Lesung von "Lotta Schultüte" in Osnabrück Welche Schule für ein Kind, das nicht gehen, sehen und sprechen kann?

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Autorin Sandra Roth mit ihrer Tochter, die eigentlich gar nicht Lotta heißt. Doch um die Daten von ihren Kindern zu schützen, wurden in dem Buch sämtliche Namen (auch die der Schulen und Lehrer) verändert. Foto: Sigrid Reinichs/ZEITmagazinAutorin Sandra Roth mit ihrer Tochter, die eigentlich gar nicht Lotta heißt. Doch um die Daten von ihren Kindern zu schützen, wurden in dem Buch sämtliche Namen (auch die der Schulen und Lehrer) verändert. Foto: Sigrid Reinichs/ZEITmagazin

Osnabrück. Ihr Buch "Lotta Wundertüte" über ihre mehrfach schwerbehinderte Tochter wurde zu einem Bestseller, nun wird Sandra Roth aus ihrem neuen Werk "Lotta Schultüte" in der Stadtbibliothek Osnabrück vorlesen – eine Fortsetzung, die womöglich nie entstanden wäre, wenn sich die Autorin bei der Suche nach einer geeignete Schule für Lotta nicht so furchtbar geärgert hätte.

„Ich weiß, Lotta ist bereit für die Welt. Ich weiß nur nicht, ob die Welt auch bereit ist für Lotta", schreibt die Autorin Sandra Roth in ihrem neuen Buch. Lotta kann weder gehen noch sehen noch selbständig essen oder sprechen. Dank sogenannter Sprachcomputer ("Talker") kann sie immer besser mit ihrem Umfeld kommunizieren, und für ihren großen Bruder Ben ist sie ohnehin das schönste und coolste Mädchen der Welt. 

Während sich "Lotta Wundertüte" um das Leben einer Familie mit einem schwerbehinderten Kind drehte, um die eigenen Ängste und Sorgen, geht es in dem zweiten Buch um "die anderen" – die Gesellschaft, die Welt. Und das kann ganz schön weh tun. 

"Wenn ich ehrlich bin – ich hätte dein Kind auch nicht gerne in meiner Klasse"Grundschullehrerin und Freundin der Autorin Sandra Roth

"Wenn ich mein Kind sehe, dann sehe ich ein charmantes, neugieriges und ehrgeiziges Kind", sagt die Journalistin, die mit ihrer Familie in Köln lebt, in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Und wie groß die Angst und die Unsicherheit im Umgang mit einem schwerbehinderten Kind sind, zeigte sich für Sandra Roth vor allem bei der Suche nach einer geeigneten Schule für ihre Tochter. Dabei geht es der Autorin in ihrem Buch nicht darum, bestimmte Schulen oder Lehrer an den Pranger zu stellen, auch wenn ihr Aussagen wie die eines Schulleiters – "Gewickelt wird hier nicht!" – im Herzen weh getan hätten. "Das Thema Inklusion wird oft sehr ideologisch, aber auch angstbesetzt diskutiert – mir war es wichtig, mir einmal ganz verschiedene Positionen anzuschauen." 

Inklusion bedeutet nicht, dass alle zusammen in einem Raum sitzen

Zum Beispiel die Position ihrer Freundin, die in "Lotta Schultüte" Merle heißt und als Lehrerin an einer inklusiven Grundschule arbeitet: "Ehrlich gesagt – ich hätte dein Kind auch nicht gerne in meiner Klasse." Natürlich habe sie sich über diese Aussage zunächst aufgeregt, sagt Sandra Roth, "ich dachte, du magst mein Kind", sei ihre erste Reaktion gewesen. Aber dann habe ihre Freundin ihr erklärt, dass genau das ja der Grund für ihre Ablehnung sei – sie glaube einfach nicht, Lotta und allen anderen Kindern in ihrer Klasse gerecht werden zu können. 

Nach dem Erfolg von "Lotta Wundertüte" hat Sandra Roth nun ein neues Buch über ihre schwerbehinderte Tochter geschrieben: "Lotta Schultüte". Foto: Anké Hunscha

Welche Bedürfnisse behinderte und nichtbehinderte Kinder – wie Lottas großer Bruder Ben – haben, welche Rahmenbedingungen eine inklusive Schule haben muss, die nicht als einziges Zielt hat, Kinder mit und ohne Handicap gleichzeitig in einem Raum zu haben – all dies wird in "Lotta Schultüte" angesprochen. 

Lotta als Klassensprecherin?

Und so viel kann man schon verraten: Lotta landet am Ende dort, wo Sandra Roth sie zunächst gar nicht haben wollte – an einer Förderschule. Dort besucht die Neunjährige mittlerweile die dritte Klasse – und findet es super. "Wenn morgens der Bus kommt und sie abholt, dann quietscht sie vor Vergnügen", erzählt ihre Mutter. Außerdem habe sie enorme Fortschritte gemacht. Lotta kann inzwischen aus einem Becher trinken. "Ein Riesenschritt", sagt Sandra Roth. Bis vor Kurzem musste ihre Tochter noch mit einer Spritze Wasser in den Mund gespritzt werden. In ihrer Schule gibt es eine eigene AG zum Thema Schlucken. Auch ihre Haltung habe sich verbessert und: ihr Selbstbewusstsein ist gewachsen. "Lotta ist so selbstbewusst, dass sie für das Amt der Klassensprecherin kandidiert hat", sagt Sandra Roth und lacht. Zu Bens Empörung sei sie es zwar am Ende nicht geworden, doch für ihre Mutter zeigt Lottas Mut nur, dass man behinderte Kinder nicht immer bemitleiden müsse. "Das arme Kind?" Das gilt nicht für Lotta, sagt sie, denn: "Lotta findet sich richtig toll." 

Die  Lesung  von Sandra Roth findet auf Einladung des Vereins Lebenshilfe am Donnerstag, 29. November, um 18.30 Uhr im Lesecafé der Stadtbibliothek Osnabrück, Markt 1, statt. Der Eintritt ist frei, ein barrierefreier Zugang ist gewährleistet. 



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