverein. Wir werden also vielfältig öffentlich agieren.


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