„Ich empfinde keinen Hass“ Holocaust-Überlebende Erna de Vries besucht Osnabrücker Schüler

Von Raphael Steffen

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Osnabrück: Erna de Vries hat die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück überlebt. Heute lebt die 95-Jährige im emsländischen Lathen und spricht regelmäßig vor Schülern über ihre Erlebnisse. Foto: Jörn MartensOsnabrück: Erna de Vries hat die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück überlebt. Heute lebt die 95-Jährige im emsländischen Lathen und spricht regelmäßig vor Schülern über ihre Erlebnisse. Foto: Jörn Martens

rast Osnabrück. Erna de Vries ist 95 Jahre alt, beim Gehen muss sie gestützt werden, sie hört nur noch schlecht. Aber ihre Stimme ist fest. Schülern des Osnabrücker Gymnasium Carolinum erzählte sie nun von ihrer Jugend im Nationalsozialismus.

Fast 100 Jugendliche, Zehntklässler des Gymnasium Carolinum, sind ins Foyer des Osnabrücker Theaters gekommen. Die Reihen füllen sich – anders als in der Schule – von vorne auf. Manche sind unruhig, lachen leise, tuscheln mit ihren Nachbarn. Als die alte Dame hereingeführt wird, kommt langsam Ruhe auf. Als sie eine Stunde später mit ihrer Erzählung endet, liegt eine bleischwere Stille auf dem Saal.

1923 wird Erna de Vries in Kaiserslautern als Tochter eines evangelischen Vaters und einer jüdischen Mutter geboren. Für die Nazis ist sie damit ein „jüdischer Mischling ersten Grades“. Der Vater stirbt früh, die Mutter muss den Betrieb allein weiterführen. Bis ihr die Lizenz entzogen wird. „Wenn die Erwachsenen auf der Straße vor mir ausspuckten oder mich beschimpften, hat mich das sehr mitgenommen“, erzählt Erna de Vries.

Abitur und Lehre werden ihr verwehrt. Während der Progromnacht 1938 – heute vor 80 Jahren – verwüsten Schläger ihre Wohnung. Eine Nachbarin steht daneben und sieht, wie Erna weint. „Jetzt heult sie. Schmeißt sie rein in den Krempel“, ruft sie. Das Mädchen läuft weg. (Weiterlesen: Die Überlebende: Eine Multimediareportage über Erna de Vries)

Die Mutter freiwillig nach Auschwitz begleitet

Mit dem Krieg kommen zum Terror die Bomben dazu. Erna de Vries arbeitet in einem jüdischen Krankenhaus, bis dieses „arisiert“ wird. Dann, 1943, soll ihre Mutter deportiert werden. Nach Auschwitz. Erna de Vries hat heimlich BBC gehört, sie weiß, was Auschwitz bedeutet. Und sie will mit. „Sie nicht, nur Ihre Mutter“, sagt der Beamte zu Erna. „Das war ein schwerer Schlag. Ich habe ihn angebettelt: Kaiserslautern will doch judenrein werden, dann sind sie mich auch los.“ Im Gefängnis sagt ein Gestapo-Mann zu ihr: „Sie wären auch kein gutes Kind, wenn Sie nicht bei Ihrer Mutter blieben.“

Nach sieben Tagen Zugfahrt erreichen die Frauen das Vernichtungslager. „Wir mussten uns ausziehen, wurden geschoren und bekamen unsere Nummer eintätowiert.“ Erna de Vries wird sie später den Schülern zeigen. Sie weiß sie bis heute auswendig. 50.462.

Nur mit Glück am Leben geblieben

Nach einer Quarantäne müssen die Häftlinge Zwangsarbeit verrichten. „Jeden Morgen gingen wir zwischen Krematorien hindurch und sahen Berge von Leichen. Wir wussten, was uns bevorstand.“ Eines Tages kommt ein Arzt und sortiert die Arbeitsunfähigen aus. Erna de Vries ist krank und wird in den Todesblock verlegt. Als sie und die anderen abgeholt werden sollen, lässt sie sich auf den Boden fallen. „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen. Und die Sonne kam. Das hat mich getröstet.“

In letzter Sekunde ruft ein SS-Mann Ernas Nummer. „Halbjuden“ sollen nicht mehr vergast werden. Erna de Vries kommt zur Zwangsarbeit ins Lager Ravensbrück. 1945, nach einem Elendsmarsch, befreien sie amerikanische Truppen.

Ihre Mutter sieht sie in Auschwitz zum letzten Mal. „Sie hat immer an mein Leben glauben wollen. Es war ihr letzter Wunsch, dass ihr einziges Kind überlebt und erzählt, was uns geschehen ist.“ Und das tut Erna de Vries. Bis heute. „Mit der Zeit ist es leichter geworden“, sagt sie den jungen Osnabrückern: „Ich habe nie Hass empfunden.“


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