Lübecker Märtyrer Junge Priester des Bistums Osnabrück trotzen dem Nazi-Regime

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Osnabrück. Als junger Priester verfolgt Ansgar Lüttel die Spur eines Kollegen. Der hatte während des Zweiten Weltkriegs sich und die Mitglieder seiner Gemeinde in Lebensgefahr gebracht. Dennoch verehren ihn Christen von Osnabrück bis Lübeck bis heute.

Wenn er genau hinsah, konnte er in dem Bronzekunstwerk am Lesepult ein Fallbeil und Stacheldraht erkennen. In der Krypta, dem weiß getünchten Raum mit den niedrigen, gewölbten Decken unter der Probsteikirche in Lübeck, feierte Ansgar Lüttel als junger Priester Anfang der 1980er-Jahre Gottesdienste. Die ungewöhnlichen Symbole am Lesepult führten ihn zu einem Mann, der hier mit Ende zwanzig ebenfalls als Priester gearbeitet hatte. Ansgar Lüttel hatte seinen Namen schon mal gehört: Johannes Prassek. Als Lüttel eine Predigt zum Gedenken an Prassek halten soll, taucht er ein in die Geschichte seines Vorgängers und trifft auf Geheimnisse, Gestapo-Spitzel und vier zutiefst gläubige Männer.

„Ich lebte plötzlich in der Geschichte“, sagt Lüttel. Ein schmales Buch zu den Lübecker Märtyrern hütet er wie einen Schatz. „Darin steht, was in meiner eigenen Wohnung in Lübeck passiert war.“ Sein Vorgänger in dieser Wohnung, Johannes Prassek, zog 1939 nach Lübeck. Prassek sei ein „Heißsporn“ gewesen. Als junger Hilfspfarrer trifft er auf dem Lübecker Friedhof den evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink – in der Sakristei wechselten sich katholische und evangelische Pfarrer ab. Die Beerdigungen waren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eng getaktet, und so kamen der katholische Pfarrer Prassek und der ältere, evangelische Pastor Stellbrink ins Gespräch.

„Sie hatten ähnliche Vorstellungen“, sagt Ansgar Lüttel. Nachdem Stellbrink ursprünglich Hitlers Machtübernahme befürwortet hatte, änderte er in den folgenden Jahren seine Meinung. Gemeinsam mit den katholischen Kollegen tauschen die Geistlichen Briefe des Münsteraner Kardinals Clemens August Graf von Galen aus. Der war als Kritiker des nationalsozialistischen Regimes bekannt und wandte sich gegen das Euthanasieprogramm der Nazis, gegen die Vernichtung angeblich unwerten Lebens.

Spitzel eingeschleust

In Religionsstunden und Gesprächskreisen im Lübecker Pfarrhaus kritisierte Johannes Prassek die Ermordung geistig und körperlich Kranker und den Umgang des Regimes mit Zivilisten in besetzen Gebieten. Außerdem kümmerte er sich um katholische polnische Zwangsarbeiter, was streng verboten war. Zusammen mit Prassek wohnten zwei weitere junge Priester im Pfarrhaus. Der eine, Hermann Lange, erklärte im Gespräch mit jungen Soldaten, die Teilnahme am Krieg sei unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Und die Jugendarbeit des dritten Priesters Eduard Müller entwickelte sich zusehends zur Konkurrenz für die Aktivitäten der Hitlerjugend. Prassek sei ganz klar der Kopf der Gruppe gewesen, auf die wenig später die Nationalsozialisten aufmerksam wurden, sagt Ansgar Lüttel.

Die Nazis verfolgten das Treiben in den christlichen Gemeinden – und griffen schließlich zunächst verdeckt ein. Sie schleusten einen Spitzel ins katholische Pfarrhaus ein, einen jungen Soldaten, der vorgab, konvertieren zu wollen. Er nahm an Gesprächskreisen teil, verließ jedoch hin und wieder das Zimmer und machte sich Notizen, sammelte Beweise gegen die jungen Priester. „In dieser Wohnung, in der all das stattgefunden hat, habe ich gewohnt. Die Möbel waren anders, aber die Wohnung war die gleiche“, erinnert sich Ansgar Lüttel. Er hatte den gleichen Blick aus seinem Fenster auf das rot geklinkerte Krankenhaus gegenüber wie Johannes Prassek. Nur Verfolgung musste er nicht befürchten.

