Mittelalterliches Epos "Grundschriften" in Osnabrück: Dem doppelten Inzest folgt die Läuterung

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Inzestuöses Epos: Vorleser Siegfried Kerner (links) und Hanjo Kersting.  Hermann PentermannInzestuöses Epos: Vorleser Siegfried Kerner (links) und Hanjo Kersting. Hermann Pentermann

Osnabrück. Mit der Reihe "Grundschriften" stellt der Autor Hanjo Kersting zentrale Schriften aus allen Geschichtsepochen Europas vor. Am gestrigen Montagabend auf dem Programm: Das hochmittelalterliche Epos "Gregorius" aus der Feder des Hartmann von Aue.

"Ich muss Ihnen etwas gestehen, was Sie vielleicht erleichtern wird", sagte Stadtsprecher Sven Jürgensen eingangs der Veranstaltung. "Ich kenne ihn auch nicht." Tatsächlich, das bekannte auch Hanjo Kesting, Initiator der "Grundschriften"-Reihe, ist der "Gregorius" aus der Feder des Autoren Hartmann von Aue nicht allzu tief im europäischen Bildungsbewusstsein verankert. Was nicht unbedingt an der Qualität liege, sondern an der Fokussierung späterer Epochen auf die Autoren der Antike. ("Grundschriften" - darum geht es)

Keine Chance gegen das griechisch-lateinische Fundament 

Aufklärung und Klassik hätten auf lateinisch-griechischem Fundament einen Kanon errichtet, den die Wiederentdeckung der Epiker des deutschen Mittelalters im 19. Jahrhundert höchstens noch graduell verändern konnte, erklärte Kesting. Zudem seien das Mittelalter und seine kulturellen Überbleibsel in den Zusammenhang einer nationalen Geschichtserzählung gerückt und so um ihren eigentlich europäischen Ursprung gebracht worden. (Mit Klaus Schreiber auf den Spuren des Odysseus)

Diesen Ursprung darzustellen, war in der Folge eines der Anliegen, mit dem Kesting im ziemlich voll besetzten Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses durch das verwickelte Epos des Gregorius führte. Der Namensgeber des im 13. Jahrhundert entstandenen Werkes entstammt einer inzestuösen Verbindung zweier Sprößlinge des aquitanischen Hofes. Die Eltern setzen das in Schande geborene Kind kurz nach der Geburt mit einem Hinweis auf seine hohe Geburt aus. Es wächst auf einer Insel auf, in Obhut eines Abtes und wird irgendwann von seiner edlen wie sündigen Herkunft eingeholt. (Hanjo Kersting über die Germania von Tacitus)

Romanze zwischen Sohn und Mutter 

Als junger Mann macht sich Gregorius also auf in die Welt, wo ihn der Zufall an den Hof seiner Mutter führt, die er zunächst aus feindlicher Bedrängnis errettet und daraufhin ihr Herz erobert. In Unkenntnis ihrer familiären Beziehung heiraten die beiden und erneuern so den Inzest, der sich in zwei Töchtern manifestiert - natürlich kommt das irgendwann ans Licht und auf einmal wird teuflisch, was beiden zuvor noch höchstes Glück war. In Angesicht der neuerlichen Schande zieht sich Gregorius für 17 Jahre auf einen Felsen zurück, von dem ihn die göttliche Fügung irgendwann nach Rom auf den Papstthron führt. Ein letztes Mal treffen Mutter und Sohn im Beichtstuhl aufeinander, wo sie sich letztlich erneut erkennen und hier endlich ohne Sünde in Beziehung zueinander treten können. 

Das Grundthema, den Inzest, ordnete Kesting als Variation des antiken Ödipus-Themas ein, dass sich im Mittelalter in zahlreichen Erzählungen über ganz Europa und darüber hinaus verbreitet habe. Für seine Ausführungen stütze sich Kesting immer wieder auf Thomas Mann, der schon in jungen Jahren vom Gregorius Notiz nahm und schließlich 1951 im Roman "Der Erwählte" dessen Geschichte mit einer anderen Gewichtung neu erzählte. 

Mit Gott zur Läuterung 

Mann ordnete Gregorius in die Genese der klassischen Sage ein, wo am Ende einer Entwicklung von Ödipus über Judas, Andreas und Paulus von Caesarea schließlich das Inzestmotiv auf hochmittelalterliche Wertevorstellungen trifft. Diese lösen die Geschichte von Schande und Schuld, vom Schauspieler Siegfried Kerner mit reichlich Leben vorgetragen, letztlich zu einem guten Ende auf. Die Buße und die christliche Liebe zur Welt erlauben es Gregorius, ein geläutertes Leben zu führen und eine ebenso geläuterte Beziehung als Sohn zur Mutter aufzubauen, die eines Tages im Beichtstuhl unverhofft an ihn herantritt. Denn, wie schon im Epilog angelegt ist, gibt es "keine Sünde, von der man nicht durch Reue geheilt werden könnte, außer allein dem Zweifel."




"Grundschriften" - so geht´s weiter

Die nächsten Veranstaltungen aus der Lesereihe  „Erfahren, woher wir kommen: Grundschriften der europäischen Kultur“:

Montag, 28. Januar:  Sophokles: König Ödipus, gelesen von Monique Schwitter

Montag, 25. Februar: Platon: Apologie des Sokrates, gelesen von Wolf-Dieter Sprenger

Montag, 25. März: Vergil: Aeneis, gelesen von Klaus Schreiber 

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