Releasekonzert im Blue Note Neues Kapitel in der Vita von Jazzpianist Florian Weber

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Letzen Freitag ist Florian Webers neues Album „Lucent Waters“ auf den Markt gekommen. Jetzt geht der Jazzpianist damit auf Tour, und gestartet ist er im Blue Note in Osnabrück.

Geschichten erzählen konnte Florian Weber schon immer. Rasant und furios hat er sie gern in den Raum gerufen, hat seine Zuhörer mit einer Fülle an Tönen und irrwitzigen Wendungen mitgenommen, sie überrannt mit seiner Spiellust, mit seinen komplexen Metren, mit seiner Harmonik und seiner Vielstimmigkeit. Diesmal nun hat das eine neue Qualität angenommen: Es ist, als hätte der Pianist ein neues Kapitel in seinem Leben und in seiner musikalischen Vita aufgeschlagen.

Webers komplexe Musikwelt

Mit Bedacht hat Weber das Blue Note in Osnabrück für den Start der Tournee ausgesucht, auf der er sein neues Album „Lucent Waters“ der Jazzwelt vorstellt. Nicht Berlin, Köln, München hat er gewählt, sondern die kleine Stadt, in der er seit ein paar Jahren lebt. Er leitet hier die Jazzabteilung des Instituts für Musik der Hochschule Osnabrück, und tatsächlich ist ihm, er betont es ausdrücklich, die Stadt zur Heimat geworden. Von hier aus hat er nun eine neue Stufe der Karriereleiter erreicht: Das neue Album ist bei ECM erschienen, jenem Label aus München, das dank des exquisiten Künstlerkatalogs und der präzisen ästhetischen Vorstellungen seines Gründers Manfred Eicher eine Qualität für sich darstellt.

Gerade die Handschrift Eichers ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan; das Attribut „ECM-Klang“ ist keineswegs per se anerkennend gemeint. Tatsächlich klingt Webers Musik anders als früher: nicht so impulsiv, nicht so wild, wie in den Jahren, als er sich in Osnabrück seine Fangemeinde erspielt hat. Wer flüchtig hört, könnte meinen, Florian Weber habe seinen Biss verloren. Aber luftig und leicht klangen auch schon frühere Alben, und wenn er an diesem ein bisschen sanfter klingen mag – seine Virtuosität und die Komplexität seiner musikalischen Gedankenwelt ist die gleiche geblieben.

„Copen“ steht paradigmatisch für Webers Stand der Dinge. Das Stück spielt er im zweiten Set; eine Erzählung, nein: ein Dialog mit seinen Mitmusikern, mit der fantastischen Bassistin Linda May Han Oh, die filigran und druckvoll zugleich spielen kann, mit Dejan Terzic, dem unaufdringlich präsenten Drummer, und mit dem Trompeter Ralph Alessi, der immer ein bisschen introvertiert wirkt, aber wunderbar lyrische und farbige Soli entwickelt. In permanenter Interaktion aller vier fließt die Musik, wendet sich nach links und nach rechts, ist so dialogfreudig, dass mitunter alle vier gleichberechtigt zu Wort kommen. Daraus klingt die musikalische Erzählkunst, die Weber schon immer hatte, jetzt ins Kammermusikalische gewendet: Eine geistvolle Unterhaltung von vier Leuten, die sich ihren jazzigen ungestüm bewahrt haben und denen man mit wachsender Freude zuhört.

Tragende Rolle für Trompeter Ralph Alessi

Es ist dabei kein Zufall, dass Weber dem Trompeter Alessi eine tragende Rolle zuweist. Die Duo-CD „Alba“ mit Trompeter Markus Stockhausen, also sein ECM-Debüt, nennt Weber als wichtige Inspiration für das aktuelle Album. Außerdem muss der Austausch mit Eicher extrem fruchtbar gewesen sein. „Ich habe mir überlegt, wohin ich mich gerne entwickeln möchte“, sagt er. Seine Antwort auf die Frage war „mehr Elastizität“, und das Ergebnis konnten die Zuhörer im Blue Note erleben. „Es war genau der richtige Moment, diese Platte zu machen“, ist Webers eigenes Fazit. Das bedeutet allerdings keinen radikalen Bruch mit der Vergangenheit – so wie „Lucent Waters“ mit der Metapher vom ewig fließenden Wasser spielt, befindet sich Weber als Künstler im Fluss. Deshalb greift er auf ältere Kompositionen zurück, spielt etwa ein Stück, das er seinem langjährigen Mentor und Kollegen Lee Konitz gewidmet hat – eine schwitzige Hochgeschwindigkeitsnummer, wie gemacht für den Jazzclub. Wenn er dann vertrackte Rhythmen übereinanderschichtet, überraschende Harmoniewechsel inszeniert, Stimmen mit Gegenstimmen konfrontiert, wenn er im Solo, aber auch gemeinsam mit seiner ausgezeichneten Banddichte musikalische Strukturen entwickelt, dann ist das zu komplex, um es auf einmal zu erfassen – und so faszinierend, dass er eine unstillbare Lust auf mehr weckt: mehr von den dunklen Blockakkorden, mehr von den Rhythmen und musikalischen Linien, die manchmal gegensätzlicher nicht sein könnten und sich doch so stimmig ergänzen. Für drei Stunden ist da Osnabrück mal wieder der Nabel der Jazzwelt.


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