Professoren beantworten Leserfragen Insektenkekse für das Publikum beim Osnabrücker Wissensforum

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Macht Musik schlau? Wie entstehen fremdenfeindliche Vorurteile gegenüber Ausländern? Warum läuft die Zeit nicht rückwärts? Diese und andere Fragen wurden am Freitagabend beim Osnabrücker Wissensforum geklärt.

Käfer-Ravioli als Mittel gegen den Welthunger, die Folgen des Brexit für die deutschen Bürger, der Einfluss von Sport auf die Sprachentwicklung: Die Besucher des elften Osnabrücker Wissensforums erhielten am Freitagabend in der Schlossaula einen Einblick in zahlreiche spannende Themengebiete. Unter der Moderation von Uni-Präsident Wolfgang Lücke und Ralf Geisenhanslüke, Chefredakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung, beantworteten 33 Professoren der Universität Osnabrück in vierminütigen Vorträgen die Fragen, die unsere Leser im Vorfeld eingesandt hatten.

Auch im elften Jahr ist das Wissensforum noch ein Publikumsmagnet. So waren die Karten für die Veranstaltung binnen weniger Minuten vergriffen.  Für alle, die keine Karten mehr bekommen hatten, aber trotzdem gerne "live" dabei sein wollten, hatte die Universität kurzfristig einen besonderen Service eingerichtet - einen Livestream im Netz.

Gedächtnis wie ein Wikipedia-Eintrag

Der Psychologe Thomas Gruber stellte eindrücklich dar, wie leicht das eigene Gedächtnis manipuliert werden kann. Er betonte, dass sich unser Erinnerungsvermögen nicht wie eine komplette Mitschrift der Realität funktioniere. Eher lasse sich unser Gedächtnis mit einem Eintrag bei Wikipedia vergleichen, den man selbst immer wieder anpasst, der aber auch von anderen geändert werden kann. 

Das Publikum quittierte die Auftritte mit lautem Klatschen. Foto: André Havergo


Für viele Professoren war es nicht das erste Mal, dass sie beim Osnabrücker Wissensforum dabei waren. Auch Silja Vocks kennt sich bereits bestens mit der Veranstaltung aus. Hatte sie sich im vergangenen Jahr noch der Frage gewidmet, was Schönheit ist, so ging es in ihrem diesjährigen Vortrag um die Ess-Sucht. Sie berichtete dabei, dass negative Emotionen häufig Ess-Anfälle auslösen können. Diese dienen dann häufig dazu, um die eigenen Gefühle zu regulieren, so Vocks.

Wie entstehen fremdenfeindliche Diskriminierungen?

Beim Thema fremdenfeindliche Vorurteile zeigte sich das Wissensforum auf der Höhe der Zeit. Nach einer aktuellen Studie vertritt fast jeder Dritte in Deutschland ausländerfeindliche Positionen. Julia Becker erläuterte, wie diese fremdenfeindlichen Diskriminierungen entstehen. Die Wissenschaftlerin berichtete, dass Vorurteile insbesondere in einem Klima sozialer Ungleichheit und wahrgenommener Bedrohung wachsen würden.  Zugleich ließen sich Vorurteile sich verstärkt dort finden, wo Menschen keinen Kontakt zu der sozialen Gruppe haben, gegenüber der sie Vorurteile hegen. Studien würden zeigen, dass Vorurteile in Ostdeutschland verbreiteter sind als in Westdeutschland, da in Ostdeutschland deutlich weniger Migranten leben und daher die Möglichkeiten für direkte Kontakterfahrungen reduziert sind. 

Strukturreform der Kirche gefordert

Einen überaus aktuellen Bezug hatte auch der Vortrag von Margit Eckholt. Gleich mehrere Fragen unserer Leser waren im Vorfeld zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche eingegangen. Eine Studie hatte ergeben, dass  im Zeitraum zwischen 1946 und 2014 insgesamt 3677 Kinder und Jugendliche zu Opfern sexuellen Missbrauchs durch Kleriker geworden sind. Anstatt die Vorfälle richtig aufzuarbeiten, wurden sie von der Kirche vertuscht; Priester wurden versetzt, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden. Eckholt fordert deshalb eine tiefgreifende Strukturreform der Kirche, eine Auseinandersetzung mit Macht und Autorität in der Kirche, mit der verpflichtenden Verbindung von Zölibat und Weihe sowie mit der Frage nach Frauen in kirchlichen Ämtern.

Appell für die Impfpflicht

Einen emotionalen Appell für die Impfpflicht lieferte Henning Allmers. Am Ende seines Vortrags berichtete er von einem achtjährigen Mädchen, das an Masern starb. Impfungen könnten solche Todesfälle verhindern, sagte der Wissenschaftler - und ergänzte: "Wer, wie meine Kommilitonen und ich während des Verlaufs eines Semesters das langsame Sterben des achtjährigen Mädchens an einer Masern-Enzephalitis verfolgen musste, der wird kein Verständnis für die Theorie aufbringen, dass es für den menschlichen Organismus besser ist, eine Krankheit durchzumachen, als seine Kinder impfen zu lassen."

Gibt es eine Chance gegen Trump?

Um Weltpolitik ging es in dem Beitrag von Peter Schneck. Gibt es bei der nächsten US-Präsidentschaftswahl eine Chance gegen Trump? Für den Wissenschaftler wird die Antwort auf diese Frage vor allem davon abhängen, wie Wähler, internationale Partner und Widersacher die weitere Entwicklung der "konservativen Revolution" unter Trump einschätzen. Nicht zuletzt dürfte auch die Frage entscheidend sein, welcher Demokrat gegen den Präsidenten antreten wird. "Aktuelle Schätzungen gehen von einem sehr diversen Feld von mehr als 20 Bewerbern aus – die Vorwahlkämpfe könnten so auch zum selbstzerstörerischen Richtungsstreit der demokratischen Partei werden, was dem aggressiven Wahlkampfstil Trumps sicher in die Hände spielen würde", prognostizierte Schneck.