Prassek und seine Kollegen bemerkten nicht, wie ihre Gesprächsgruppe unterwandert wurde. Auch in der Gemeinde des evangelischen Kollegen sammelte ein Pastor, den die Gestapo geschickt hatte, Informationen.

Als Pfarrer Stellbrink dann auch noch nach der Bombennacht vom 29. März 1942 predigte, Gott habe mit mächtiger Stimme gesprochen, und die Lübecker würden wieder lernen zu beten, ist für die Machthaber das Maß voll. Stellbrink wird neun Tage nach seiner Predigt verhaftet, Mitte Mai Prassek, im Juni die beiden anderen katholischen Priester. Zusammen mit den Geistlichen werden 18 Laien aus den beiden Gemeinden vor Gericht gestellt. Während die Laien freigesprochen oder zu Haftstrafen verurteilt werden, wollen die Nazis an den Kirchenmännern ein Exempel statuieren.

Denn auch wenn während der zwölfjährigen Nazi-Herrschaft viele Christen verfolgt und umgebracht wurden, war das Engagement der vier Lübecker nicht repräsentativ. Den völligen Bruch mit dem Nationalsozialismus vermied die Amtskirche. „Widerstand aus christlicher Motivation war nicht der Normal-, sondern immer der Ausnahmefall, der sich vom Opportunismus der Masse und dem der Kirchen als Institutionen abhob“, schreiben die Historiker Thomas Brechenmacher und Harry Oelke in einem Aufsatz.

Bei den vier Lübeckern befürchten die Nazis keinen Empörungssturm der Bevölkerung. Oberreichsanwalt Ernst Lautz empfiehlt die Todesstrafe – sie sei angemessen und diene der Abschreckung. Der Richter verurteilt die Angeklagten wegen Hochverrats zum Tode. Als es schon zu spät ist, schaltet sich Papst Pius XII. ein und sendet ein Telegramm an die päpstliche Botschaft in Berlin: Der Botschafter möge sich für die Aufhebung der Todesstrafe einsetzen. Da warten die vier Verurteilten im Gefängnis in Hamburg schon auf ihre Hinrichtung. Sind sie sehenden Auges in den Tod gegangen? „Die vier haben die Gefährlichkeit der Situation vielleicht nicht richtig eingeschätzt“, vermutet Ansgar Lüttel. An ihrem Glauben hielten sie umso intensiver fest.

In Lübeck traf Lüttel als junger Kaplan die ehemalige Haushälterin seiner drei Vorgänger. Sie erzählte, als die drei jungen Männer noch im Lübecker Gefängnis saßen, habe sie ihnen regelmäßig frische Wäsche gebracht. Zwischen der Kleidung versteckte sie Hostien. „Für die drei war das die Verbindung zu dem, was für sie am wichtigsten war“, sagt Lüttel.

„Vergesset mich nicht!“

Die drei katholischen Priester und der protestantische Pfarrer werden schließlich nach Hamburg verlegt. Der katholische Gefängnispfarrer dort beschreibt die drei jungen Katholiken nach einem Besuch als bleich, aber fest im Glauben. Der junge Hilfspfarrer Eduard Müller schreibt kurz vor seinem Tod an seine Schwester: „Meine liebe, liebe Lisbeth, jetzt ist es so weit. In wenigen Stunden habe ich meinen Lebensweg vollendet. […] und schreibe allen, dass es mein innigster Wunsch ist, daß wir uns alle im Himmel wiedersehen. Ich werde keinen oben vergessen, und vergesset auch mich nicht!“

Der junge Priester Hermann Lange schreibt an seine Geschwister: „Trauert nicht um mich, denn ich gehe jetzt in das Land, wo es keine Trauer mehr gibt!“ An seine Eltern schreibt er: „Ich bin 1.) froh bewegt, 2.) voll großer Spannung! Zu 1.: Für mich ist mit dem heutigen Tage alles Leid, aller Erdenjammer vorbei – und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen. […] Wovor sollt’ ich mich denn wohl fürchten?“ Und Johannes Prassek schreibt seiner Familie: „Heute Abend ist es nun so weit, daß ich sterben darf. Ich freue mich so, ich kann es Euch gar nicht sagen, wie sehr.“

Ist so viel niedergeschriebene Freude glaubwürdig für einen tatkräftigen Mann Anfang 30, der weiß, dass er in wenigen Stunden sterben wird? „Daran habe ich keinen Zweifel“, sagt Ansgar Lüttel. „Das waren frisch geweihte Priester. Das ist, wie jung verliebt zu sein. Ich glaube schon, dass das authentisch ist.“

Am 10. November 1943 werden Johannes Prassek, Eduard Müller, Hermann Lange und der evangelische Pfarrer Karl Friedrich Stellbrink im Abstand von jeweils drei Minuten durch ein Fallbeil getötet. Die Leichen werden verbrannt. Nur im kirchlichen Amtsblatt des Bistums Osnabrück werden die drei katholischen Priester in der Rubrik Todesfälle genannt. Zu den Umständen darf nichts veröffentlicht werden.

Seliggesprochen, also als Märtyrer anerkannt, wurden die Lübecker Geistlichen erst 2011. Bis dahin pflegten die Gemeindemitglieder in Lübeck das Andenken der Männer, feierten jeden Todestag der jungen Priester und des evangelischen Pfarrers. Als Ansgar Lüttel Anfang der Achtzigerjahre nach Lübeck kommt, denkt aber niemand an eine Seligsprechung.

Ein Grund: Priester desselben Jahrgangs hätten sich fragen lassen müssen, was sie in einer Zeit getan hatten, in der ihre Glaubensbrüder wegen Kritik am Regime getötet worden waren. „Um die Seligsprechung konnte sich erst die nachfolgende Generation kümmern, die all das nicht mehr erlebt hatte“, glaubt Lüttel. Heute sind Räume und Gebäude nach den vier Kirchenmännern benannt – im Bistum Osnabrück, in Lübeck und in Hamburg. Im Osnabrücker Priesterseminar hängt im Speisesaal ein Kreuz, unter dem Johannes Prassek verhaftet worden sein soll. Im Dom hängt links neben dem Marienaltar ein großes Bronzekreuz mit den Porträts der vier Geistlichen darauf. Zum heutigen 75. Todestag wurde eine Sonderbriefmarke zu den Lübecker Märtyrern gedruckt.

„Aber es geht weniger um die Briefmarke, es geht um das Zeugnis der vier“, glaubt Ansgar Lüttel. „Sie haben gezeigt, dass der Mensch ein Gewissen hat, mit dem er sich auseinandersetzen muss. Und sie haben andere Menschen angesteckt. Das hat mich tief beeindruckt.“

Heute wird Lüttel, der mittlerweile dem Domkapitel in Osnabrück vorsteht, ein Abendgebet zusammen mit einer evangelischen Kollegin im Gedenken an seine Lübecker Kollegen leiten. In Lüttels Wohnung füllt die Literatur über die Märtyrer mittlerweile einen Regalmeter. „Ich weiß, wo ich hingreifen muss, um Informationen zu finden“, sagt der 68-Jährige. Dort steht auch das Buch, mit dem er sich vor rund vierzig Jahren über Johannes Prassek informiert hat. Die einzelnen Kapitel fallen mittlerweile heraus, wenn man es zur Hand nimmt. „Es ist vollkommen zerfleddert, aber ich bewahre es auf wie eine Reliquie“, sagt Lüttel und lächelt.


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