Wanderausstellung in der Uni-Bibliothek Westerberg November-Pogrome: „Alles brannte!“

Von Joachim Dierks

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Die Macher und Begleiter der Ausstellung: (von links) Carl-Heinrich Bösling (VHS), Anneke Thiel (Uni-Bibliothek), Christoph Rass (Historiker), Felicitas Hundhausen (Leiterin Uni-Bibliothek), Stefanie Fischer (Referentin), Martina Blasberg-Kuhnke (Uni-Vizepräsidentin), Ulrich Baumann (Ausstellungskurator, Berlin). Foto: Joachim DierksDie Macher und Begleiter der Ausstellung: (von links) Carl-Heinrich Bösling (VHS), Anneke Thiel (Uni-Bibliothek), Christoph Rass (Historiker), Felicitas Hundhausen (Leiterin Uni-Bibliothek), Stefanie Fischer (Referentin), Martina Blasberg-Kuhnke (Uni-Vizepräsidentin), Ulrich Baumann (Ausstellungskurator, Berlin). Foto: Joachim Dierks

Osnabrück. Die Entrechtung der deutschen Juden in den preußischen Provinzen Hannover und Ostpreußen bis hin zu den November-Pogromen vor 80 Jahren ist das Thema einer Wanderausstellung, die jetzt in der neuen Uni-Bibliothek am Westerberg eröffnet wurde.

Die Idee zur Ausstellung hatte das in Lüneburg ansässige Ostpreußische Landesmuseum. Um nun nicht nur das jüdische Leben in Ostpreußen und seine Zerstörung darzustellen, sondern eine breitere Basis zu schaffen, wandten sich die Lüneburger an die Berliner Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Gemeinsam entwickelte man das Konzept, die westlichste und die östlichste Provinz des Freistaates Preußen, also die Provinzen Hannover und Ostpreußen, nebeneinanderzustellen. Für Ausstellungskurator Ulrich Baumann war es eine überraschende Erkenntnis, dass die beiden Provinzen trotz großer räumlicher Distanz viele Gemeinsamkeiten aufwiesen: „Beide waren etwa gleich groß und gleich bevölkerungsstark, ähnelten sich in ökonomischer Hinsicht, hatten mit Hannover und Königsberg historisch und kulturell bedeutende Hauptstädte. Und in beiden Provinzen gab es ein florierendes jüdisches Leben, das durch die nationalsozialistische Gewalt zerstört wurde.“

Plünderungen

Eine Ausstellungstafel geht auf die Philosophin Hannah Arendt ein: „Sie ist ein verbindendes Element beider Provinzen – Geburt und frühe Kindheit in Hannover-Linden, dann spätere Kindheit und Jugend in Königsberg“, erläuterte Baumann. Vier Ausstellungstafeln und eine Vitrine sind speziell für den hiesigen Ausstellungsort angefügt worden: Sie zeigen Fotos des Augenzeugen Karl Ordelheide vom Synagogenbrand und von der Ausplünderung jüdischer Geschäfte sowie hetzerische Zeitungsartikel, in denen die Große Straße wegen der Ansammlung jüdischer Geschäfte als „Neu-Jerusalem“ verspottet wird.

Grenzüberschreitender Beitrag

Die Ausstellung versteht sich auch als grenzüberschreitender Beitrag zur gemeinsamen deutsch-russischen Aufarbeitung der jüngsten Geschichte. Sie wurde bereits in Königsberg/Kaliningrad gezeigt und stieß dort auf große Resonanz. Alle Begleittexte sind zweisprachig verfasst. „Das passt auch gut für die Osnabrücker Situation mit einer jüdischen Gemeinde, deren Mitglieder in der Mehrzahl aus der früheren Sowjetunion zugewandert sind“, meinte Geschichtsprofessor Christoph Rass, der mit dem Historischen Seminar der Universität Mitveranstalter ist. Baumann wusste aus eigener Anschauung zu berichten, dass in Kaliningrad jüngst der Wiederaufbau der Synagoge vollendet wurde. Dort habe man sich allerdings nicht lange mit einer vorbildgetreuen Rekonstruktion aufgehalten, sondern einen modernen Betonbau in alter Kubatur hingestellt, den man zum Schluss backsteinrot anmalte.

Keiner ist für die Opfer aufgestanden

Uni-Vizepräsidentin Martina Blasberg-Kuhnke wies bei der Ausstellungseröffnung darauf hin, dass vor 80 Jahren noch 182 jüdische Mitbürger in der Stadt lebten, etwa ein Drittel der Zahl von 1932. Es waren entweder ärmere Menschen, die sich die Emigration nicht leisten konnten, oder ältere Menschen, die nicht glauben wollten, dass der Staat auch ihre Existenz vernichten würde. Rund 300 SA-Männer, Hitler-Jungen und BDM-Mädchen schwärmten am 9. November vom Marktplatz aus, um jüdische Geschäfte zu plündern, Wohnungen zu zerstören und die Bewohner in einer Art Spießrutenlauf zu den Gestapozellen im Schloss zu treiben. „Die Osnabrücker schauten sich das an, keiner ist für die Opfer aufgestanden“, sagte Blasberg-Kuhnke. Sie sehe die Ausstellung als einen wichtigen Baustein der Erinnerungskultur an, der dazu dienen möge, dass sich so etwas niemals wiederholt.

Aktionen einer Mehrheit

Ausstellungskurator Ulrich Baumann regte an, sich von dem Begriff „Novemberpogrom“ zu verabschieden. Der sei zwar besser als die zynische Bezeichnung „Reichskristallnacht“, aber er treffe es auch nicht richtig. Die Pogrome im zaristischen Russland waren Aktionen einer breiten Mehrheit, die sich von der jüdischen Minderheit übervorteilt fühlte. Weil der Staat untätig blieb, griffen sie zur Selbsthilfe. Am 9. November 1938 war es aber gerade so, dass der Staat die Aktionen zentral geplant hatte und lenkte, während die Bevölkerung mehr oder weniger unbeteiligt danebenstand. Baumann schlug vor, zukünftig vom „Antijüdischen Staats- und Parteiterror von 1938“ zu sprechen.

Die Ausstellung „Alles brannte!“ im Foyer der Universitätsbibliothek am Westerberg, Nelson-Mandela-Platz 1, ist bis zum 20. Dezember in der Zeit montags bis freitags 9 bis 22 Uhr und samstags 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet. Ein Folder mit dem Begleitprogramm ist auf der Internetseite www.vhs-os.de/downloads/politik-gesellschaft.html abrufbar.


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