Für ihre Vorträge hatten die Professoren nur vier Minuten Zeit. Wer überzog, dem wurde die rote Karte gezeigt. Foto: Havergo


Auch die künftige Präsidentin der Universität, Susanne Menzel, trat als Expertin auf. In ihrem Vortrag ging sie der Frage nach, ob Emotionen unsere Leistung steigern. Anhand von Studien führte sie aus, dass sich negativer Stress unvorteilhaft auf die Lernleistung auswirken kann. Negative Gefühle machen Lernen unmöglich oder erschweren es zumindest, so Menzel. Gleichzeitig könnten positive Emotionen durchaus hilfreich sein. Sie verwies dabei auf das Phänomen, dass das Wissen über Problemzustände nicht ausreicht, wenn es beispielsweise darum geht, sich für die Natur zu engagieren. Neben dem Wissen benötige es auch Emotionen. "Fühlen wir uns der Natur mit dem Herzen nah, geht es uns also nicht nur gut, sondern wir tun auch etwas für sie. Wissen allein kann dies nie erwirken. Hier brauchen wir die emotionale Seite", so das Fazit Menzels.

Auch die künftige Präsidentin der Universität, Susanne Menzel, trat als Expertin auf. Foto: André Havergo


Das Publikum zeigte sich begeistert von den Vorträgen und quittierte die Beiträge mit teils tosendem Applaus. Für viele Besucher war es nicht das erste Mal, dass sie beim Wissensforum dabei waren. So auch für Udo Schmidt, dem vor allem die thematische Mischung der Vorträge gefiel.


Kekse mit Insekten werden gereicht

Während der Pause nahmen zahlreiche Besucher unbewusst an einem Experiment der Universität teil. Auf einem Tablett wurden Insektenkekse angeboten - in zwei Varianten. Bei der einen Variante waren Insekten sichtbar auf den Plätzchen verteilt, bei der anderen nicht. Bei beiden Sorten wussten die Besucher aber, dass es sich um Insektenkekse handeln würde.

Die Insektenkekse waren das kulinarische Highlight. Foto: André Havergo
Auch Insektenburger wurden verteilt. Foto: André Havergo


Eigentlich, so berichtete Florian Fiebelkorn in seinem Vortrag, habe er angenommen, dass die Besucher eher zu den Keksen greifen würden, auf denen keine Insekten zu sehen sind. Doch zur Überraschung des Wissenschaftlers hatten die Gäste beide Sorten gleichermaßen verspeist. "Diese Studie ist wohl in die Hose gegangen", sagte Fiebelkorn mit einem Lachen. In seinen weiteren Ausführungen legte er dar, dass Insekten durchaus ein sinnvolles Nahrungsmittel sein können. 

Und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen könnten Insekten im Vergleich zu konventionellen Nutztieren, wie Schweinen, Rindern und Hühnern, wesentlich umweltfreundlicher und nachhaltiger produziert werden. Zudem seien einige Insektenarten gesünder als andere Fleischsorten. Die Ursache dafür, dass Insekten hierzulande so selten auf dem Teller landen, sieht Fiebelkorn vor allem in dem Ekel, den viele Menschen davor besäßen.Sein Appell: "Springen Sie über ihren Schatten, überwinden Sie ihren Ekel und geben Sie Insekten als Nahrungsmittel eine Chance!"

Künstlerisch begleitet wurden die Vorträge von der Kunststudentin Christina Porat, die anhand der Beiträge Zeichnungen anfertigte – darunter befand sich auch ein Gesamtbild von der Veranstaltung. Für die musikalische Untermalung des Abends sorgte das Jazz-Duo der Universität um Mattis Balks und Minh Voong.

Dieses Bild von dem Wissensforum zeichnete die Kunststudentin Christina Porat. Bild: Universität Osnabrück/Christina Porat
Für die musikalische Untermalung des Abends sorgte das Jazz-Duo der Universität um Mattis Balks und Minh Voong. Foto: André Havergo


Einen würdigen Abschluss fand das Wissensforum mit dem Redebeitrag von Thomas Vogtherr, der sich der Frage widmete, ob es eine Päpstin Johanna gegeben hat. Zwar hätten die Menschen im 13. Jahrhundert durchaus an die Geschichte von der angeblichen Päpstin geglaubt, dennoch gebe es keine Zeugnisse ihres Wirkens. "Seit dem 17. Jahrhundert gilt die Geschichte als erfunden, vom ersten bis zum letzten Buchstaben", so der Wissenschaftler. Die Erfindung einer Päpstin durch den Dominikanermönch Martin von Troppau sei letztlich eine Zeitkritik an einem moralisch aus dem Ruder gelaufenen Papsttum gewesen, so das Fazit von Vogtherr.

Nächstes Wissensforum am 15. November 2019

Mit dem Vortrag von Vogtherr endete ein spannender Abend, der auch im kommenden Jahr mit neuen Fragen wiederholt wird. Das zwölfte Osnabrücker Wissensforum soll am 15. November 2019 stattfinden, kündigte NOZ-Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke an. An seiner Seite wird dann wohl nicht mehr Wolfgang Lücke moderieren, sondern die neue Universitäts-Präsidentin Susanne Menzel, die Lückes Posten im Oktober 2019 übernehmen wird. 



Videoaufnahmen der Beiträge

Die einzelnen Beiträge wurden auf Video aufgenommen. Die Filme finden Sie ab Mitte kommender Woche unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN