„Die Nachfrage ist nicht das Problem“ Nachschub bei Grippeimpfstoff stockt in der Region Osnabrück

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Mehr Patienten als im Vorjahr wollen sich derzeit gegen Grippe impfen lassen. Wahrscheinlich hat die Grippewelle des vergangenen Winters sie aufgeschreckt. Archivfoto: Caroline Seidel/dpaMehr Patienten als im Vorjahr wollen sich derzeit gegen Grippe impfen lassen. Wahrscheinlich hat die Grippewelle des vergangenen Winters sie aufgeschreckt. Archivfoto: Caroline Seidel/dpa

Osnabrück. Die Impfsaison hatte kaum begonnen, da meldete der Branchendienst Apotheke Adhoc schon, dass die Vierfach-Impfstoffe gegen Grippe so gut wie ausverkauft seien. Wer sich für den Winter gegen Influenza wappnen wolle, müsse sich beeilen. Ganz so dramatisch ist die Situation in der Region Osnabrück zwar nicht, doch auch hier macht sich der Engpass bemerkbar. Die Nachfrage ist dabei aber nicht das Problem.

„Der Impfstoff ist schon alle. Wir haben aber welchen nachbestellt.“ Sätze wie diesen könnten Patienten, die sich in Osnabrück gegen Grippe impfen lassen wollen, in diesen Tagen häufiger hören. Wo welcher Impfstoff noch erhältlich ist, ist von Praxis zu Praxis und von Apotheke zu Apotheke unterschiedlich: „Wir haben noch genug Impfstoff, obwohl deutlich mehr Nachfrage da ist als vergangenes Jahr“, sagt eine Sprechstundenhilfe aus dem Ärztehaus an der Meller Straße in Osnabrück. Möglicherweise hat die Grippewelle des vergangenen Winters viele dazu bewogen, sich dieses Jahr impfen zu lassen.

Deutlich mehr Patienten als im gleichen Zeitraum 2017 jedenfalls haben sich bisher in der Praxis des Georgsmarienhütter Allgemeinmediziners Dr. Christoph Sperveslage impfen lassen. So viele, dass ihm diese Woche der Impfstoff schon ausging: „Unser ist jetzt weg, aber wir kriegen nächste Woche wieder 30 bis 50 Dosen“, sagt er.

Hersteller schätzen Bedarf vorab

„In der Tat kann es derzeit schwierig sein, an Grippeimpfstoff zu kommen. Die Industrie hat die Großhändler beliefert und die wiederum ihre Abnehmer wie Apotheken oder Arztpraxen. Und wenn die Vorräte dort zur Neige gehen, kann es schwer werden, Nachschub zu bekommen“, erläuterte Sprecher Burkhard Riepenhoff auf Anfrage an den Gesundheitsdienst des Landkreises Osnabrück. Hintergrund sei wohl, dass die Industrie den Bedarf vorab abschätzt und normalerweise nicht nachproduziert.

Nachschub etwa in der Antonius-Apotheke im GMHütter Stadtteil Holzhausen gibt es nach Auskunft von Ulrike Laermann „immer nur stückchenweise“. Die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte berichtet, dass nur noch wenige Dosen vorrätig seien. Vergangene Woche sei zwar eine Lieferung mit Impfstoffen gekommen, „aber die waren von den Ärzten vorbestellt“.

Symbolfoto: dpa

In der Bad-Apotheke im Kurort Bad Rothenfelde wird der Impfstoff immer nur auf Kundenanfrage beim Großhändler bestellt. Ob er aber auch geliefert werde, ändere sich von Tag zu Tag, erklärt eine Mitarbeiterin: „Vorrätig haben wir nichts!“

Immer wieder Lieferengpässe

Dass es zwischendurch immer wieder Lieferengpässe gibt, bestätigen auch Hermann Leiber, Inhaber der Osnabrücker Dom-Apotheke, Malte Kunz von der Apotheke am MHO (Marienhospital Osnabrück) und Anke Marx von der Westfalen-Apotheke am Berliner Platz in Lotte-Büren.

In der Dom-Apotheke ist derzeit beispielsweise der Impfstoff Influsplit vergriffen, während Vaxigrip noch da ist. „Im Moment bekommt man nichts. Wie lange das anhält, kann man nicht sagen“, berichtet Leiber. Es könne prinzipiell schon noch nachproduziert werden, sofern die Hersteller das wollen; die Frage ist nur, wann. Das gelte aber auch für andere Arzneimittel wie zum Beispiel Ibuprofen, das eines der meist verordneten Medikamente, aber zurzeit ebenfalls nicht lieferbar sei.

In der Apotheke am MHO ist laut Kunz noch etwas an Impfstoff da, aber „nicht viel“. Die Restbestände würden vermutlich diese Woche noch aufgebraucht. Nachschub sei angefordert, die Beschaffung aber schwierig: Für die Kassenpatienten müssten die Arztpraxen aufgrund der Rabattverträge zwischen Herstellern und Krankenkassen jedes Jahr vorab Großpackungen bestellen und aus dem Sprechstundenbedarf verordnen, erklärt er. Privatpatienten könnten sich den Impfstoff theoretisch in der Apotheke selbst besorgen und vom Arzt spritzen lassen. Nur: Zehnerpackungen, also kleine Mengen Grippeimpfstoff – und das gelte für Influvac, Influsplit und Vaxigrip gleichermaßen– , seien im Moment nicht lieferbar. „Da sind nur noch einzelne Packungen vorrätig.“

Anke Marx beklagt ebenfalls „wie jedes Jahr“ massive Lieferengpässe. „Wir kriegen auch schon Anfragen aus Osnabrück“, sagt die Apothekerin aus der nordrhein-westfälischen Nachbargemeinde. Und das betreffe nicht nur die Grippe-Impfstoffe, sondern viele Medikamente: „Wir kämpfen nur noch darum, den Patienten die Arzneimittel besorgen zu können“, berichtet sie und betont: „Die Nachfrage ist nicht das Problem.“ Obwohl die verschiedenen Präparate von verschiedenen Firmen angeboten würden, könnten zeitweise „dann alle nicht liefern“.

Preisdumping durch Rabattsystem

Die Ursache dafür sieht Marx „im Preisdumping“: Seit gut zehn Jahren führe das Rabattsystem dazu, dass immer mehr Pharmahersteller Medikamente weit weg in Drittländern, etwa in Asien, produzieren ließen. Darunter leide oft nicht nur die rasche Nachschublieferung, sondern auf Dauer auch die Qualität: „Ich habe noch nie so viele Rückrufe wegen Verunreinigungen gehabt wie in den letzten Monaten.“

Die Krankenkassen legten keine Zahlen offen, sodass Preisgestaltung und Gewinne nicht mehr nachvollziehbar seien. „Das hat das ganze System ins Wanken gebracht“, kritisiert die Bürener Apothekerin, dass dies letztlich auf Kosten der Patienten gehe.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN