Kammeroper im Lortzinghaus Uraufführung von "Der Horla": In Klang gefasste Verzweiflung

In düstere Tiefen führte Bariton Rhys Jenkins den von ihm verkörperten Ich-Erzähler. Foto: Thomas OsterfeldIn düstere Tiefen führte Bariton Rhys Jenkins den von ihm verkörperten Ich-Erzähler. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Ein außergewöhnliches Projekt nahm mit der Uraufführung der Kammeroper "Der Horla" von Patrice Oliva im Osnabrücker Lortzinghaus musikalische Gestalt an. Unterstützt wurde die Aufführung von der Osnabrücker Loge "Zum Goldenen Rade".

Am 6. Juli 2018 jährte sich der Todestag des französischen Schriftstellers und Journalisten Guy de Maupassant (1850-1893) zum 125. Mal. Der aus Marseille stammende und in Osnabrück lebende Komponist Patrice Oliva hat dies zum Anlass genommen, eines seiner frühen Werke, die Oper " Le Horla," basierend auf einer Novelle Maupassants, zu sichten und komplett neu zu konzipieren. Entstanden ist ein psychologisches Kammerspiel, das im Saal des Lortzinghauses ein intimes Zwiegespräch des Ich-Erzählers mit seinem Tagebuch offenbart, opulent in Klang gefasst vom Kammerorchester unter dem Dirigat von Daniel Inbal.

Die düsteren Tiefen, in welche Bariton Rhys Jenkins den von ihm verkörperten Ich-Erzähler zum späteren Zeitpunkt noch führen sollte, lagen eingangs noch fern. Licht und facettenreich schmückte das Kammerorchester die anfänglichen Szenerien aus, in der sich das Gefühlsleben des Protagonisten ausgeglichen gestaltete. Peú a peú schlichen sich, jeweils entsprechend musikalisch gespiegelt, erste Beschwerden ein, wobei der Klangfluss den Ausdruck des heiter-erhabenen zunächst beibehielt. Eine tänzelnde Flöte oder kurze Solo-Klavierpassagen mischten muntere Stimmungstupfer in das langsam aufziehende Ungemach.

Anwachsendes Unwohlsein

Dem anwachsenden körperlichen und seelischen Unwohlsein versucht der Ich-Erzähler analytisch-rationalisierend beizukommen. Die Gründe für seine Beschwerden blieben ihm dabei verborgen, da mit den Sinnen nicht fassbar. Dieses Unsichtbare wurde im weiteren Verlauf zur Obsession. Der gesanglich dargebotene Tagebuchbericht entwickelt sich mehr und mehr zu einer "Tour de force," in welchem die Rationalisierungsversuche des Erzählers ins Leere liefen. 

Die im französischen Original gesungenen Textpassagen und ihr musikalisches Pendant arbeiteten perfekt abgestimmt mit zeitlichen Versetzungen. Hier offenbarte sich der intuitive musikalische Zugang Patrice Olivas zu Maupassants Werk, der sich auch den Zuhörenden ganz offen erschloss. Bass-Bariton Genadijus Bergorulko als Arzt und der lyrische Bariton Jan Friedrich Eggers als Sprecher trugen mit ihrem Einsatz ebenfalls zur Ausdrucksstärke von Olivas Werk bei.

Geheimnisvolles Wesen

Zunehmend reifte beim Ich-Erzähler die Gewissheit, das ein geheimnisvolles Wesen, der "Horla" (hors-là; da draußen) von ihm Besitz ergriffen habe. Seine fast zwanghaften Rationalisierungsversuche führten schließlich in die wahnhafte Verengung und verhängnisvolle finale Kulmination.

Mit der orchestralen Klangsprache stellte sich der taumelnden Innerlichkeit eine beeindruckende musikalische Entsprechung an die Seite. Das Drohende und Unbestimmte wurde so präzise und fern jeder überflüssigen Abstrahierung, klanglich auf den Punkt gebracht. Die Musik stellte sich ganz in den Dienst der Handlung und behauptete dabei doch ihre authentische Klangsprache.


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