Totschlagsprozess fortgesetzt Totes Osnabrücker Baby: Ärztin überrascht von Schwere der Verletzungen

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Der Angeklagte auf der Anklagebank zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche. Foto: Jörn MartensDer Angeklagte auf der Anklagebank zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Im Prozess um das in Osnabrück mutmaßlich totgeschlagene Baby haben am Mittwoch mehrere Polizisten sowie die behandelnde Kinderärztin ausgesagt. Einige von ihnen hegten früh Zweifel an der Hundeattacke, die die Eltern erfunden hatten. Ein Polizist sagte, er könne sich an den Tag besser erinnern als ihm lieb sei.

Sechs Polizeibeamte schilderten am zweiten Prozesstag das Erlebte jenes 15. Mai, als der vier Tage alte Liam mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gekommen war. Sie waren nach dem Notarzt in der Wohnung in Hellern eingetroffen, hatten mit den Eltern gesprochen und Spuren gesichert. 

Der Angeklagte zum Prozessauftakt vor dem Landgericht Osnabrück am vergangenen Mittwoch. Foto: Jörn Martens

Baby an Kopfverletzungen gestorben

Die Staatsanwaltschaft wirft dem heute 25-jährigen Vater Totschlag vor. Er soll sein vier Tage altes Baby im Mai dieses Jahres geschlagen und geschüttelt haben, weil es beim Waschen nicht stillgehalten habe. Es starb Tage später an Kopfverletzungen. Der Angeklagte sagte vergangene Woche aus, das Baby sei ihm beim Baden aus den Händen gerutscht und mit dem Kopf auf den Rand des Waschbeckens gefallen. Direkt nach der Tat hatten die Eltern angegeben, ein unbekannter Hund habe das Baby auf einer Wiese in Hellern angefallen und verletzt.

Auf dieser Wiese – einem Regenrückhaltebecken – soll das Baby von einem fremden Hund lebensgefährlich verletzt worden sein. Die Lüge flog schnell auf. Archivfoto: Philipp Hülsmann

Vor dem Landgericht berichteten die Ermittler, wie ihnen die Eltern in den ersten Stunden nach dem Vorfall von der Hundeattacke erzählt hatten. Gerade erst von der Entbindungsstation entlassen, seien sie mit Liam und den beiden Hunden des Angeklagten auf eine Wiese gegangen. Während der 25-Jährige mit seinen Hunden gespielt habe, habe die Mutter mit Liam auf einer Decke gelegen. Ein fremder Hund sei dazugekommen und habe den Jungen angefallen. Der Säugling habe geblutet, Zuhause hätten die Eltern den Notarzt gerufen. So lautete die Version der Eltern.

Zweifel bei Polizisten und Ärztin

Einige der Polizisten hatten sofort Zweifel an dieser Darstellung. „Mein Bauchgefühl sagte, irgendetwas passt da nicht“, sagte ein Beamter. „Ich dachte, vielleicht waren es seine eigenen Hunde.“ Den Vater als mutmaßlichen Totschläger hatte zu diesem Zeitpunkt noch kein Ermittler auf dem Schirm. Dieser, so berichteten es alle Zeugen, habe bitterlich geweint und sei völlig aufgelöst gewesen. Die Mutter hingegen habe sich ruhig und teilnahmslos gezeigt, berichtete eine Ermittlerin, die die Frau befragt hatte. Das bestätigten alle Ermittler. Lediglich die Ärztin sagte, die Mutter habe im Krankenhaus viel geweint.

Doch auch diese hatte Zweifel an der Darstellung der Eltern. „Die Verletzungsschwere hat mich überrascht“, sagte die 36-jährige Oberärztin und schilderte Details der zahlreiche Verletzungen. Auf die Frage, ob sie Bedenken hatte bezüglich der Hundeattacke, sagte sie: „von Anfang an“. Die zahlreichen blauen Flecken am Kopf etwa „sprachen nicht für einen Hundebiss“. Dennoch habe die Mutter ihr noch in der Nacht von einer Hundeattacke berichtet. Die Ärztin hatte vom frühen Abend bis nachts um 2 Uhr gebraucht, um Liam am Leben zu erhalten.

Widersprüche in den Aussagen

Die Eltern hatten sich früh in Widersprüche verstrickt. So gaben sie anfangs unterschiedliche Wiesen an, wo es zu dem angeblichen Angriff gekommen sein soll. Laut Staatsanwaltschaft hatte die Mutter die Hundeattacke erfunden, der Angeklagte habe sie mitgetragen – bis er einknickte. Seither präsentierte er den Ermittlern mehrere Versionen, wie das Baby starb.

Die Ermittler gaben in der mehr als dreistündigen Verhandlung zudem weitere Einblicke in die Lebensverhältnisse der Eltern. Die Wohnung sei völlig „verdreckt und vermüllt“ gewesen, sagte ein Beamter.  Diesen Eindruck bestätigten die anderen Ermittler. Zudem sei die Wohnung nur notdürftig möbliert gewesen. Ein Beamter sprach von „katastrophalen Verhältnissen“. Die Spurensicherung fand ein Handtuch, einen Lappen sowie mehrere Taschentücher mit Blutspuren.

Der Angeklagte verfolgte den zweiten Prozesstag ohne Regung.


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