25-Jähriger soll Frau geschlagen haben Totes Baby in Osnabrück: Mutter will Hundeattacke geglaubt haben

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Der Angeklagte vor dem Landgericht Osnabrück am ersten Prozesstag, begleitet von seinem Verteidiger Frank Otten. Foto: Jörn MartensDer Angeklagte vor dem Landgericht Osnabrück am ersten Prozesstag, begleitet von seinem Verteidiger Frank Otten. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Liam starb im Alter von nur vier Tagen. Angeklagt ist der Vater: Der 25-Jährige soll das Baby im Mai erschlagen haben. Vor dem Landgericht Osnabrück schilderte die Kindsmutter den Tag, an dem ihr Baby starb. Sie skizzierte das Bild eines leicht reizbaren und gewalttätigen Partners, dem sie dennoch blind vertraute.

Rund zwei Stunden lang sagte die Mutter des kleinen Liam am Dienstag aus, begleitet von einer psychosozialen Prozessbetreuerin. Unter Tränen berichtete die 25-Jährige am dritten Prozesstag, wie sie am frühen Abend des 15. Mai vom Einkaufen nach Hause kam – vier Tage nach Liams Geburt, vier Stunden nach ihrer Entlassung von der Entbindungsstation eines Osnabrücker Krankenhauses. Liam habeaus Nase und  Mund blutend reglos auf dem Sofa gelegen. Der 25-jährige Angeklagte habe weinend im Wohnzimmer gestanden. 

Eine Woche später starb der Säugling im Krankenhaus. „Ich habe den Kleinen auf dem Arm gehabt, als die Maschinen abgestellt wurden“, berichtete die junge Frau vor dem Landgericht. Wäre er nicht gestorben, wäre er schwerstbehindert gewesen, gab die Mutter die Aussagen der Ärzte wieder.

Angeklagter: Zwei Mal auf Waschbecken aufgeschlagen

Liam erlag am 22. Mai seinen schweren Kopfverletzungen. Der Kindsvater ist angeklagt wegen Totschlags. Er soll das Baby geschlagen und geschüttelt haben – Vorwürfe, die er bei einer Vernehmung eingeräumt hatte, später und bei seiner Aussage vor Gericht revidierte. Beim Baden sei ihm das Kind aus den Händen gerutscht und mit dem Kopf auf dem Rand des Waschbeckens gefallen. Sogar zwei Mal, wie er nun am Dienstag erklärte. Auch beim Auffangen sei das Baby, dessen Namen er nie ausspricht, erneut mit dem Kopf auf dem Beckenrand aufgeschlagen. Am ersten Prozesstag hatte er zugegeben, das Baby nach dem Sturz aus Panik geschlagen zu haben.

Der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt. Anfangs hatte das Paar angegeben, ein fremder herrenloser Hund habe das Baby auf einer Wiese in Hellern angefallen und verletzt.

Schläge im Schlafzimmer

Vor Gericht gab die Kindsmutter an, sie habe lediglich die Hunde ihres Partners schützen wollen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sei es Zuhause zum Streit gekommen. Der Angeklagte habe ihr im Schlafzimmer in die Rippen geboxt sowie mit flachen Händen auf den Kopf geschlagen. Liam sei für die Dauer des Streits alleine im Wohnzimmer gewesen, zwischen einer halben Stunde und einer Stunde, so die Mutter. Der Angeklagte habe ihr Toilettenpapier gegen das Nasenbluten gegeben und sich entschuldigt. Das sei typisch für ihn: schnell die Contenance zu verlieren, auszurasten, sich dann aber aufrichtig zu entschuldigen. So beschrieb sie den 25-Jährigen. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass er ihr gegenüber gewalttätig gewesen sein soll, Streit habe es oft gegeben. Auf das Kind habe er sich aber „tierisch gefreut“.

Keine Windeln im Haus

Nach dem Streit, so die Kindsmutter weiter, habe der Angeklagte das Baby im Waschbecken des Badezimmers gebadet – zumindest habe sie Wasser laufen hören, sonst nichts. Danach habe sich der Angeklagte mit Liam aufs Sofa gelegt. Die 25-Jährige habe sich dazu gelegt und geschlafen. Weil das Paar keine Getränke und Windeln im Haus hatte – ein Willkommenspaket des Krankenhauses habe der Angeklagte in den Flur der Entbindungsstation geworfen, weil er keine Hilfe annehmen wollte – ging die junge Frau nach dem Aufwachen zum Drogerie- und Supermarkt um die Ecke, was vor Gericht gezeigte Standbilder von Videokameras belegen. Ihr Partner sei für sie nicht erkennbar berauscht gewesen, er rauche sonst regelmäßig Marihuana.

Drogen und Alkohol

Das Leben des Angeklagten ist seiner Angabe zufolge geprägt von Drogen und Alkohol.
Sein leiblicher Vater, ein britischer Soldat, verlässt die Familie, als er fünf ist. Sein Stiefvater, ebenfalls britischer Soldat, fällt im Irakkrieg, als er neun ist.
Schon im Kindergarten fällt es dem Angeklagten schwer, sich einzuordnen, bis die Mutter ihn aus der Einrichtung nimmt. Sie sei lieb, aber überfordert mit ihm gewesen. Schon früh verfällt der Osnabrücker dem Alkohol. Seinen ersten Rausch hat er im Alter von zehn oder elf Jahren. Mit 14 kommt er mit 4,8 Promille ins Krankenhaus.
In den weiteren Jahren folgen weitere Drogen, die er in großen Mengen konsumiert: Koks, Marihuana, Speed, Extasy, LSD, Pilze. Entzüge und Therapien scheitern.
In der achten Klasse bricht er die Hauptschule ab. Eine Ausbildung beginnt er nicht, mehrere Jahre ist er wohnungslos.
Er habe nun die Privatinsolvenz beantragt – wegen Mietschulden und „Jugendsünden“. yjs

Blauer Fleck am Kopf

Zuvor habe sie einen blauen Fleck am Kopf des Kindes bemerkt, etwa von der Größe eines Eis. Darauf angesprochen, habe der Angeklagte gesagt: „Der Dicke wollte Pfote geben“, gab die Mutter ihren damaligen Partner wieder. Gemeint war einer der beiden Hunde. Ob Liam zu diesem Zeitpunkt schon lebensgefährlich verletzt war oder nicht, sei für die Frau nicht zu erkennen gewesen, sagte der Vorsitzende Richter auf eine in diese Richtung deutende Frage des Rechtsmediziners hin. Als Liam auf der Brust des Angeklagten gelegen hatte, habe sie kein Blut aus Mund und Nase laufen sehen. „Zu diesem Zeitpunkt hat er noch normal geatmet“, sagte die Mutter.

Erstretter erkannten kritischen Zustand sofort

Nach ihrer Rückkehr vom Einkaufen sei Liam Blut aus Mund und Nase gelaufen. „Ich bin zusammengesackt, weil ich dachte, das Kind ist tot“, erzählte die Mutter. Die Verletzungen des Babys waren sehr schwer – das erkannten Notarzt und Rettungssanitäter sofort nach ihrer Ankunft. Sie sagten am Dienstag aus, das Baby wegen der Schwere der Verletzungen und des Zustands der Wohnung – dunkel und dreckig, wie Fotos belegen – sofort in den Rettungswagen und dann umgehend ins Krankenhaus gefahren zu haben. Die dort später behandelnde Ärztin kämpfte bis tief in die Nacht um Liams Leben.

Erfundene Hundeattacke

Schon kurz danach berichtete die Mutter, ein fremder Hund habe Liam angegriffen, gestand sie vor Gericht. Sie habe angenommen, dass es die Hunde ihres Partners gewesen waren, habe aber nicht gewollt, „dass auch noch die eigenen Hunde belangt werden“. Eine konkrete Absprache mit dem Angeklagten über die erfundene Attacke habe es nicht gegeben. Die Lüge flog schnell auf, weil sich Ungereimtheiten ergaben. Erst später habe sie erfahren, dass Liam nicht zu Tode gebissen worden war. „Ich hätte ihm das nie zugetraut“, sagte die 25-Jährige über ihren einstigen Lebensgefährten.

Die junge Frau sagte aus, sie nehme seit dem Tod ihres Babys Medikamente. Das Grab ihres Sohnes sehe sie nie. „Ich kann nicht zum Friedhof gehen.“

Der Angeklagte folgte den Ausführungen der 25-Jährigen ohne große Regung. Als die Mutter den Saal verließ, würdigten sich die beiden keines Blickes. 


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